17. Oktober 2003 · Quelle: Tagesspiegel

Der mysteriöse Zeuge

Wer ist Enri­co H.? Der 26-Jährige will gehört haben, wie ein­er der
Angeklagten des Pot­zlow-Prozess­es den Mord an Mar­i­nus Schöberl ankündigte

 

(Tagesspiegel, Frank Jansen) Neu­rup­pin. Die Über­raschung ist groß, das Rät­sel­rat­en noch größer: Kann der
ominöse neue Zeuge dem Pot­zlow-Prozess in let­zter Minute einen neuen Dreh
geben — oder ihn gar zum Platzen brin­gen? Nach­dem sich am ver­gan­genen
Fre­itag der Anwalt des in Berlin inhaftierten Enri­co H. beim Landgericht
Neu­rup­pin gemeldet hat, sind in Jus­tizkreisen wider­sprüch­liche Äußerun­gen zu
hören. Da ist von ein­er möglichen “Luft­num­mer” die Rede, aber es wird auch
nicht aus­geschlossen, dass der Zeuge H. neue Hin­ter­gründe zum Mord an dem
16-jähri­gen Mar­i­nus Schöberl präsen­tiert. So ist für den heuti­gen Don­ner­stag
offen­bar ein beson­ders span­nen­der Prozesster­min zu erwarten — obwohl das
zunächst angekündigte Urteil aus­fällt.

 

Der Tem­plin­er Anwalt Diet­rich Schmidt hat­te am Fre­itag bei der Strafkam­mer
angerufen und mit­geteilt, sein Man­dant Enri­co H. habe im Som­mer 2000 am
Lübbe­see (Uck­er­mark) eine Äußerung des Angeklagten Mar­co S. gehört. Dieser
soll gesagt haben, er wolle Mar­i­nus Schöberl umbrin­gen. Bis­lang war von
Todes­dro­hun­gen nichts bekan­nt.

 

Mar­co S. hat zwei Jahre später, in der Nacht zum 13. Juli 2002, laut
Staat­san­waltschaft die tödliche Folter begonnen. Er habe Schöberl gezwun­gen,
sich als “Jude” zu beze­ich­nen. Es fol­gten stun­den­lange Schläge und Tritte,
an denen sich neben Mar­co S. sein Brud­er Mar­cel und Sebas­t­ian F.
beteiligten. Schließlich musste Schöberl in einem ehe­ma­li­gen Schweinestall
im Dorf Pot­zlow in die Kante eines Beton­trogs beißen. Mar­cel S. sprang dann
mit bei­den Beinen auf den Hin­terkopf des Jugendlichen. Diese Tor­tur, nach
dem grausi­gen Muster eines “Bor­d­stein­kicks” aus dem US-Film “Amer­i­can
His­to­ry X”, über­lebte Schöberl nicht.

 

Mar­cel S. hat den Sprung zugegeben, aber einen Vor­satz verneint und von
einem “Black­out” gesprochen. Sollte der neue Zeuge nun glaub­haft darstellen
kön­nen, dass Marcels Brud­er Mar­co zwei Jahre vor der Tat eine Todes­dro­hung
gegen Mar­i­nus Schöberl aussprach, erschiene ein lange geplanter Mord der
bei­den Brüder möglich — statt eines “Black­out”.

 

Wer ist dieser plöt­zlich aufge­tauchte Zeuge? In Sicher­heit­skreisen heißt es,
Enri­co H. sei selb­st als rechter Schläger aufge­fall­en. Der 26 Jahre alte
Mann aus Tem­plin sitzt in der JVA Tegel eine acht­monatige Haft­strafe ab,
unter anderem wegen Kör­per­ver­let­zung. Unklar bleibt, ob H. mit den Brüdern
Mar­co und Mar­cel S. bekan­nt war oder nur zufäl­lig am Lübbe­see eine
Mord­dro­hung auf­schnappte. Es ist außer­dem fraglich, dass Mar­co S. die üblen
Worte von sich gab, denn er saß im Som­mer 2000 in Haft. Ob er Aus­gang hat­te,
ist noch nicht gek­lärt. Möglicher­weise hat der Zeuge auch Mar­co S. mit
seinem Brud­er Mar­cel ver­wech­selt. Und dann bleibt noch die Frage, warum sich
Enri­co H. erst jet­zt gemeldet hat, beina­he fünf Monate nach dem Beginn des
in den Medi­en stark beachteten Pot­zlow-Prozess­es. Der Anwalt von H. gab
gestern nur eine karge Antwort: “Ich stecke in meinem Man­dan­ten nicht drin.”

 

Wie der Vertei­di­ger von Mar­co S. die neue Lage bew­ertet, war gestern nicht
zu erfahren. Der Anwalt von Mar­cel S., Volk­mar Schöneb­urg, hält die Angaben
des neuen Zeu­gen für unglaub­würdig. Gelassen äußerte sich der Vertei­di­ger
von Sebas­t­ian F., Ulrich Drewes. Die Vernehmung des Zeu­gen, meint Drewes,
“wird kaum Ein­fluss auf den Aus­gang des Ver­fahrens haben”.

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