28. September 2004 · Quelle: MAZ

Der sollte gemolken werden”


Pots­dam: 25-jähriger Alko­ho­lik­er erpresst
Geld von Arbeit­slosem / Landgericht Pots­dam bestätigt Verurteilung

POTSDAM Frank R. fühlt sich unwohl. Er lässt die Schul­tern hän­gen, sein
Kopf dreht sich kaum nach links oder rechts, die Arme liegen unbe­weglich
auf den Ober­schenkeln. Mit den Hän­den hält er sich an einem Stoff­beu­tel
fest. Am lieb­sten wäre er gar nicht da. Nicht in diesem Saal des
Pots­damer Landgericht­es. Links sitzt der Staat­san­walt, vor ihm drei
Richter. Nach rechts mag er schon gar nicht sehen. Dort sitzt Michael
P., der ihm das hier einge­bracht hat. Der 42-Jährige Frank R. ist als
Geschädigter vor die Strafkam­mer des Landgericht­es geladen wor­den. “Sie
sind Zeuge und müssen hier die Wahrheit sagen”, belehrt ihn der Richter.

Es geht um den 28. Feb­ru­ar 2003. Damals hat­te der heute 25-Jährige
Michael P. an sein­er Tür gek­lin­gelt. Frank R. ließ ihn here­in. Warum
auch nicht? Schließlich hat­ten sie schon früher immer mal zusam­men
getrunk­en. Dies­mal aber war der Jün­gere nicht auf ein paar Bier
gekom­men. Er wollte Geld, 450 Euro um Schulden bei anderen zu bezahlen.
Nach einem Gespräch auf dem Balkon gin­gen die bei­den Män­ner zusam­men zum
näch­sten Gel­dau­to­mat­en und R. hob die Summe ab. Dem alko­holkranken
Sozial­hil­feempfänger blieben danach noch knapp 50 Euro für den näch­sten
Monat zum Leben. Zurück in der Woh­nung wurde ein Schuld­schein
aus­ge­füllt, den ein anwe­sender Trinkkumpan unter­schrieb.

Frank R., so betont der Angeklagte, habe ihm das Geld frei­willig
über­lassen. Genau­so wie die Stereoan­lage wenige Tage später. Die hätte
er nur als Pfand aus R.s Woh­nung geholt. Weil der eini­gen Kumpels Geld
schuldete. Welchen, das wisse Michael P. nicht mehr. Aber eine
Gewalt­dro­hung gegen den schmächti­gen, stillen Mann habe es nie gegeben.
Das Urteil, das das Amts­gericht Pots­dam im März diesen Jahres gegen ihn
gefällt hat, sei falsch. Zumin­d­est in diesem Fall. Dreiein­halb Jahre
wegen räu­berisch­er Erpres­sung, gefährlich­er Kör­per­ver­let­zung,
Belei­di­gung und Volkver­het­zung waren vom Amt­srichter ver­hängt wor­den;
Michael P. hat­te dage­gen Beru­fung ein­gelegt.

Den größten Teil der Anklagepunk­te räumt er ein: Dass er zwei Afrikan­er
in der Straßen­bahn belei­digt und geschla­gen hat. Dass er einen Mann auf
der Straße ins Gesicht schlug, weil er ihn mit jeman­dem ver­wech­selt
hat­te, dass er mit einem Schla­gring in der Tasche unter­wegs war. Dass er
aggres­siv wird, wenn er getrunk­en hat. Er sei schw­er­er Alko­ho­lik­er,
lässt er über seinen Anwalt mit­teilen. Er brauche drin­gend eine
Entziehungskur.

Für Frank R. ist das nichts Neues. Als Geschädigter musste er schon zur
ersten Gerichtsver­hand­lung kom­men. Jet­zt soll er den Richtern erneut
erzählen, wie Michael P. es erre­ichte, dass er sein let­ztes Geld abhob,
seine Stereoan­lage her­aus­gab. “Irgend­wat war da …”, begin­nt er ein
Auswe­ich­manöver. Seine Angst ist für jeden im Saal spür­bar. Mit immer
leis­er­er Stimme fügt er hinzu: “Als er kam, waren noch vier, fünf andere
Män­ner dabei.” Gekan­nt habe er keinen. Aber er muss wohl die Gewis­sheit
gehabt haben, dass die immer wieder kom­men wür­den. “Der Angeklagte hat
sich einen schwachen, armen, verängstigten Mann aus­ge­sucht”, erk­lärt der
vor­sitzende Richter schließlich in sein­er Urteils­be­grün­dung. Hätte Frank
R. damals nicht allen Mut zusam­men genom­men, wäre er nicht zur Polizei
gegan­gen — für Michael P. wäre er ein ide­ales Opfer gewe­sen.

“Der sollte regelmäßig ‚gemolken′ wer­den”, erk­lärt der Richter. Und
ver­hängt eine Frei­heitsstrafe von drei Jahren und vier Monat­en. Die
allerd­ings tritt der Angeklagte erst an, wenn er eine erfol­gre­iche
Entziehungskur im Maßregelvol­lzug hin­ter sich gebracht hat. Und so kann
es eine Weile dauern, bis er wieder auf freien Fuß ist. Wenig­stens diese
eine Sorge muss Frank R. nicht haben: Dass der junge Mann bald wieder
vor sein­er Tür ste­hen wird.

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