28. September 2004 · Quelle: LR

Spremberg und die Kriegstoten

(LR) Der Geor­gen­berg in Sprem­berg ist Umbet­tungs­fried­hof für Sol­dat­en der
Kesselschlacht bei Kausche im April 1945. Am vorigen Woch­enende wur­den
dort erneut Kriegstote beige­set­zt. Mit dabei: Recht­sradikale, die Blu­men
nieder­legten. Der Umgang mit der Erin­nerung an die Kesselschlacht hat­te
erst vor weni­gen Wochen wegen Kon­tak­ten des Sprem­berg­er
Alt­bürg­er­meis­ters Egon Wochatz zu Waf­fen-SS-Vet­er­a­nen für Schlagzeilen
gesorgt.

Fün­fzehn frische Gräber waren auf dem Sol­daten­fried­hof Geor­gen­berg
aus­ge­hoben. Darin lagen am Sam­stagvor­mit­tag die sterblichen Über­resten
von Sol­dat­en, die im April 1945 in der Kesselschlacht bei Kausche im
Spree-Neiße-Kreis gefall­en waren. Wie schon oft zuvor waren sie beim
Vor­rück­en des Tage­baus Wel­zow-Süd und bei Bauar­beit­en in der Region
gefun­den wor­den.

Mit ein­er öku­menis­chen Feier­stunde wer­den diese sterblichen Über­reste
deutsch­er Sol­dat­en ein­mal im Jahr auf dem Geor­gen­berg in Sprem­berg
beige­set­zt. Organ­isator ist der Volks­bund Deutsche Kriegs­gräber­für­sorge,
der sich um die ewige Ruhe von Kriegstoten küm­mert. In Sprem­berg gerät
diese Arbeit ins Zwielicht, denn nicht zum ersten Mal waren am vorigen
Sam­stag auch etwa ein Dutzend Recht­sradikale anwe­send, darunter Frank
Hüb­n­er aus Cot­tbus.

Mehrere hun­dert Mit­glieder

Er war bis zum Ver­bot durch den Bun­desin­nen­min­is­ter im Dezem­ber 1992
Vor­sitzen­der der “Deutschen Alter­na­tive” (DA). Die war eine der damals
wichtig­sten Neon­azior­gan­i­sa­tio­nen in den neuen Bun­deslän­dern und
beson­ders in der Lausitz aktiv. Kurz vor ihrem Ver­bot hat­te die
Organ­i­sa­tion mehrere hun­dert Mit­glieder. Ex-DA-Chef Frank Hüb­n­er legte
am Sam­stag an den Sol­daten­gräbern auf dem Sprem­berg­er Geor­gen­berg einen
Blu­men­strauß nieder. Die Stän­gel waren in eine bre­ite schwarz-weiß-rote
Schleife gewick­elt, die Far­ben der Reich­skriegs­flagge, die der
recht­sex­trem­istis­chen Szene als wichtiges Sym­bol dient.

Der Umgang mit dem Erin­nern an die Kesselschlacht bei Kausche, die in
Sprem­berg ihren mil­itärischen Anfang genom­men hat­te, sorgte vor weni­gen
Wochen erst in der Region für Schlagzeilen. An den Kämpfen mit mehreren
tausend Toten, die den Vorstoß der Roten Armee auf Berlin aufhal­ten
sollte, waren auch die Waf­fen-SS-Divi­sion “Frunds­berg” und die
“Führerbe­gleit­di­vi­sion” beteiligt. Befehlshaber der
“Führerbe­gleit­di­vi­sion” war Ernst-Otto Rehmer, der nach 1945 als
unbelehrbar­er Alt­nazi in der recht­sex­tremen Szene der Bun­desre­pub­lik
eine Rolle spielte.

Wegen jahre­langer Kon­tak­te zu Vet­er­a­nenkreisen der “Frunds­berg”
‑Divi­sion, die sich jedes Jahr in Sprem­berg tre­f­fen, war der
Alt­bürg­er­meis­ter der Stadt und jet­zige CDU-Frak­tion­schef im
Spree-Neiße-Kreistag, Egon Wochatz, scharf kri­tisiert wor­den. Er ist
auch ein­er der Mit­be­grün­der des Volks­bun­des Deutsche
Kriegs­gräber­für­sorge in Sprem­berg, wo es einen eige­nen Stadtver­band gibt.

Doch Frak­tion und Spree-Neiße-Kreisvor­stand der Christ­demokrat­en hiel­ten
an Wochatz fest, der ver­sprach, sich kün­ftig von Vet­er­a­nen­tr­e­f­fen der
Waf­fen-SS fern zu hal­ten. Eine Diskus­sion, wie Sprem­berg mit dem
Erin­nern an die Kesselschlacht umge­hen will, fand nicht statt. In ein­er
Chronik, die zur 700-Jahrfeier der Stadt vor drei Jahren her­aus­gegeben
wurde, fehlt die Naz­izeit völ­lig. Der Leser erfährt nur, dass 1934 der
Mark­t­platz neu gepflastert wurde. Danach fol­gt über­gangs­los das Ende der
Kampfhand­lun­gen im April 1945 bei Kausche und der Hin­weis, dass das
Stadtzen­trum von Sprem­berg zu 85 Prozent zer­stört war.

Egon Wochatz war bei der Umbet­tung am Sam­stag auf dem Geor­gen­berg dabei.
Ange­sprochen auf die anwe­senden Recht­sradikalen sagte er, dass er diese
Leute nicht kenne. Ein aus Sach­sen angereis­ter junger Mann mit
tarn­far­ben­er Feld­mütze und Jacke, schwarz­er Hose und der­ben schwarzen
Schuhen kam ziel­gerichtet auf Wochatz zu, um sich mit Hand­schlag von ihm
zu ver­ab­schieden. Der Alt­bürg­er­meis­ter von Sprem­berg ver­sicherte
anschließend, auch ihn nicht zu ken­nen: “Den habe ich vorhin zum ersten
Mal gese­hen.”

Auf ein weit­erge­hen­des Gespräch mit der RUNDSCHAU will er sich am
Sam­stag nicht ein­lassen. Auch Andreas Kott-witz, Sprem­berg­er
CDU-Kan­di­dat zur Land­tagswahl, der jedoch den Einzug ins Lan­despar­la­ment
ver­passte, lehnt ein Gespräch mit der RUNDSCHAU ab. Kot­twitz hat­te als
Gym­nasi­ast begonnen, ein Buch über die Kausch­er Schlacht zu schreiben.
Eine his­torische Einord­nung des Zweit­en Weltkrieges, die Deutsch­land als
Angreifer und den in Rus­s­land geführten Ver­nich­tungskrieg klar benen­nt,
fehlte darin. In Auszü­gen daraus, die im Sprem­berg­er Heimatkalen­der
gedruckt wur­den, gab es erst später eine kleine Fußnote, die auf die
Rolle Hans-Otto Rehmers als unverbesser­lichen Alt­nazi hin­wies.

Pfar­rer Johann-Jakob Werdin, der an der Beiset­zungs­feier am Sam­stag
mitwirk­te, sieht die alljährliche Anwe­sen­heit von Recht­sradikalen mit
Sorge. “Das ist eine öffentliche Ver­anstal­tung, man kann nur ver­hin­dern,
dass solche Leute dort zu Wort kom­men” , sagt er. Eine öffentliche
Auseinan­der­set­zung darüber in Sprem­berg würde sich der evan­ge­lis­che
Geistliche jedoch wün­schen.

The­ma im Haup­tauss­chuss

Klaus-Peter Schulze (CDU), seit Mai 2002 Bürg­er­meis­ter der Stadt, will
die Ereignisse vom Sam­stag auf dem Geor­gen­berg in der näch­sten Sitzung
des Haup­tauss­chuss­es zur Sprache brin­gen. Durch den vor der Stadt vor
Jahren gefassten Beschluss, den Geor­gen­berg zum zen­tralen
Umbet­tungs­fried­hof der Region zu machen, müsse die Fried­hofsver­wal­tung
organ­isatorisch mitwirken. “Wir machen, was wir machen müssen, mehr
nicht” , ver­sichert Schulze.

Er sieht die Gefahr, dass dieser Fried­hof, auf dem schon 400 Sol­dat­en
begraben sind, eine ähn­liche Anziehungskraft für Recht­sradikale
entwick­eln kön­nte, wie der Sol­daten­fried­hof bei der Kesselschlacht von
Halbe. Dort ver­hin­dert ein Großaufge­bot der Polizei alljährlich
Neon­azi­aufmärsche zum Volk­strauertag. Der Vor­sitzende des Volks­bun­des
Deutsche Kriegs­gräber­für­sorge in Sprem­berg und ein Vertreter des
Lan­desvor­standes waren gestern nicht für eine Stel­lung­nahme zu erre­ichen.

“Ich hat­te noch einen Kof­fer in Sprem­berg”

Hol­ländis­ch­er Frem­dar­beit­er
kam nach 59 Jahren zurück in die Spreestadt

(LR) In den let­zten Kriegs­jahren musste der Hol­län­der Johan Fred­er­ick
Tieme­jer in Sprem­berg in der Tuch­fab­rik in der Hein­rich­straße arbeit­en.
Nach fast sechs Jahrzehn­ten kehrte der mit­tler­weile 81 Jahre alte Mann
jet­zt zurück, um noch ein­mal den Ort zu sehen, wo er als junger Mann
anderthalb Jahre gezwun­gener­maßen ver­bracht hat.

Auf Spuren­suche in Sprem­berg war der 81-jährige Hol­län­der Johan
Fred­er­ick Tieme­jer und seine Frau Johan­na Anneke Tieme­jer (63). In
jun­gen Jahren hat­te es den Mann aus Harlem zur Arbeit nach Sprem­berg
verschlagen.Auf Spuren­suche in Sprem­berg war der 81-jährige Hol­län­der
Johan Fred­er­ick Tieme­jer und seine Frau Johan­na Anneke Tieme­jer (63). In
jun­gen Jahren hat­te es den Mann aus Harlem zur Arbeit nach Sprem­berg
ver­schla­gen.
Es sei ihm nie richtig schlecht gegan­gen, erzählt Johan Fredrick
Tieme­jer. Zusam­men mit sein­er Frau Johan­na Anneke ist der rüstige Mann
aus Hol­land jet­zt noch ein­mal zurück nach Sprem­berg gekom­men. Er hat
sich in eine Ferien­woh­nung ein­quartiert und hat etwas Zeit mit­ge­bracht
für seine Reise in die Ver­gan­gen­heit.

Von Sep­tem­ber 1943 bis zum Jan­u­ar 1945 war er in der Lausitz
“arbeitsverpflichtet” , wie es in der Amtssprache der
Nation­al­sozial­is­ten hieß. Die Behör­den in Hol­land kol­la­bori­erten mit den
Deutschen wie kein zweites Land in Europa. Junge Men­schen wur­den
gezwun­gen, sich bei den
Arbeit­sämtern zu melden und wur­den zur Arbeit
nach Deutsch­land ver­mit­telt. “Man kon­nte nicht viel dage­gen tun” , sagt
der 81-jährige Tieme­jer. Er selb­st sei noch in die Schule gegan­gen, als
er zwangsverpflichtet wurde. Der Bürg­er­meis­ter seines Heima­tortes Harlem
sei ein glühen­der Nation­al­sozial­ist gewe­sen und habe direkt in der
Nach­barschaft gewohnt. “Es gab schon Leute, die unter­ge­taucht sind. Aber
ich hat­te keine Chance dazu.”

Kein Geld für Arbeit bekom­men

Über Berlin Weißensee, wo er unter der Kon­trolle der SS in ein­er
Bek­lei­dungskam­mer einge­set­zt war, kam er schon knapp zwei Monate später
nach Sprem­berg. Er habe keine richtig schlecht­en Erin­nerun­gen an die
Spreestadt, sagt Tieme­jer. “Wir kon­nten uns frei bewe­gen und sog­ar ins
Kino gehen.” Lediglich ein­mal habe ihn ein SS-Mann als Juden beschimpft
und mit Wass­er nass­ge­spritzt. In der Hein­rich­straße 6 habe er zusam­men
mit anderen Hol­län­dern im Bek­lei­dungslager der Tuch­fab­rik C. Richard
arbeit­en müssen. “Wir mussten Uni­for­men stapeln.” Geld gab es dafür
nicht. Eine Entschädi­gung hat Tieme­jer für die Arbeit nie erhal­ten. “Mir
wur­den ein­mal 50 Mark aus­gezahlt, das war alles.”

Durch eine Blind­dar­mentzün­dung gelangte der damals 20-jährige Hol­län­der
für nahezu sieben Wochen ins Sprem­berg­er Kranken­haus. Dort sei er die
ersten Schritte in seinem späteren Beruf als Krankenpfleger gegan­gen.
Sein­erzeit habe sog­ar die Tochter von Adolf Hitlers Sekretär Mar­tin
Bor­mann in dem Kranken­haus gear­beit­et, wie sich der alte Mann erin­nert.
“Ich hat­te noch einen Kof­fer in Sprem­berg” , sagt Tieme­jer. Als er im
Jan­u­ar 1945 die Stadt ver­lassen hat­te, habe er ein­er Frau Knappe, die
eben­falls in der Fab­rik gear­beit­et hat­te einige per­sön­liche Sachen
über­lassen. “Da wollte ich jet­zt mal guck­en, ob der noch da ist.” Nach
eini­gen Recherchen kon­nte er die Tochter Han­nelore Wolf, die damals
ger­ade mal drei Jahre war, jet­zt wieder find­en. “Sie hat mich natür­lich
nicht erkan­nt, wusste aber aus Erzäh­lun­gen von mir” , sagt Tieme­jer. Der
Kof­fer, in der unter anderem eine Biografie über Mozart gesteckt hat­te,
war allerd­ings nicht mehr aufzufind­en. Auch die Fab­rik in der
Hein­rich­straße sei nicht mehr vorhan­den, wie er beim Rumspazieren
fest­gestellt habe. “Es hat sich hier alles geän­dert.”

Egon Wochatz getrof­fen

Bei seinem Besuch in Sprem­berg war Tieme­jer auch zufäl­lig mit
Alt­bürg­er­meis­ter Egon Wochatz im Ratskeller zusam­mengetrof­fen. “Der hat
sich sehr nett um uns geküm­mert” , sagt Tieme­jer. Dass es eine
Diskus­sion in der Stadt um dessen Beteili­gung an SS-Vet­er­a­nen­tr­e­f­fen
gab, hat­te der Hol­län­der indes nicht mit­bekom­men. “Das ist mir auch
egal” , sagt Tieme­jer. Er habe sein­erzeit sog­ar einem SS-Mann in
Sprem­berg das Schwim­men beige­bracht. Es liege ein­fach in seinem
Charak­ter, pos­tiv nach vorne zu sehen. Er sei nicht nach Sprem­berg
gekom­men, um alte Wun­den aufzureißen. Er wollte sein­er Frau, mit der er
seit 42 Jahren ver­heiratet ist und mit der er zwei Söhne hat, nochmal
den Ort zeigen. “Schon als die Wende kam, habe ich das gesagt” , so
Tieme­jer. Er habe jedoch immer zu viel zu tun gehabt, so dass das
Vorhaben erst jet­zt ver­wirk­licht wurde.
Beim Erzählen aus der früheren Zeit hört seine Frau Anneke geduldig zu.
Sie ken­nt die Geschicht­en. Einige Male fordert sie ihn auf, doch noch
die eine und die andere Episode zu erzählen. Zweimal gibt Tieme­jer in
Hol­ländisch zurück, dass er dies eben nicht tun werde. Es läßt sich
dabei erah­nen, dass es vielle­icht doch Erleb­nisse aus der Kreigszeit
gibt, die unge­sagt bleiben und sich nicht für anek­doten­hafte Geschichte
eignen.

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