25. Juni 2008 · Quelle: Berliner Zeitung

Der umstrittene Name Strittmatter

SPREMBERG. Seit mehr als zwei Wochen wird disku­tiert, wie mit dem Ver­mächt­nis des 1994 gestor­be­nen Schrift­stellers Erwin Strittmat­ter — Autor der berühmten Trilo­gien “Der Laden” und “Der Wun­dertäter” — umge­gan­gen wer­den soll. Denn vor zwei Wochen wurde enthüllt, dass der berühmte Heimat­dichter der Lausitz und ein­er der Großen der DDR-Lit­er­atur seine Ver­strick­un­gen in der Nazi-Zeit ver­schwiegen hat: Er soll ab 1943 als Schreiber beim Polizei-Gebirgsjäger-Reg­i­ment 18 gedi­ent haben, das der SS unter­stellt und auch für Mas­sak­er ver­ant­wortlich war. Seit Mon­tagabend nun ist klar, dass seine Geburtsstadt Sprem­berg (Spree-Neiße) nicht mit ihrem Ehren­bürg­er brechen will. “Der Name Erwin Strittmat­ter soll nicht aus dem Stadt­bild ver­schwinden”, sagte gestern Alexan­der Adam, Sprech­er der Stadtver­wal­tung.

Wusste er von Mas­sak­ern?

Der Haup­tauss­chuss der Stadtverord­neten­ver­samm­lung hat­te sich mit den Vor­wür­fen gegen den ins Zwielicht ger­ate­nen Autor von “Ole Bienkopp” und “Tin­ko” beschäftigt. Im Vor­feld hat­te es geheißen, Bürg­er­meis­ter Klaus-Peter Schulze (CDU) werde empfehlen, dass sowohl die Erwin-Strittmat­ter-Prom­e­nade im Stadtzen­trum als auch das Strittmat­ter-Gym­na­si­um ihren Namen ver­lieren soll. “Er hat­te aber nur gesagt, wenn die Stadtverord­neten dies wollen, werde es gemacht.” Lange sei disku­tiert wor­den. “Über alle Partei­gren­zen hin­weg habe man sich ein­hel­lig dafür aus­ge­sprochen, dass die Straße nicht umge­nan­nt wird”, so Adam. Auch der für die Schule zuständi­gen Kreisver­wal­tung wer­den die Namen­sän­derun­gen nicht emp­fohlen. “Aber die Diskus­sion ist noch nicht vor­bei.”

Bei der Stadt haben sich etwa 35 Bürg­er zum The­ma geäußert, nur fünf waren für eine Umbe­nen­nung. Bei der Kreisver­wal­tung haben bis­lang drei ehe­ma­lige Schüler die Umbe­nen­nung der Schule gefordert. “Über das The­ma wird am Mittwoch im Kreisauss­chuss disku­tiert”, sagte Kreis­sprecherin Jana Weber.

Allerd­ings ist damit die Namens-Debat­te nicht been­det. Denn es gibt auch noch den Erwin-Strittmat­ter-Preis des Pots­damer Umwelt­min­is­teri­ums. Und der kön­nte noch in diesem Jahr den Namen des Autors ver­lieren. Der mit 5 000 Euro dotierte Lit­er­atur­preis wird alle zwei Jahre vergeben. “Es ist vor allem ein Umwelt-Lit­er­atur­preis”, sagte Min­is­teri­umssprech­er Jens-Uwe Schade der Berlin­er Zeitung. “Es spricht einiges dafür, dass wir uns von dem Zweit-Namen ‚Erwin-Strittmat­ter-Preis´ ver­ab­schieden.” Allerd­ings soll erst ein­mal in der Lausitz über die “gebroch­ene Biografie” des Autors disku­tiert wer­den. “Geschichte kann nicht mit Umbe­nen­nun­gen ein­fach entsorgt oder geglät­tet wer­den.” Deshalb soll die Diskus­sion nicht etwa mit ein­er eili­gen Umbe­nen­nung abge­brochen wer­den. “Die Debat­te bietet die Chance, sich inten­siv mit der Geschichte auseinan­der zu set­zen”, sagte er.

Der Erwin-Strittmat­ter-Vere­in trifft sich am Sonnabend zur alljähri­gen Mit­gliederver­samm­lung. “Eigentlich kom­men immer etwa 40 der 150 Mit­glieder”, sagte Vere­in­schef Man­fred Schemel (Linke). “Dies­mal wer­den es wohl deut­lich mehr sein.” Auch der His­torik­er Wern­er Lier­sch, der den SS-Bezug bei Strittmat­ter aufgedeckt hat­te, sei aus­drück­lich ein­ge­laden. “Wir müssen Strittmat­ters SS-Ver­gan­gen­heit ern­sthaft aufar­beit­en”, sagte Schemel. “Strittmat­ter ist für mich auch vorher kein Hal­b­gott gewe­sen.” Wichtig sei aber, dass dem Autor keine Beteili­gung an Ver­brechen vorge­wor­fen werde. Seine Kriegszeit müsse dif­feren­ziert gese­hen wer­den. “Er hat berichtet, dass er vor Kriegsende desertiert ist”, sagte Schemel. “Dafür wäre er glatt erschossen wor­den.”

Hen­drik Röder von der Jury für den Strittmat­ter-Preis hält die Aufar­beitung für drin­gend notwendig. Denn es sei schon vor der aktuellen Debat­te bekan­nt gewe­sen, dass Strittmat­ters Biografie “sehr gebrochen” war. So sei er nach seinem Tod als Stasi-IM geoutet wor­den. “Jet­zt muss gek­lärt wer­den, ob er als Schreiber bei jen­er Polizeiein­heit auch Ver­brechen doku­men­tiert hat und ob er an der Ver­nich­tung von Doku­menten beteiligt war”, sagte er. “Das wäre beden­klich.”

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