14. September 2005 · Quelle: Potsdamer Linke

Deutschlands Vormarsch stoppen! Kein Stolz! Keine Nation!

Am 3. Okto­ber 2005 wird in Pots­dam der Tag der Deutschen Ein­heit gefeiert. Wir wollen nicht
mit­feiern, son­dern den Tag nutzen, um unsere Kri­tik an dem Kon­strukt der Deutschen Nation ein
weit­eres Mal öffentlich zu for­mulieren.
Vor 15 Jahren wurde das beschlossen, worauf die deutsche Poli­tik so lange hingear­beit­et hat­te, das
„Deutsche Vater­land“ wieder ein Stück näher an seine his­torische Größe her­anzubrin­gen. Um dies zu
ver­wirk­lichen, war viel Vergessen deutsch­er Geschichte notwendig und ein Wan­del der deutschen
Außen­poli­tik Pro­gramm. „Wir sind wieder wer“ ist von denen, die deutsche Schlussstrich­men­tal­ität
forcieren, wieder an jed­er Strasse­necke zu hören. Die Jugend trägt neuerd­ings Bun­deswehr­jack­en mit
deutsch­er Fahne auf dem Ober­arm. Da ver­wun­dert es nicht, dass die Band Mia eben noch am 1. Mai
auf­spielte und wenig später schon in schwarz-rot-gold­e­nen Kostü­men auf MTV und VIVA.
Deutsch­land ist hip.

Von dem „Wir sind ein Volk“-Gebrülle des 9. Novem­ber 1989 führte der direk­te Weg zu den
ras­sis­tis­chen Pogromen von Ros­tock-Licht­en­hagen und Hoy­er­swer­da Anfang der neun­ziger Jahre. Die
Morde an Migran­tInnen, Obdachlosen, Homo­sex­uellen und allen, welche nicht in das deutsche
Wahn­bild passen, haben seit­dem nicht aufge­hört. Der ras­sis­tis­che Kon­sens dieser Gesellschaft ist in
allen Teilen Deutsch­lands unge­brochen. An der deutschen Ost­gren­ze machen hochtech­nisierte
Men­schen­jäger Jagd auf diejeni­gen, die nicht nach Deutsch­land kom­men sollen. Dabei star­ben seit
1993 min­destens 121 Men­schen über 250 wur­den ver­let­zt. Und die Schän­dung von jüdis­chen
Fried­höfen hat sich seit 1990 auf ein wöchentlich­es Maß eingepen­delt. Die poli­tis­che Rechte zeigt
Präsenz auf den Straßen und in den Par­la­menten.

Das „Deutsche Volk“ und die Kon­ti­nu­ität sein­er Geschichte
Als in Europa das Bürg­er­tum gegen den Feu­dal­is­mus revoltierte, vol­l­zog sich die Staats­grün­dung zum
Deutschen Reich von oben, um eine solche Rev­o­lu­tion zu ver­hin­dern.

Der Zweck jed­er Nation ist die Her­stel­lung von Iden­tität zwis­chen Staat und Bevölkerung. Im
Unter­schied zu anderen Natio­nen galt in Deutsch­land: „Deutsch ist, wer deutsches Blut hat“ – damit
wird eine Volks­ge­mein­schaft kon­stru­iert, die nur in Abgren­zung zu inneren und äußeren Fein­den
beste­hen kann. Ein­er dieser Feinde war das Juden­tum, da es als Sinnbild für die mod­erne,
kap­i­tal­is­tis­che und damit die roman­tis­che Blut­sein­heit der deutschen bedro­hende Gefahr umgedeutet
wurde. Eine Folge der Reichs­grün­dung 1871 war somit die Entste­hung des Anti­semitismus, neben
dem religiösen gab es nun auch einen poli­tisch motivierten Juden­hass.

Dieser Juden­hass bes­timmte zwis­chen 1933 und 1945 die völkische Gemein­schaft. Die halbe Welt
wurde mit Krieg über­zo­gen und die Shoa organ­isiert. Der Anti­semitismus geri­et zur dominieren­den
Logik ein­er ganzen Gesellschaft. Denn bis in die let­zten Kriegstage hinein wurde die sys­tem­a­tis­che
Ver­nich­tung von €päis­chen Jüdin­nen und Juden organ­isiert und durchge­führt.

Die Block­kon­fronta­tion und die damit ein­herge­hende Teilung Deutsch­lands nach Kriegsende ließen
eine gründliche Ent­naz­i­fizierung scheit­ern. Im West­en sabotierte die Ade­nauer-Regierung eine
Ent­naz­i­fizierung von Mil­itär und Beamten­schaft, was von den West­al­li­ierten im Zuge der
Notwendigkeit eines funk­tion­ieren­den west­deutschen Staats- und Mil­itär­we­sens als Boll­w­erk gegen
sow­jetis­che Ansprüche hin­genom­men wurde. Die Prozesse gegen Naz­itä­terIn­nen zogen eben­falls
keine bre­ite öffentliche Auseinan­der­set­zung mit der Schuld­frage nach sich, vorherrschend war die
Auf­fas­sung, die Ver­gan­gen­heit ruhen zu lassen. Erin­nerung wurde als Zumu­tung emp­fun­den.

In der DDR wur­den alte Nazis zwar zum größten Teil aus lei­t­en­den Posi­tio­nen ent­fer­nt, eine
Auseinan­der­set­zung mit der Mit­täter­schaft der Nor­mal­bevölkerung fand jedoch auch hier nicht statt:
verord­net war ein staatlich­er Antifaschis­mus mit seinem verk­lärten Geschichts­bild vom bre­it­en
kom­mu­nis­tis­chen Wider­stand.

In der BRD und DDR standen der Wieder­auf­bau im Vorder­grund: Alles war wichtiger als die
Auseinan­der­set­zung mit den eige­nen Ver­nich­tungstat­en. Mit dem aufk­om­menden Wohl­stand im
West­en wurde es wieder möglich, Stolz auf die eige­nen Leis­tun­gen auch öffentlich zu zeigen ohne die
Frage zu stellen, welch­er Zusam­men­hang zwis­chen der Ver­nich­tung und dem „Wirtschaftswun­der“-
Mythos bestünde. Das „Wirtschaftswun­der“ war eben kein Ergeb­nis soge­nan­nter „ehrlich­er deutsch­er
Arbeit“ son­dern begrün­dete sich auf Arisierung, Enteig­nung und Zwangsar­beit im
Nation­al­sozial­is­mus auf der einen und dem anti­bolschewis­tis­chen Mar­shall-Plan auf der anderen Seite.
Mit dem Weg­fall der Block­kon­fronta­tion begann ein neues Kapi­tel nationaler Iden­tität und deutschen
Groß­macht­strebens. Durch die Wiedervere­ini­gung Deutsch­lands war ein Zwis­chen­ziel erre­icht, nun
musste noch die „unschöne“ deutsche Geschichte bere­inigt wer­den.

Eine neue Qual­ität deutsch­er Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung stellte der dritte Jugoslaw­ienkrieg inner­halb
eines Jahrhun­derts dar. In deren Folge wurde der Koso­vo nicht zulet­zt unter Auf­sicht deutsch­er Kfor-
Ein­heit­en von SerbIn­nen, JüdIn­nen, Sin­ti und Roma, TürkIn­nen, sprich: „Nicht-Albaner­In­nen“,
gesäu­bert. Im Zuge der Mil­i­tarisierung und Europäisierung ver­fol­gt deutsche Außen­poli­tik zunehmend
auch das Ziel, jene Kon­se­quen­zen rück­gängig zu machen, die von den Siegermächt­en und ihren
Ver­bün­de­ten aus dem deutschen Ver­nich­tungs­feldzug gezo­gen wur­den. Man denke nur an die
Ini­tia­tive, Tschechiens EU-Beitritt von der Rück­nahme der Beneš-Dekrete abhängig zu machen.

Damit begrün­det, dass die Ser­ben Konzen­tra­tionslager hät­ten, war dieser Krieg ein weit­eres Mit­tel zur
Rel­a­tivierung der deutschen Ver­gan­gen­heit. Gle­ichzeit­ig wurde dieser Krieg aber auch damit
begrün­det, dass ger­ade die Deutschen eine beson­dere Ver­ant­wor­tung hät­ten, einen neuen Holo­caust zu
ver­hin­dern. Damit fand ein Par­a­dig­men­wech­sel in der deutschen Außen­poli­tik statt. Deutsch­land
durfte wieder Krieg führen und das vor allem nicht trotz, son­dern wegen Auschwitz. Deutsch­land trat
von nun an als geläutert auf und hat schein­bar aus sein­er Geschichte gel­ernt.

Wenn öffentlich über­haupt noch von den deutschen Tat­en die Rede ist, wird nicht mehr von Schuld
son­dern von Ver­ant­wor­tung gere­det. Dies öffnet deutsch­er Poli­tik Tür und Tor zu zahlre­ichen
Inter­ven­tio­nen in der Welt­poli­tik bis hin zu ein­er Forderung eines ständi­gen Sitzes im
Welt­sicher­heit­srat. Es ist zu beobacht­en, dass die deutschen Ver­brechen aus ihrem Kon­text geris­sen
und zunehmend in eine all­ge­meine, €päis­che und damit gemein­same Lei­dens­geschichte ein­gerei­ht
wer­den.

Was alle Holo­caustleugner­In­nen und Revan­chistIn­nen der let­zten 60 Jahre nicht geschafft hat­ten,
voll­brachte die rot-grüne Bun­desregierung während des Koso­vokrieges in nur knapp acht Wochen:
Die Entsorgung der deutschen Ver­gan­gen­heit. Vor­bere­it­et und flankiert über die Jahre mit
Gold­ha­gen­de­bat­te, Wehrma­cht­sausstel­lung, und Walsers nationaler Enthem­mung für das ganze
Deutsch­land.

„Wieder“-Vereinigung, Abzug der Alli­ierten und der rot-grüne Regierungswech­sel bewirk­ten eine
grund­sät­zliche Neugestal­tung der deutschen Außen­poli­tik. Kon­nten sich vorherige Bun­desregierun­gen
nicht erlauben, dass deutsche Sol­dat­en dort einzuset­zen, wo einst die Wehrma­cht wütete, so gilt unter
Rot-Grün, dass ger­ade Auschwitz die Deutschen mit ein­er Erfahrung ausstat­tet, die sie auf
„human­is­tis­che“ Inter­ven­tio­nen über­all auf der Welt verpflichtet.

Deutsch­land sollte seine Geschichte nicht feiern, son­dern begin­nen, sie aufzuar­beit­en.
Ohne deutschen Tätern zu vergeben.
Lasst uns feiern, wenn w
ir das Kon­strukt der Deutschen Nation über­wun­den haben.

Wir fordern euch auf, mit vie­len bun­ten Aktio­nen das Fest zu bere­ich­ern!


Aktuelle Tre­ff­punk­te wer­den noch bekan­nt gegeben! Achtet auf Ankündi­gun­gen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Am 6. August richtet der Vere­in proWis­sen e.V. eine Podi­ums­diskus­sion zum The­ma Wis­senschaft mit dem Titel “Wie hal­tet ihr’s mit der Wis­senschaft” aus. Der Vere­in bietet dabei aus­gerech­net dem rech­sex­tremen AfD-Vertreter Andreas Kalb­itz ein Podi­um.
Infori­ot — Das antifaschis­tis­che „Janz Weit Draussen“ (JWD)-Camp fand am ver­gan­genen Woch­enende nun bere­its zum drit­ten Mal statt. Dies­mal schlug das Camp jedoch nicht seine Zelte am Rand des Bun­des­lan­des auf, son­dern ging direkt ins Herz von Pots­dam
Mit unser­er heuti­gen Beset­zungsak­tion möcht­en wir auf einige Häuser aufmerk­sam machen, die entwed­er ihrem Ver­fall preis­gegeben wer­den oder die wieder ein­mal nicht nach Konzept son­dern nach Höch­st­ge­bot verkauft wer­den.

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot