19. April 2005 · Quelle: LR

Die Demo blieb friedlich

Schon Stun­den vor Beginn der offiziellen Demon­stra­tion der linksau­tonomen
“Antifa-Fin­ster­walde” anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der
Sänger­stadt vom Hitler­faschis­mus durch Trup­pen der Sow­jet­stre­itkräfte,
herrschte in der Stadt der sub­jek­tive Ein­druck des Aus­nah­mezu­s­tandes. Eine
Über­präsenz von Ein­satzkräften der Polizei und des Bun­des­gren­zschutzes im
Stadt­ge­bi­et war unüberse­hbar.

“Wir rech­neten mit 300 bis 400 linksau­tonomen Demon­stran­ten und deshalb gibt
es hier diesen Auflauf”, so Ines Filohn, Press­esprecherin des
Elbe-Elster-Schutzbere­ich­es, am Rande des Schau­platzes, zwis­chen Wasser­turm
und sow­jetis­chem Ehren­fried­hof.

Auf diese Zahl kam man durch die Art der Kom­mu­nika­tion, denn es wurde nicht
nur über Handzettel zur Demo aufgerufen, son­dern auch über ver­schiedene
Inter­net­plat­tfor­men.

Als es dann gegen 14 Uhr los­ging, lief alles eine Num­mer klein­er ab. Sehr
zur Freude der Ein­satzkräfte und etwas ent­täuschend für die Ver­anstal­ter.
Etwa 60 bis 70, vor­wiegend in Schwarz gek­lei­dete Demon­stran­ten, standen dann
etwa 100 Polizeibeamten gegenüber. “Das ist alles kein Spaß, wir sind hier
nicht mit so vie­len Ein­satzkräften präsent, weil wir die Jugendlichen
provozieren wollen, son­dern, weil wir sie vor Über­grif­f­en Recht­sradikaler
schützen wollen. Das ist alles präven­tiv zu sehen”, so Filohn. Und in der
Folge sollte sie auch recht behal­ten.

“Befreiung feiern — Faschis­mus bekämpfen”, so das Mot­to der vor­wiegend
jugendlichen Teil­nehmer und alle Anwe­senden, auch die Polizei, fan­den den
Anlass schon “löblich”, die Art und Weise der Durch­führung stieß dage­gen
teil­weise auf Unver­ständ­nis.

Keine Ver­mum­mung, kein Alko­hol, keine Hunde, keine Waf­fen, selb­st im
weitesten Sinne nicht, so die Aufla­gen der Polizei und daran wurde sich auch
gehal­ten. Frank Stell­mach vom Fin­ster­walder Ord­nungsamt erließ dann noch
weit­ere Aufla­gen, die die Ver­anstal­ter als “Kleingeis­terei” abstem­pel­ten. So
sollte eine Ver­sicherung für die Ver­anstal­tung abgeschlossen wer­den, es
durfte nur ein Trans­par­ent gezeigt wer­den und der sow­jetis­che Ehren­fried­hof,
auf dem man Blu­men nieder­legen wollte, war abso­lut tabu. Nicht ein­mal der
Zaun durfte ange­fasst oder sich auf die Mauer geset­zt wer­den.

Die PDS-Land­tagsab­ge­ord­nete Car­olin Stein­met­zer hielt die Aufla­gen des
städtis­chen Ord­nungsamtes für “sehr beden­klich” und auf der anderen Seite
die Aktion der Jugendlichen für “sehr mutig”.

“Es ist schön, dass hier auch Leute aus Berlin und Dres­den gekom­men sind”,
so Stein­met­zer. Was die allerd­ings mit dem Jahrestag der Befreiung vom
Hiltler­faschis­mus in Fin­ster­walde zu tun haben, darauf gab es keine Antwort.
Als kri­tik­würdig emp­fand die junge Abge­ord­nete den Umstand, dass die
Ver­anstal­ter nicht öffentlich “Gesicht zeigten”. So saßen die Red­ner in
einem abgek­lebten und abge­dunkel­ten Trans­porter, schwarze Kapuzen und große
Son­nen­brillen gehörten zur Stan­dar­d­ausstat­tung.

Die Art und Weise der Durch­führung, aus einem Totenge­denken ein Hap­pen­ing
mit Tanz und lauter Musik zu machen, fand nicht die ungeteilte Zus­tim­mung
unter Pas­san­ten und älteren Demon­stra­tionsteil­nehmern, die ein­fach nur ein
paar Blu­men nieder­legen woll­ten und in ein­er stillen Minute der Opfer
gedenken woll­ten. Durch die Aufla­gen des Ord­nungsamtes wurde auch ihnen der
Zutritt zum Ehren­fried­hof ver­wehrt.

Obwohl eine per­ma­nente Span­nung in der Luft lag, die Ver­anstal­tung ver­lief
weitest­ge­hend friedlich, wenn auch etwas laut. Kurz vor dem offiziellen
Ende, gegen 16 Uhr, kam plöt­zlich eine hek­tis­che Bewe­gung unter den
Demon­stran­ten und Ein­satzkräften auf. Aus einem Fen­ster gegenüber dem
Ehren­fried­hof wehte ein über­großes Plakat mit einem deut­lich sicht­baren
Hak­enkreuz.

Sofort waren die Polizis­ten geschlossen am Tatort — aber auch die
Demon­stran­ten, die es nicht an Beschimp­fun­gen fehlen ließen. Der Wind löste
das Prob­lem, wehte das Plakat weg, das sofort von der Polizei gesichert
wurde und die Beamten sucht­en die Woh­nung auf. Was sie dort aber fan­den,
waren drei Kinder, ohne Auf­sicht, das älteste zwölf Jahre alt. Sofort wurde
das Jugen­damt informiert und die Eltern haben nun mit ein­er ern­sthaften
Aussprache bei der Polizei zu rech­nen.

“Durch solchen Blödsinn kann eine Lage ganz schnell eskalieren und außer
Kon­trolle ger­at­en”, so Sven Bogacz, der Chef des Schutzbere­ich­es Elbe-
Elster, der per­ma­nent bei seinen Kol­le­gen vor Ort war. Zum Abschluss der
Demo zog er dann aber ein pos­i­tives Faz­it. “Die Ver­anstal­ter haben sich
weitest­ge­hend an unsere Aufla­gen gehal­ten, haben in kri­tis­chen Sit­u­a­tio­nen
deeskalierend eingewirkt und auch unsere Leute haben einen guten Job
gemacht.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Ein bun­desweites anti­ras­sis­tis­ches Bündnis von We’ll Come Unit­ed und
mehr als 40 Organ­i­sa­tio­nen, Ini­tia­tiv­en und Grup­pen ruft unter dem Mot­to „Unit­ed against Racism – Für eine Gesellschaft der Vie­len!“ auf zu dezen­tralen Aktion­sta­gen.
20 Per­so­n­en sind zu der Demon­stra­tion in Dober­lug-Kirch­hain gekom­men, zu der die Ini­tia­tive „Busverbindung 571 jet­zt!“ ein­ge­laden hat­te – mehr waren auch nicht erlaubt.
Am 9.4.2020 hat die Ini­ta­tive “We’ll Come Unit­ed” Berlin/Brandenburg durch einen
Super­markt-Shut­tle mit 6 pri­vat­en PKWs die Men­schen aus der Erstauf­nahme-Ein­rich­tung in Dober­lug-Kirch­hain unter­stützt.

Opferperspektive

Logo de rOpferperspektive Brandenburg

NSUwatch Brandenburg

Polizeikontrollstelle

Logo der Polizeikontollstelle - Initiative zur Stärkung der Grund- und Bürgerrechte gegenüber der Polizei

Netzwerk Selbsthilfe

Termine für Potsdam

Termine für Berlin

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot