31. Mai 2005 · Quelle: LR

«Die Deutschen müssen wieder mehr singen»

FINSTERWALDE «Der Man­gel am gemein­schaftlichen Gesang und das Fehlen eines Iden­tität
stif­ten­den Liedes» seien Schuld, dass Deutsch­land gegen­wär­tig nicht zurecht
komme. Natür­lich wusste Pro­fes­sor Arnulf Bar­ing am Fre­itagabend im
Waren­spe­ich­er von «Ad. Bauer‘s Wwe» , dass er in der Sänger­stadt
Fin­ster­walde zu Gast war, als er mit diesem Bon­mot die Besuch­er des 8.
Fin­ster­walder Stadt­ge­sprächs begrüßte.

Ein­ge­laden hat­te den His­torik­er und Pub­lizis­ten der
Sänger­stadt­mar­ket­ingvere­in zum Vor­trag «Deutsch­land und der West­en» . Als
stre­it­baren und umstrit­te­nen Zeit­geist charak­ter­isierte der Berlin­er
Recht­san­walt Dr. Frank Nagelschmidt in Vertre­tung des Haush­er­ren und
Ini­tia­tors der Stadt­ge­spräche, Sebas­t­ian Schiller, den aus zahlre­ichen
Fernse­hdiskus­sio­nen bekan­nten und von manchen wegen sein­er Schar­fzüngigkeit
gefürchteten Gast. Sebas­t­ian Schiller ließ aus dem fer­nen Japan grüßen, wo
er derzeit beru­flich weilt.

«Der gute Ton» stand auf dem Notenord­ner von Anne Müller und Ines Köh­ler,
die mit zün­ftigem Kla rinet­ten­spiel den Abend auf dem Dachbo­den des
Waren­spe­ich­ers neben der drei Meter lan­gen Laden­theke eröffnet hat­ten.
Vielle­icht lag es daran oder am eher unver­fänglichen The­ma der Außen­poli­tik,
dass Bar­ing seinen knapp ein­stündi­gen Vor­trag mod­er­at gestal­tete. Rhetorisch
glänzend, ohne ein Manuskript zu benöti­gen und mit fundiertem Sach­wis­sen
schlug der Pro­fes­sor an der FU Berlin den Bogen vom Anfang des 20.
Jahrhun­derts bis in die außen­poli­tis­che Gegen­wart Deutsch­lands. Schnell
machte der Pub­lizist seine kon­ser­v­a­tive Grun­dauf­fas­sung von deutsch­er
Außen­poli­tik deut­lich, die Macht­poli­tik sein müsse. Seine These: Deutsch­land
ist im 20. Jahrhun­dert immer gescheit­ert, weil die poli­tis­chen Eliten nicht
in der Lage waren, die richti­gen und starken Part­ner an sich zu binden.

Burschikos in Form gere­det

«Weil wir als Groß­macht gescheit­ert sind» , sei für ihn heute der einzige
richtige Weg, sich an die USA «anzulehnen» . Sich «Frankre­ich an die Brust
gewor­fen» zu haben, hält der pro­movierte Jurist eben­so falsch wie das durch
den «Spon­ti» ‑Kan­zler aufge­baute fast fre­und­schaftliche Ver­hält­nis zu einem
Rus­s­land mit für ihn wieder impe­ri­alen Gelüsten.

Burschikos in Form gere­det, charak­ter­isierte Bar­ing, von 1952 bis 1983
selb­st Mit­glied der SPD, elo­quent die gegen­wär­tige Außen­poli­tik Deutsch­lands
als dis­tanziert bis feind­selig gegenüber den USA und machte keinen Hehl aus
sein­er Abnei­gung für die jet­zige Regierungskoali­tion. Schröder sei «kein
Stratege» und habe vor allem mit sein­er Ablehnung der amerikanis­chen
Irak-Poli­tik und dass dies nach gewonnen­er Wahl 2002 nicht kor­rigiert wor­den
sei Deutsch­land außen­poli­tisch falsch posi­tion­iert. «Selb­st­be­wusst an der
Seite der Welt­macht USA» den richti­gen Weg suchen, erhofft Pro­fes­sor Bar­ing
von ein­er neuen, kon­ser­v­a­tiv­en Regierung.

Wider­spruch von Zuhör­ern

Bar­ing nutzte seinen Vor­trag zu flott von der Zunge gehen­den Äußerun­gen.
Auch wenn man sich «sechs Jahre lang gegen eine Welt von Fein­den» behauptet
habe, sei Deutsch­land keine impe­ri­ale Macht. «Vor hun­dert Jahren haben wir
andere Län­der mit mil­itärisch­er Stärke bedro­ht, heute nur noch durch
Unfähigkeit» , hieß es da zum Beispiel.

In der fol­gen­den Diskus­sion bekam Bar­ing von Dr. Wolf­gang Burkhardt und Jana
Müller Wider­spruch zur Ein­schätzung der Irak-Poli­tik. Bürg­er­meis­ter Johannes
Wohmann erfuhr eine Ein­schätzung zur Europa-Poli­tik, und Frank Bobkiewicz
wollte wis­sen, ob Bar­ing in Deutsch­land einen zukün­fti­gen poli­tis­chen
Strategen(in) sieht. Dem von Bar­ing for­mulierten Ver­di­enst Rea­gans für die
Vere­ini­gung hielt Dieter Thor die Rolle Gor­batschows ent­ge­gen.

Nach einem lebendi­gen Gesprächsabend dank­te Wolf­gang Beck­er vom
Stadt­mar­ket­ingvere­in dem Gast, und Bürg­er­meis­ter Wohmann lud Arnulf Bar­ing
zum näch­sten Sänger­fest ein. Wenn schon nicht Deutsch­land, Fin­ster­walde hat
eine Iden­tität stif­tende Hymne, bekam der Gast auf Ini­tia­tive von Hans
Richter mit dem Sänger­lied vorge­sun­gen. Am Fre­ita­gnach­mit­tag hat­te sich
Bar­ing in der Fin­ster­walder Innen­stadt und auch in Fürstlich Drehna
umge­se­hen.

Zitiert Bar­ing: Sprüche-Zettelka­s­ten

«Uns nur im Licht unser­er nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­brechen zu sehen ist
falsch.»

«Wenn wir es mit Putin zu tun gehabt hät­ten, wäre die Wiedervere­ini­gung so
nicht gelun­gen.»

«Gor­batschow ist ein sym­pa­thisch Naiv­er.»

«Europa löst die Prob­leme nicht, so größer sie wird, um so schwäch­er wird
die EU

«An men­schen­rechtlichen Bekun­dun­gen sind wir in Deutsch­land sehr
freigiebig.»

«Wir sind eher ein ängstlich­es prov­inzielles Volk.»

«Der Viet­namkrieg war eine ziem­lich ver­rück­te Idee der Amerikan­er.»

«Die Ära Schröder hat die Beziehun­gen zu den USA mutwillig reduziert.»

«Die Gehirne sind unsere einzi­gen Boden­schätze. Deshalb müssen wir viel mehr
für Investi­tio­nen in Bil­dung und Forschung tun.»

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