19. April 2006 · Quelle: FR

Die falsche Hautfarbe

(Jörg Schindler) Die Stim­men sind verz­er­rt, ganze Sätze kaum auszu­machen. “Blödes Schwein”, meint man ein­mal zu hören und kurz darauf: “Du Nig­ger.” Eine Stimme fragt: “Warum sagst du Nig­ger zu mir?” Dann wieder der andere: “Wir machen dich platt!” Dann erstirbt das Gespräch.

Es ist vier Uhr am Oster­son­ntag, als diese denkwürdi­gen Wort­fet­zen durch die Nacht von Pots­dam hallen. Dass sie über­haupt doku­men­tiert sind, ist einem Zufall zu ver­danken: Der 37-jährige Ermyas S. hat­te ger­ade auf die Mail­box sein­er Frau gesprochen, als er von zwei offen­bar recht­sex­trem­istis­chen Tätern attack­iert wurde. Was genau an der Straßen­bahn­sta­tion Zep­pelin­straße im Anschluss geschah, lag bis Dien­stagabend weit­ge­hend im Dunkeln. Von den Tätern fehlte zunächst jede Spur. Das Opfer ist nicht ansprech­bar: Ermyas S. liegt mit Schädel­hirn­trau­ma, etlichen Rip­pen­brüchen und weit­eren schw­eren Ver­let­zun­gen in der Pots­damer Ernst-von-Bergmann-Klinik. Um seinen Zus­tand zu sta­bil­isieren, haben ihn die Ärzte in ein kün­stlich­es Koma ver­set­zt. Ob er je wieder ganz gesund wird, weiß nie­mand mit Gewis­sheit zu sagen.

Serie recht­sex­tremer Gewalt

Wieder ein­mal Ost­deutsch­land, wieder ein­mal Bran­den­burg. So wenig die Ermit­tler bis Dien­stagabend über den genauen Tather­gang wussten, so klar war allen: Der Fall Ermyas S. rei­ht sich naht­los ein in eine Serie rechter Gewal­texzesse in dem Bun­des­land, die 1990 mit dem Mord am Angolan­er Anto­nio Amadeo begann und 1999 mit der tödlichen Het­z­jagd auf den Algerier Farid Guen­doul noch lange nicht endete. Wie diese bei­den hat­te der aus Äthiopi­en stam­mende Ermyas S. das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wie diese bei­den wurde der Wasser­bauin­ge­nieur, der seit Jahren deutsch­er Staats­bürg­er ist, offenkundig nur deswe­gen Ziel eines Angriffs, weil er aus Sicht dumpfer Deutschtüm­ler die falsche Haut­farbe hat.

Recht­sex­trem­is­mus
168 recht­sex­trem­istis­che Grup­pen oder Organ­i­sa­tio­nen gab es Ende 2004 nach Erken­nis­sen des Ver­fas­sungss­chutzes in Deutsch­land. Sie zählten rund 40 700 Mit­glieder, rund 10 000 davon wur­den als tat­säch­lich gewalt­bere­it eingeschätzt. In recht­sex­trem­istis­chen Parteien (Die Repub­likan­er, Deutsche Volk­sunion DVU, Nation­aldemokratis­che Partei Deutsch­lands NPD) waren laut Ver­fas­sungschutz 2004 rund 23 800 Per­so­n­en organ­isiert.

Das Inter­net ist das wichtig­ste Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel für Recht­sex­trem­is­ten, und zwar sowohl zur Selb­st­darstel­lung nach außen als auch zur szenein­ter­nen Ver­ständi­gung. Das bet­rifft sowohl Home­pages von Recht­sex­trem­is­ten als auch inter­ak­tive Bere­iche, etwa Diskus­sions­foren. Die Zahl der von deutschen Neon­azis betriebe­nen Home­pages im Inter­net bez­if­fert der Ver­fas­sungss­chutz auf 950 (2004).

Die Skin­head-Musik­szene wird von den Ver­fas­sungss­chützern als entschei­den­der iden­titätss­tif­ten­der Fak­tor für Neon­azis bew­ertet. Die Texte sind oft ras­sis­tisch, anti­semi­tisch und gewaltver­her­rlichend. Im Jahr 2004 wur­den vom Bun­de­samt für Ver­fas­sungss­chutz 137 entsprechende Konz­erte reg­istri­ert sowie 106 Musik­grup­pen und 60 Ver­trieb­sorgan­i­sa­tio­nen für CDs mit Skin­head-Musik. FR
Wie ernst die Behör­den den Fall nehmen, zeigt die Tat­sache, dass inzwis­chen die Bun­de­san­waltschaft die Ermit­tlun­gen über­nom­men hat. Deren wichtig­ster Zeuge ist bis­lang ein Taxi-Fahrer, der um kurz nach vier den Tatort passierte und dabei zwei Gestal­ten wahrnahm, die sich über den am Boden liegen­den Ermyas S. beugten. Eine davon, so der Fahrer, sei etwa 30 Jahre alt, beina­he kahl rasiert und hoch gewach­sen; die zweite eher schmächtig und blond — wom­öglich eine Frau. Da auch die Stim­men auf der Handy-Mail­box nicht zweifels­frei einem Geschlecht zuzuord­nen sind, geht die Polizei davon aus, dass sie es entwed­er mit zwei Män­nern oder einem Pärchen zu tun hat. Ermit­telt wird wegen ver­sucht­en Mordes aus niederen Beweg­grün­den.

Die Pots­damer reagierten geschockt auf diesen “beson­ders krassen, extremen Einzelfall”, so die Staat­san­waltschaft. Bere­its am Vor­abend hat­ten sich rund 500 Ein­wohn­er der Lan­deshaupt­stadt am Tatort ver­sam­melt, um gegen rechte Gewalt zu demon­stri­eren. Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs (SPD) kündigte die Grün­dung eines Aktions­bünd­niss­es gegen Recht­sex­trem­is­mus an. Mit dem Fall Ermyas S., sagt Jakobs, habe die Bru­tal­ität und Skru­pel­losigkeit der recht­en Szene eine “neue Qual­ität” erhal­ten.

Bru­tale Kam­er­ad­schaften

Tat­säch­lich hat die 130 000-Ein­wohn­er-Stadt in den ver­gan­genen zwölf Monat­en “eine Rei­he bru­taler Über­griffe” von Recht­sex­trem­is­ten erlebt, so Ole Wei­d­mann vom Vere­in Opfer­per­spek­tive. Dazu zählte ein Vor­fall im Som­mer 2005, als eine Gruppe ver­mummter Neon­azis die Not­bremse ein­er Straßen­bahn zog, um draußen zwei ver­meintlich linke Jugendliche kranken­haus­reif zu prügeln. Den Tätern wurde erst jüngst der Prozess gemacht.

Im Dezem­ber sorgte in Pots­dam eine Demon­stra­tion für Furore, die der Neon­azi-Aktivist Chris­t­ian Worch angemeldet hat­te. Zudem glauben Szeneken­ner, dass die Stadt zuse­hends zum Auf­marschge­bi­et bru­taler Kam­er­ad­schaften wie “Thor” wird, seit das benach­barte Berlin ver­stärkt gegen deren Umtriebe vorge­ht.

Gle­ich­wohl habe Pots­dam bis­lang nicht zu den Zen­tren rechter Gewalt gehört, betont Wei­d­mann. Im Gegen­teil: Ger­ade weil die Stadt über ein dicht­es Netz an Beratung­sor­gan­i­sa­tio­nen ver­füge, sei sie bis­lang unter Migranten ver­gle­ich­sweise beliebt gewe­sen. Inwieweit der Fall Ermyas S. daran etwas ändern werde, lasse sich über­haupt noch nicht abse­hen. “Aber das hat natür­lich Wirkung”, sagt Wei­d­mann. Und sei es nur die, dass sich manche Ein­wohn­er Pots­dams kün­ftig noch genauer über­legen wür­den, “zu welch­er Zeit sie mit welch­er Straßen­bahn wohin fahren”.

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