6. März 2005 · Quelle: MAZ

Die Geschichte weitergeben

(MAZ, 4.3.) KREMMEN Es ist ihnen Schlimmes wider­fahren in Krem­men. Und doch wollen drei
Frauen aus der Ukraine noch ein­mal an den Ort zurück­kehren, an dem sie ihre
Jugend gelassen haben. Anna Kolenko, Lidi­ja Ser­no­va und Maria Slomin­ska­ja
waren Zwangsar­bei­t­erin­nen in der Muni­tions­fab­rik in Ori­on.

In mehreren Briefen schildert Anna Kolenko ihre Erin­nerun­gen, erzählt über
ihre schwere Kind­heit. Als sie neun Jahre alt war, starb ihr Vater in der
Ukraine. Zwei Jahre später ihre Mut­ter. Zusam­men mit ihrer Schwest­er hauste
sie in ein­er Erd­höh­le, immer von Hunger geplagt. 1941 wurde ihr Heima­tort
Saporosche von den Deutschen okkupiert. Die Men­schen wur­den aus ihren
Häusern ver­trieben, vor allem Jugendliche wur­den ver­schleppt. Anna Kolenko
war 17 und ver­suchte, sich vor den Deutschen zu ver­steck­en, lief sich die
Füße blutig. Aber es half nichts. Zusam­men mit 40 Land­sleuten wurde sie in
einen Viehwag­gon gepfer­cht, der nach Deutsch­land fuhr. Anna Kolenko und die
bei­den anderen Frauen lan­de­ten in Ori­on nahe Krem­men. 60 Men­schen teil­ten
sich drei Räume in ein­er Holzbaracke. Das gesamte Werks­gelände war mit
Stachel­draht eingezäunt. Egal ob Som­mer oder Win­ter, abends um sechs wur­den
die Barack­en ver­ram­melt, Fen­ster und Türen ver­schlossen. Entwed­er herrschte
klir­rende Kälte oder unerträgliche Hitze. Und nie ließ der Hunger nach.
Unter streng­ster Bewachung wur­den die Frauen zur Arbeit in die Fab­rik
gebracht. Auf dem Weg ver­sucht­en die Zwangsar­bei­t­erin­nen Gräs­er zu rupfen
und sie zu essen. Mehr als zwölf Stun­den mussten sie schuften, meis­tens im
Ste­hen. Mehr als eine Wasser­suppe und Brot­er­satz mit Säge­mehl beka­men sie
nicht. Manch­mal gelang es den Frauen, ein wenig Schweine­fut­ter zu stehlen.

Die Arbeit mit der Leucht­mu­ni­tion war sehr gefährlich. Anna Kolenko erin­nert
sich an eine Explo­sion, bei der fünf Mäd­chen star­ben. Es gab eine ganze
Rei­he von Todes­fällen. Viele über­lebten die völ­lige Iso­la­tion und die
grausamen Demü­ti­gun­gen nicht. Die Qualen der jun­gen Frauen hat­ten erst ein
Ende, als sie am 24. April 1945 von sow­jetis­che Sol­dat­en befre­it wur­den. Da
war Anna Kolenko ger­ade 21 Jahre alt.

Im Okto­ber 2003 lag auf dem Schreibtisch von Bürg­er­meis­ter Klaus-Jür­gen
Sasse ein Brief, der den Absender der 79-jähri­gen Anna Kolenko trug. Sie
würde gern noch ein­mal nach Krem­men kom­men und beson­ders der jun­gen
Gen­er­a­tion von ihren dama­li­gen Erleb­nis­sen bericht­en. Im Rathaus wur­den alle
Hebel in Bewe­gung geset­zt, um diesem Wun­sch nachzukom­men.

Inzwis­chen hat sich mit Eri­ka Schulz aus Hohen­bruch, Rein­er Tietz aus
Som­mer­feld und Eck­hard Koop aus Krem­men eine Arbeits­gruppe gebildet, die den
Besuch der drei Frauen vom 4. bis 11. Mai vor­bere­it­et. Das Bürg­er­fo­rum der
Lokalen Agen­da hat sich eingeschal­tet und För­der­mit­tel beantragt. Die
Stiftung “Erin­nerung, Ver­ant­wor­tung, Zukun­ft” in Berlin wird 1500 Euro für
den Aufen­thalt der drei Frauen in Krem­men bere­it­stellen. Im Stadthaushalt
sind 4000 Euro für den Besuch eingestellt.

Das Bürg­er­fo­rum hat trotz­dem ein Spendenkon­to ein­gerichtet. Wer etwas für
die Frauen tun möchte, kann sich bei Rein­er Tietz unter 033055/7 20 38
melden.

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