6. März 2005 · Quelle: MAZ

Vergessene Orte

(MAZ, 4.3.) BRANDENBURG Die Motive wirken nahezu irri­tierend banal. Plat­ten­ba­u­fas­saden,
umzäunte Baulück­en, Bret­ter­stapel auf Hin­ter­höfen, ein Parkhaus -
aufgenom­men aus ein­er Per­spek­tive, die wed­er Fra­gen stellt noch den all­seits
bekan­nten Szene­r­ien eine span­nen­dere als die gewöhn­liche Sicht abgewin­nt.
Nichts wird fokussiert, Men­schen sind kaum zu sehen, wirken dann selt­sam
ver­loren und wie aus Verse­hen vom Auge der Kam­era mit erfasst. Was also war
hier des Blick­es durch den Such­er wert? Worauf will der Fotograf unsere
Aufmerk­samkeit lenken?

Erst die sparsamen Noti­zen neben den 16 Farbtafeln lassen erken­nen,
begreifen, schaud­ern. Ein Orts- und ein Straßen­name. Zwei Jahreszahlen, die
Anfang und Ende markieren.

Let­zteres kam 1938, über­all. Wie eine Welle dringt das Wis­sen in die Bilder,
füllt aus, was als Lücke und Leere zu erfassen war, macht hier die
Gedenk­tafel an der Hauswand sicht­bar, dort den David­stern im Mosaikpflaster.
Die Ausstel­lung “Erin­nertes Vergessen”, die derzeit im Foy­er des
Bran­den­burg­er The­aters zu sehen ist, zeigt ehe­ma­lige Stan­dorte jüdis­ch­er
Syn­a­gogen in Deutsch­land. Der Braun­schweiger Architekt Ulrich Knufinke hat
die größ­ten­teils in der so genan­nten Reich­skristall­nacht gebrand­schatzten
Bet- und Gotteshäuser im Zuge his­torisch­er Recherchen aufge­spürt, ihre
ein­sti­gen Grun­drisse aufgemessen, die Stät­ten fotografisch doku­men­tiert.
Erfasst als “kein Bild von etwas, son­dern von einem Fehlen, das nur mit dem
Wis­sen um das Fehlende gefüllt wer­den kann”, beschreibt Knufinke, was er
sein “fotografis­ches Dilem­ma” nen­nt. Die Bilder braucht­en die Verknüp­fung
zur eige­nen Erin­nerung wie der Knoten im Taschen­tuch. “Man macht sich sein
Bild vom ein­sti­gen Geschehen, bildet sich Erin­nern ein.” In der Tat
entwick­eln die Auf­nah­men bei län­ger­er Betra­ch­tung eine immer deut­lich­er
wahrnehm­bare Sprache, bilden den Rah­men für das eigene, ver­ste­hbare Bild,
welch­es plöt­zlich auch den Brück­en­gang vom his­tori-schen Bezug ins Hier und
Jet­zt eröffnet. Entset­zen verur­sacht nicht nur das his­torische Wis-sen um
das mörderische Tun an den Gebäu­den, ihren Erbauern und Nutzern, an
jüdis­ch­er wie auch der nationalen Kul­tur. Die Bilder sind schmer­zlich bis in
die Gegen­wart, weil sie auch zeigen, wie Syn­a­gogen nicht nur nicht wieder
aufge­baut, son­dern bis heute von der Stadt­pla­nung sys­tem­a­tisch ignori­ert
beziehungsweise fremd­genutzt wur­den. “Zu sehen, wie man nach der
frev­el­haften Zer­störung in Deutsch­land zur Tage­sor­d­nung überg­ing, muss
Betrof­fen­heit aus­lösen”, sagt Peter Macke, Vor­sitzen­der des
Stiftungs­beirates der Begeg-nungsstätte Schloss Goll­witz als Ver­anstal­ter
der Exposi­ti-on. Die Vere­in­nah­mung der Orte ein­stiger Kon­tem­pla­tion für
heutige pro­fane Zwecke nen­nt Macke sakri­legisch, das so deut­lich offen­barte
Sich-Abfind­en unge­heuer­lich.

Angesichts dieser Unge­heuer­lichkeit, vor allem Jugendlichen eine Kul­tur der
authen­tis­chen Begeg­nung zu eröff­nen, ist Ziel der Stiftung Begeg­nungsstätte
Goll­witz, die ab 2006 im dann sanierten Her­ren­haus Wochensem­inare für
jüdis­che und nichtjüdis­che Jugendliche anbi­eten wird.

Dazu passt als einziges Hoff­nung trans­portieren­des Foto das der
ste­henge­bliebe­nen Mauer der Bran­den­burg­er Synanoge in der Großen
Münzen­straße, die heute den Schul­hof ein­er Grund­schule begren­zt. Die Kinder
fehlen, doch man kann ihr Lachen, ihr Spie­len fast hören angesichts des
Bas­ket­bal­lko­rbs, der zu deut­lich für Unab­sichtlichkeit­en den recht­en
vorderen Bil­drand be-gren­zt.

Zur Ausstel­lung gibt es, pas-send zur ständi­gen inhaltlichen Wand­lung und
Ergänzung, einen Lose-Blatt-Kat­a­log mit ein­führen­dem Text und
Schwarz-Weiß-Auf­nah­men.

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