8. November 2004 · Quelle: MAZ / Tagesspiegel

Die mordende Medizin

ORANIENBURG Es ist ein Wieder­se­hen nach neun Jahren. 1995 war Salomon Feld­berg das
let­zten Mal in Oranien­burg. Auch gestern hat­te der 77-Jährige die
beschw­er­liche Reise aus Buenos Aires in Kauf genom­men: “28 Stun­den waren wir
unter­wegs.” Zusam­men mit sein­er Frau Mathil­da ist er nach Sach­sen­hausen
gekom­men. Freude schwingt mit. Er trifft alte Fre­unde, die sein
schreck­lich­es Los der Inhaftierung im KZ geteilt haben. Salomon Feld­berg war
mit auf dem Todes­marsch “bis Parchim”, erin­nert er sich.

Der alte Herr aus Argen­tinien war ein­er von rund 300 Besuch­ern, die gestern
zur Eröff­nung der Ausstel­lung “Medi­zin und Ver­brechen — Das Kranken­re­vi­er
des KZ Sach­sen­hausen 1936 bis 1945” in die Gedenkstätte gekom­men waren.
“Nie­mand kann die Ver­wand­lung ein­er helfend­en in eine mor­dende Medi­zin
bess­er schildern und bezeu­gen als Sie”, dank­te Stiftungs­di­rek­tor Gün­ter
Morsch den Zeitzeu­gen, die auch aus Ham­burg, Frankre­ich, Israel, Nor­we­gen
und den USA angereist waren. Im Vorder­grund der Dauer­ausstel­lung ste­ht die
Biogra­phie von rund 100 Häftlin­gen, ihre Schick­sale im KZ, sei es als
Pfleger, Patient, Ver­such­sopfer. Den weitaus größten Teil der gezeigten 1000
Exponate erhielt die Gedenkstätte von Über­leben­den sowie von Ange­höri­gen und
Fre­un­den der Häftlinge. Kost­bare, über 60 Jahre behütete Erin­nerungsstücke,
die sie der Expo­si­tion über­lassen haben. Auch dafür zollte Morsch seinen
Respekt. Und lud ein in die Ausstel­lung über eine schock­ierende “Medi­zin
ohne Men­schlichkeit, eine Medi­zin der Auslese und Aus­merze, der
Ver­stüm­melung, Ver­nich­tung, der Men­schen­züch­tung und Exper­i­mente”.

Noch im März 1945 trafen hier Trans­porte mit Sin­ti und Roma aus Auschwitz
ein, erin­nerte Romani Rose, Vor­sitzen­der des Zen­tral­rates Deutsch­er Sin­ti
und Roma. Doch gehören Kopf­mod­elle und Masken von Häftlin­gen heute noch in
eine Ausstel­lung? Er meine: ja. “Sie zeigen den Prozess der Ent­men­schlichung
in einem Land, die in den KZ ihren Höhep­unkt fand”, so Rose. Und er warnte
vor aktuellen Gefahren: Schon wieder reiche “das ras­sis­tis­che Men­schen­bild
bis in die Mitte der Gesellschaft”, betonte er unter dem Applaus von
Zuhör­ern. Die Ursachen für den Einzug recht­sex­tremer Parteien in die
Par­la­mente auf soziale Prob­leme und Umbrüche zu reduzieren, “kommt ein­er
Ver­harm­lo­sung gle­ich”. Zugle­ich appel­lierte er an die Bun­desregierung, das
Denkmal für die ermorde­ten Sin­ti und Roma in Berlin “nicht weit­er zu
verzögern”. 1600 Über­lebende erwarteten das. Wal­ter Win­ter ist ein­er von
ihnen. Auch er erin­nerte gestern an das “erst im Mai wieder­holte
Ver­sprechen” und warf Berlin Hin­hal­te­tak­tik vor.

“Die Bun­desregierung verzögert den Bau nicht”, ent­geg­nete
Bun­des­ge­sund­heitsmin­is­terin Ulla Schmidt. Neben dem Mah­n­mal für die
jüdis­chen Holo­caust-Opfer “sollen auch die Sin­ti und Roma ihre Erin­nerung
find­en”. Denn angesichts des Wieder­erstarkens recht­sradikaler Grup­pierun­gen
sei es beson­ders wichtig, das Wis­sen um die Nazi-Ver­brechen wachzuhal­ten.

Salomon Feld­berg bleibt bis Dien­stag in Berlin und Oranien­burg. Dann reist
er über Öster­re­ich nach Israel weit­er, wo der Sohn und seine drei Enkel
leben. “1995 wie auch heute habe ich hier andere Deutsche gese­hen. Die
jet­zige Gen­er­a­tion ist nicht mehr die von 1933 bis 45. Nur deshalb bin ich
zurück­gekom­men. Nur deshalb.”

Die Stadt und das Lager

Erst­mals wid­met sich eine Ausstel­lung dem Ver­hält­nis zwis­chen Oranien­burg
und dem KZ Sach­sen­hausen

(Tagesspiegel, Claus-Dieter Stey­er) Oranien­burg. “Kan­inchen schlacht­en kon­nte er nicht, aber Men­schen.” So
erin­nerte sich eine Frau aus Oranien­burg an einen ihrer Nach­barn. Jen­er Mann
wurde der “Eis­erne Gus­tav” genan­nt — von Häftlin­gen des KZ Sach­sen­hausen.
Der SS-Mann fiel hier durch seine Bru­tal­ität auf. Mehrere Men­schen kamen
durch ihn zu Tode. Gewohnt hat der SS-Mann ganz bieder in einem der
Sied­lung­shäuser rund um das Lager. Dort gab er sich so, als könne er kein­er
Fliege etwas zulei­de tun oder ein Kan­inchen schlacht­en. Erst nach Kriegsende
und der Befreiung des Lagers erfuhren die Nach­barn von seinem wahren
Charak­ter. Das jeden­falls behaupteten sie gegenüber His­torik­ern. Die
Erin­nerun­gen dieser Nach­barn und ander­er Zeitzeu­gen sind die wertvoll­sten
Zeug­nisse in der kür­zlich eröffneten Ausstel­lung der Gedenkstätte
Sach­sen­hausen “Die Stadt und das Lager”.

Während die Besuch­er den Bericht­en der Oranien­burg­er unter Kopfhör­ern
lauschen, fällt der Blick durch Sehschlitze auf die Umge­bung des KZ. Da
ste­hen Ein­fam­i­lien­häuser und in der Ferne ein Schorn­stein. Alles zum Greifen
nah. Zwis­chen dem Lager und der Stadt kann es also zwis­chen 1936 und 1945 ni
e eine her­metis­che Abgren­zung gegeben haben. Im Gegen­teil, die
Sied­lung­shäuser wur­den extra für die SS-Ange­höri­gen errichtet. In den
Fab­riken und beim Straßen­bau arbeit­eten Dutzende Häftlingskom­man­dos, die
durch den Ort marschieren mussten. Regelmäßig gab es Führun­gen durch das KZ,
oft legte sich tage­lang beißen­der Qualm aus dem Kre­ma­to­ri­um über die Stadt.

Die Ausstel­lung zeigt überzeu­gend, wie viel die Oranien­burg­er über die
Vorgänge im KZ gewusst haben müssen. Es gab aber nicht nur Schweigen oder
bil­li­gen­des Hin­nehmen der Zustände. Oranien­burg­er steck­ten Häftlin­gen Brot
oder Tablet­ten zu, nah­men Briefe ent­ge­gen oder halfen ihnen oft unter dem
Ein­satz ihres eige­nen Lebens. Nicht wenige bezahlten diese Men­schlichkeit
mit der Ein­liefer­ung ins KZ und dem späteren Tod.

Die Stiftung Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten wollte Mitte der neun­ziger Jahre
die SS-Sied­lun­gen unter Denkmalschutz stellen. Doch ein uner­warteter
Protest­sturm ver­hin­derte das, ähn­lich erg­ing es dem SS-Trup­pen­lager direkt
am Lager. Ein inter­na­tionaler Architek­ten­wet­tbe­werb brachte viele Ideen -
die Stadt favorisierte schließlich einen Entwurf von Daniel Libe­skind, der
in einem von Wass­er umspül­ten großen Gebäud­eriegel viele öffentliche
Ein­rich­tun­gen und ein Muse­um unter­brin­gen wollte. Hier ver­wahrte sich der
Denkmalschutz gegen einen zu starken Ein­griff. Das Gelände lag viele Jahre
brach, bis jet­zt der Umbau der Kaser­nen in die neue Polizeifach­schule
begann. Den­noch wird in der Stadt die KZ-Gedenkstätte nicht mehr ignori­ert
wie in den Jahren nach der Wende. Heute kom­men viele Oranien­burg­er zu
Gedenk­feiern, Diskus­sions­foren oder zur Ausstel­lung über die Stadt und das
Lager, die dien­stags bis son­ntags von 8.30 bis 16.30 geöffnet ist.

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