12. Juli 2004 · Quelle: LR

Die Reichskristallnacht in Senftenberg

(LR, 10.7.) Im Novem­ber 1938 erschoss ein 17-jähriger Jude einen Nazidiplo­mat­en in
Paris, um sich wegen der Behand­lung sein­er Ange­höri­gen in Deutsch­land zu
rächen. Die Nazis benutzten dies als Anlass, in der «Kristall­nacht» vom 9.
auf den 10. Novem­ber 1938 Juden heimzusuchen. 

Auch in Sen­ften­berg wur­den jüdis­che Bürg­er mis­shan­delt, getötet, ausgeraubt
und ver­schleppt. Eines der promi­nen­ten Opfer war Dr. Rudolf Martin
Reyersbach. 

Der hochange­se­hene jüdis­che Notar und Recht­san­walt war als hilfsbereit
bekan­nt, ver­trat mit­tel­lose Arbeit­er, ohne Hon­o­rar zu nehmen. Er hat­te einen
großen Kun­denkreis und ein gutes Ver­hält­nis zu den Bürg­ern. In der
Kristall­nacht ver­nahm Rey­ers­bach ein stür­mis­ches Klin­geln an sein­er Tür. Im
Mor­gen­man­tel öffnete er die Tür. SS- und SA-Män­ner pack­ten den 41-Jährigen,
war­fen ihn die Treppe hin­unter, schleiften ihn durch die Bahn­hof­s­traße zum
Markt, wo sie auf ihn ein­trat­en. Rey­ers­bach starb auf der Polizeiwache. 

Eine Augen­zeu­g­in erzählt: «Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Herr
Rey­ers­bach sah aus wie in Blut gebadet» . 

Frau Rosen­zweig erin­nert sich: «Ich denke oft an den schwärzesten Tag meines
Lebens. Die Nacht vom 9. auf den 10. Novem­ber 1938. SA- und SS-Leute waren
betrunk­en. Sie durften mor­den und plün­dern. Sie legten Feuer im
Tex­tilgeschäft von Natan Klein. Sein­er Nichte legten sie johlend eine
Drahtschlinge um den Hals und zogen sie mit dem Auto bis auf den Markt. Dann
holten sie Dr. Rey­ers­bach. Ich warnte ihn zwei Tage vorher. Er solle
abreisen. Er sagte mir, man könne ihm nichts anhaben. 

Seine Tochter Astrid Zöll­ner besuchte die Hin­den­burg-Schule. Die 13-Jährige
wurde bespuckt, mit Steinen bewor­fen. Sie musste die Schule ver­lassen, weil
sie Hal­b­jüdin war. 

Die Hor­den macht­en nicht Halt vor einem schw­er kranken Men­schen, trieben ihn
mit Fußtrit­ten zum Markt, in Oranien­burg ver­starb er an den Folgen. 

Fam­i­lie Markus hat­te man das Schuhgeschäft geplün­dert. Auf dem Markt unter
dem Kan­de­laber musste Herr Markus auf den Knien tanzen und sin­gen. Die
70-jährige Frau Singer­mann zogen die Nazis in einem Hand­wa­gen durch die
Stadt, den sie laufend umwar­fen, unter Schlä­gen musste sie wieder
hineinkriechen. 

In den schwarzen Barack­en in der Forststraße wur­den jüdis­che Menschen
unterge­bracht, nur mit Lumpen durften sie sich zudeck­en. In den Baracken
wim­melte es von Ungeziefer. Andere ältere jüdis­che Bürg­er wur­den in das
Wild­schweinge­hege des Tier­parks einges­per­rt, einige sind, wie Saul
Rosen­zweig, in das KZ Buchen­wald ver­schleppt worden.»

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