25. September 2003 · Quelle: P&S / Inforiot

Die Spur führt in die Uckermark

(Infori­ot) Zu diesem Text ist inzwis­chen ein zweit­er Teil erschienen, der weit­eres Mate­r­i­al zur recht­en Szene in der Region Uck­er­mark enthält.

Zum vere­it­el­ten Nazian­schlag in München: Die Täter stam­men aus alten Bran­den­burg­er Zusam­men­hän­gen

Nach den eher zufäl­li­gen Sprengstoff­fun­den in München und den bish­er erfol­gten Ermit­tlun­gen und Ver­haf­tun­gen ist klar, der Hauptverdächtige Mar­tin Wiese (27) stammt ursprünglich aus Anklam in Mecklenburg/Vorpommern. Dort war er einige Zeit im Kam­er­ad­schafts­bund Anklam aktiv, den es auch heute noch gibt. Vor etwa drei Jahren ging er nach München. Dort wohnte er mit Alexan­der M. zusam­men, der aus dem Bran­den­bur­gis­chen Luck­en­walde stammt. Bei diesem wurde auch der genan­nte Sprengstoff gefun­den.

Sprengstoff und Zün­der kamen — soviel scheint inzwis­chen klar — von drei Män­nern aus der Uck­er­mark. Gle­ich in der ersten Ver­haf­tungsrunde wurde Andreas J. (37) aus Menkin festgenom­men, nach unseren Recherchen ein langjähriger Fre­und von Mar­tin W. Inzwis­chen sind zwei weit­ere Liefer­an­ten bekan­nt: Mar­cel K. (24) aus Brüs­sow und Ste­fan Z. (24) aus Wollschow. Bei­de sitzen ent­ge­gen anders lau­t­en­der Berichte eben­falls in Unter­suchung­shaft.

Als wir die ersten Infor­ma­tio­nen zu diesem Fall hörten, wur­den wir aus unter­schiedlichen Grün­den aufmerk­sam:

· Auf­fäl­lig ist die räum­liche Nähe der Herkun­ft aller genan­nten Verdächti­gen. Brüs­sow, Menkin und Wollschow liegen in unmit­tel­bar­er Nach­barschaft.

· Aus früheren Recherchen ist uns diese Region im Nor­den der Uck­er­mark als ein Gebi­et bekan­nt, das zwar kaum als ein Schw­er­punkt recht­sex­tremer Aktiv­itäten öffentlich wurde, es aber in ger­adezu sym­bol­is­ch­er Art und Weise ist.

· Viele Ereignisse, Gewalt­tat­en und Struk­turen deuten aus eine sehr lange zurück­re­ichende und inten­sive Zusam­me­nar­beit von Recht­sex­trem­istIn­nen aus dem Nor­den Bran­den­burgs und aus Mecklenburg/ Vor­pom­mern hin.

Unser­er Mei­n­ung nach ist die Spur in die Uck­er­mark nicht zufäl­lig. Recht­sex­trem­istÍn­nen aus der Region woll­ten im West­en eigentlich nur das kon­se­quent fort­set­zen, was sie hier fast schon alltäglich getan haben. Für die Verbindung zwis­chen Recht­sex­trem­istIn­nen aus Mecklenburg/Vorpommern, auch aus Anklam und der Uck­er­mark gibt es eine Menge Indizien:

· Die gesamte Region um die Kle­in­stadt Brüs­sow war viele Jahre, zum Teil schon in DDR- Zeit­en ein Zen­trum recht­sex­tremer Aktiv­itäten. Davon zeu­gen viele Gewalt­tat­en, von denen eine Auswahl aus den let­zten Jahren unten aufge­führt sind. Dabei war die schlimm­ste Zeit sich­er eher Mitte der 90er Jahre. Damals mussten als Zuge­zo­gene in Klausthal, Ham­mel­stall und Wall­mow fast jedes Woch­enende Über­fälle mit bürg­erkriegsähn­lich­er Zustän­den erleben. Bei Stadt- und Dorffesten waren Massen­schlägereien an der Tage­sor­d­nung und an der Gren­ze zu Mecklenburg/Vorpommern fan­den Nazikonz­erte mit inter­na­tionaler Beteili­gung statt.

· Die Gren­zre­gion zwis­chen Bran­den­burg und Mecklenburg/Vorpommern war und ist ein klas­sis­ch­er Rück­zugsraum für recht­sex­treme Aktivis­tenn. Je nach Präsenz der Polizei fan­den Konz­erte, Diskotheken, Wehrsport­lager und Schu­lun­gen mal in diesem, mal in jen­em Bun­des­land statt. Auch die weni­gen bekan­nt gewor­de­nen Tre­f­fen in Bagemühl, Brüs­sow und Dede­low sprechen für Verbindun­gen zwis­chen Nazis aus Bran­den­burg und Mecklenburg/Vorpommern.

· Ger­ade die Dör­fer an der unmit­tel­baren Gren­ze waren Jahre lang bekan­nt für rechte Konz­erte und Tre­f­fen über­re­gionaler Art. In Menkin selb­st ist der Gasthof “An der Chaussse” viele Jahre Ort von Konz­erte mit zum Teil Hun­derten von Nazis aus allen Teilen Deutsch­lands und nach unseren Recherchen auch aus Eng­land und Skan­di­navien gewe­sen. 1996 bis 98 gaben sich dort und in anderen Dör­fern bekan­nte Bands der Szene die Klinke in die Hand.

· Wir wis­sen, dass die Recht­sex­trem­istIn­nen aus Mecklenburg/Vorpommern, so der Kam­er­ad­schafts­bund Anklam, die Kam­er­ad­schaft Use­dom und die Kam­er­ad­schaft aus Ueck­er­münde schon sehr lange inten­sive Kon­tak­te nach Bran­den­burg, speziell in die Uck­er­mark haben. Bei vie­len Demon­stra­tio­nen, auch in jüng­ster Zeit sind sie gemein­sam aufge­treten. Inter­es­sant ist dabei auch der gemein­same inhaltliche Schw­er­punkt “Wehrma­ch­tausstel­lung”, den Mar­tin Wiese in Süd­deutsch­land und die genan­nten Kam­er­ad­schaften in Mecklenburg/Vorpommern und der Märkische Heimatschutz im Nor­den aktiv umge­set­zt haben. Die Demon­stra­tio­nen in Wol­gast sind dafür ein beredtes Beispiel.

· Das Alter der Verdächti­gen passt. Es geht nicht um irgendwelche irregeleit­eten Jugendlichen. Ganz offen­sichtlich sind alle genau in der Zeit sozial­isiert und möglicher­weise in die recht­sex­treme Szene inte­gri­ert wor­den, als hier deren Hochzeit war. Die Kon­tak­te, Verbindun­gen und ide­ol­o­gis­chen Vorstel­lun­gen haben sie dann mitgenom­men — auch in den West­en.

Um zu den geplanten Sprengstof­fan­schlä­gen zu kom­men, gibt es eine ganze Rei­he weit­er­er inter­es­san­ter Anhalt­spunk­te:

· Schon vor zwei Jahren haben uns unsere Inter­view­part­ner aus der Region von Prahlereien bekan­nter recht­sex­tremer Gewalt­täter berichtet, sie wür­den Waf­fen und Sprengstoff sam­meln und besitzen.

· In den Land­kreisen nördlich der Uck­er­mark gibt es eine ganze Abfolge (ehe­ma­liger) Trup­penübungsplätze erst der NVA und der Roten Armee, heute der Bun­deswehr. Genau in deren Einzugs­ge­bi­et haben sich einige recht­sex­treme Grup­pierun­gen ein­gerichtet. Welche Rolle spielt dabei zum Beispiel der Reservis­ten­ver­band “Olle Krüm­per” in Eggesin, wo jede Mange polizeilich bekan­nte Recht­sex­trem­is­ten aktiv sind?

· Bei den weni­gen Ein­sätzen der Polizei bei recht­sex­tremen Gewalt­tat­en in der Region gab es auch Waf­fen­funde. Was ist eigentlich daraus gewor­den?

Um das Ganze kurz zusam­men zu fassen: Wir denken, dass die Spur nicht zufäl­lig in die Uck­er­mark führt. Es han­delt sich um eine Region, die über viele Jahre eine nahezu ide­al­er Raum für recht­sex­treme Aktiv­itäten war — nie­mand hat sich darum geküm­mert, nie­mand hat das öffentlich gemacht, nie­mand hat etwas dage­gen getan. Wir denken, dass sich Nazis aus Anklam, Pase­walk, Ück­er­münde, Löck­nitz und anderen Orten der angren­zen­den Land­kreise Mecklenburg/Vorpommern oft in der Region aufge­hal­ten haben und schon lange vielfältige Kon­tak­te bestanden. Wir denken, dass Wiese und andere ihre Denk- und Ver­hal­tensweisen in den West­en mitgenom­men haben. Frei nach dem Mot­to: Wir kön­nen eigentlich alles machen, selb­st schlimm­ste Gewalt­tat­en, uns passiert sowieso nichts und wir haben dabei auch noch die Unter­stützung der Mehrheit der Bevölkerung.

So schlimm die jet­zt aufgedeck­ten Ter­ror­pläne in München auch sind wir ken­nen den All­t­ag­ster­ror hier im Osten sehr gut- und es sind die gle­ichen Täter! Schön, das jet­zt mal darüber gesprochen wird.

Einige Beispiele

Klock­ow — 20.09.1999

Jugendliche Recht­sex­trem­is­ten schla­gen jugendlichen Belas­tungszeu­gen ein­er Straf­sache mit recht­sex­tremem Hin­ter­grund zusam­men. (UK 29. und 30.09.1999)

Dede­low — 26.02.2000

Die Polizei löst ein Tre­f­fen von über 100 Recht­sex­trem­is­ten aus Bran­den­burg und Mecklenburg/Vorpommern auf. Dabei kommt es zu “Sieg Heil”-Rufen, Sachbeschädi­gun­gen und Kör­per­ver­let­zun­gen. Gegen die Fes­t­nah­men protestierten 20 Per­so­n­en vor der Polizei­wache in Pren­zlau. (MOZ 28.02.2000)

Brüs­sow — 25./26.06.2000

Am Gerüst der evan­ge­lis­chen Kirche wird die Reich­skriegflagge gehißt. (Augen­zeu­gen)

Trampe bei Brüs­sow — Sep­tem­ber 2000

Beim “Pflau­men­fest” des Dor­fes wer­den ein Dutzend ver­meintliche Linke von &uum
l;ber 50 recht­en Jugendlichen aus allen Orten der Umge­bung attack­iert, geschla­gen und gejagt. (Augen­zeu­gen)

Brüs­sow — 01.10.2000

Die Polizei löst ein Straßen­fest auf, nach­dem rund 80 vor­wiegend recht­sex­trem ori­en­tierte Jugendliche ran­daliert und andere Besuch­er, darunter ver­meintliche Linke tätlich ange­grif­f­en hat­ten. (MOZ 04.10.2000)

Bagemühl — 07.10.2000

Rund 50 Recht­sex­trem­is­ten aus Meck­len­burg Vor­pom­mern und der Uck­er­mark prügeln sich vor der Gast­stätte “Zur Linde”. (Berl.Z. 10.10.2000)

Brüs­sow — Novem­ber 2000

Zwei Autos mit “Glatzen” aus Wall­mow und Brüs­sow machen Jagd auf “Linke”. Dabei wird ein Auto zer­stört und ein Pri­vathaus ange­grif­f­en. (Augen­zeu­gen)

Bagemühl — 26.05.2001

Zum let­zten Mal Dis­co im örtlichen Jugend­club. Obwohl schon länger ein­er der großen Tre­ffs der Szene aus der ganzen Region, ist erst der Ver­such, einen anderen Besuch­er aufzuhän­gen, Grund für die Schließung. Der Haupt­täter, ein Schläger aus der recht­sex­tremen Szene erhält zwei Jahre Haft. (Augen­zeu­gen)

Klock­ow — 01.02.2003

Vier Recht­sex­trem­is­ten aus Pren­zlau und Mecklenburg/Vorpommern über­fall­en den Jugend­klub in Klock­ow und ver­let­zen mehrere Gäste. Die Polizei nimmt die Täter in Gewahrsam. (MOZ 03.02.2003)

(Infori­ot) Dieser Text wurde uns von der Recherchegruppe von Pfef­fer und Salz aus Anger­münde zur Ver­fü­gung gestellt. Von Pfef­fer und Salz stam­men zwei Recherche­broschüren, die sich mit dem The­ma Recht­sex­trem­is­mus in der Uck­er­mark auseinan­der­set­zen. Zur Con­nec­tion München-Uck­er­mark erschienen in den let­zten Tagen auch mehrere Zeitungsar­tikel.

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