25. September 2003 · Quelle: Berliner Zeitung

Neonazi besorgte Sprengstoff in der Uckermark

MENKIN. Der Neon­azi Mar­tin Wiese, der in München recht­ster­ror­is­tis­che
Anschläge gegen jüdis­che Ein­rich­tun­gen vor­bere­it­et haben soll, war in diesem
Jahr bere­its mehrmals im uck­er­märkischen Ort Menkin zu Besuch. Nach einem
Bericht des RBB-Nachricht­en­magazins Klar­text besuchte Wiese am 3. Mai 2003
die Geburt­stags­feier von Andreas J. in Menkin, einem 200-See­len-Ort
unmit­tel­bar an der Lan­des­gren­ze zu Vor­pom­mern. Auf jen­er Geburt­stags­feier
soll Wiese laut RBB den Par­tygästen bere­its angedeutet haben, dass er die
Errich­tung eines jüdis­chen Gemein­dezen­trums in München mit allen Mit­teln
ver­hin­dern wolle.

Zu der Feier in einem Gara­genkom­plex hat­te Andreas J. auch Mar­cel K. und
Steven Z., bei­de 24 Jahre alt und polizeibekan­nte Skin­heads, ein­ge­laden. Die
bei­den gel­ern­ten Tis­chler, die als Waf­fen­nar­ren bekan­nt sind, sollen dann am
Tag nach der Feier über den nahen Gren­züber­gang Linken nach Polen gefahren
sein und dort in einem ehe­ma­li­gen Bunkerge­bi­et nach alten Granat­en und Minen
gesucht haben. Die bei­den jun­gen Män­ner waren geübt darin, noch ver­w­ert­baren
Sprengstoff aus alter Weltkriegsmu­ni­tion zu ent­nehmen. Steven Z. hat­te
allerd­ings bere­its 1998 seine linke Hand beim Exper­i­men­tieren mit ein­er
Granate einge­büßt. Mar­tin Wiese soll das in Polen besorgte TNT dann in
seinem Ruck­sack nach München trans­portiert haben.

Eltern bekla­gen Kon­tak­tsperre

Seit nun­mehr 14 Tagen befind­en sich Mar­cel K. und Steven Z. in Bay­ern in
strenger Einzel­haft. Die Bun­de­san­waltschaft wirft ihnen vor, Unter­stützer
oder gar Mit­glieder ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung zu sein. Auch Andreas
J. war zunächst festgenom­men wor­den, ist aber inzwis­chen gegen Aufla­gen aus
der Haft ent­lassen wor­den. Gegen den 37-jähri­gen Andreas J., der im
vor­pom­mer­schen Pase­walk jahre­lang Nach­bar von Mar­tin Wiese war, ermit­telt
die Bun­de­san­waltschaft aber weit­er wegen Unter­stützung ein­er ter­ror­is­tis­chen
Vere­ini­gung. In Sicher­heit­skreisen gilt es als sich­er, dass Andreas J. bei
seinen Vernehmungen in Karl­sruhe inter­es­sante Aus­sagen über den eben­falls
inhaftierten Neon­azi-Anführer Mar­tin Wiese gemacht hat.

Wenige Tage nach Wieses Besuch in der Uck­er­mark hat­te die Polizei am 14. Mai
2003 die Woh­nung von Andreas J. in Menkin durch­sucht. Er war wegen
Waf­fenbe­sitzes angezeigt wor­den. Bere­its zuvor war dem kräfti­gen Mann der
Waf­fen­schein ent­zo­gen wor­den. Eine Mel­dung an den Ver­fas­sungss­chutz erfol­gte
aber nicht. Wiese war im Juni wieder zu Gast in Menkin.

Die Eltern der inhaftierten jun­gen Män­ner aus Menkin und Brüs­sow ver­suchen
indes seit zwei Wochen vergebens, einen direk­ten Kon­takt zu ihren Kindern
herzustellen. “Ich wollte meinem Sohn den Namen eines Anwalts zukom­men
lassen”, sagte Jür­gen K. am Mittwoch. “Aber das hat man uns ver­wehrt.” Jet­zt
habe er einen Brief geschrieben. Auch die Mut­ter von Steven Z. hat bish­er
lediglich die Benachrich­ti­gung erhal­ten, dass ihr Sohn im bay­erischen
Regens­burg im Gefäng­nis sitzt. “Um über­haupt etwas zu erfahren, habe ich mir
schon die Fin­ger blutig gewählt”, sagte sie. Ein Neon­azi sei ihr Sohn nicht
gewe­sen. Der Stief­vater von Steven Z. hat­te ihn vor Jahren aus dem Haus
gewor­fen. Zuvor hat­te der junge Mann den gesamten Garten des Haus­es mit
alter Weltkriegsmu­ni­tion “ger­adezu ver­mint”. Das bericht­en Nach­barn. Auch
der Vater von Mar­cel K. wusste nach eige­nen Angaben, dass sein Sohn
Weltkriegswaf­fen suchte und sog­ar weit­er­verkaufte.

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