24. Oktober 2003 · Quelle: Die Welt

Die Spuren des Leids in den Wäldern um Halbe

40.000 bis 50.000 Men­schen star­ben vor 58 Jahren in der let­zten großen Kesselschlacht des Zweit­en Weltkrieges

(Die Welt, Berlin, 23.10.2003, Klaus Broszin­sky) Halbe — Jet­zt, wenige Wochen vor dem Volk­strauertag am 16. Novem­ber, rückt der sonst
so ruhige Sol­daten­fried­hof in Halbe wieder ins Ram­p­en­licht: Recht­sex­trem­is­ten wollen
einen “Heldenge­denk­tag”, während Antifa-Grup­pen dage­gen demon­stri­eren und
“sow­jetis­che Befreier” ehren wollen. Dazwis­chen: Ange­hörige, Fre­unde und ehemalige
Kam­er­aden der in Halbe Begrabenen. 

58 Jahre ist es her: In den April­t­a­gen 1945 bilde­ten die Sow­jets im Raum
Halbe/Teupitz einen Kessel, in dem nicht nur die Trup­pen der deutschen 9. Armee und
andere Ein­heit­en eingeschlossen waren, son­dern auch tausende Zivilis­ten und
Flüchtlinge. Sie woll­ten nach West­en. Das Trom­melfeuer mit Katjuschas und Granaten,
der rasche Panz­er­vorstoß, deutsches Abwehrfeuer und ein Teilaus­bruch der
eingekessel­ten Trup­pen kosteten wahrschein­lich 40 000 bis 50 000 Men­schen das Leben
— noch heute wer­den in den Wäldern Über­reste der Toten gefun­den. Sie find­en auf dem
Sol­daten­fried­hof im nahen Halbe ihre let­zte Ruh­estätte. Mehr als 22 000 Tote aus
jen­er Kesselschlacht liegen dort begraben, davon etwa 12 000 als unbekan­nt. Dazu
noch die Leichen von Zwangsar­beit­ern und die jen­er 4500 Deutschen aus dem
sow­jetis­chen NKWD-Lager Ketschen­dorf. Bei den Auto­bah­nar­beit­en wer­den immer wieder
Gebeine gefunden … 

Die 81-jährige Wal­traud Müller ist von Bonn nach Halbe gekom­men. Mit ihrer
Groß­cou­sine Eri­ka Find­eisen besucht sie die let­zte Ruh­estätte ihres ersten Mannes
Wern­er Pelz­ing (Jahrgang 1917). April 1945 ste­ht als Todes­da­tum auf der Grabplatte,
auf der noch zwei andere Namen zu lesen sind. “In der Nacht zum 20. April 1945 rief
er mich noch an und sagte: Du musst laufen, die Russen kom­men. Lauf, so weit dich
die Füße tra­gen”, erin­nert sie sich. Wern­er Pelz­ing war damals Pio­nier und konnte
sie noch in Sach­sen anrufen, wohin sie von Köln aus mit ihrem damals 16 Monate alten
Sohn Jür­gen evakuiert wor­den war. “Ich habe dir noch einen Brief geschrieben”,
zitiert Wal­traud Müller ihren Mann. Als sie ihn nach dem Warum fragte, habe er
gesagt, er glaube, in rus­sis­che Gefan­gen­schaft zu kom­men. Der Brief hat sie nie
erre­icht. Nach jen­em let­zten Tele­fonge­spräch hat­te sie sich mit ihrem kleinen Sohn
im Kinder­wa­gen zu Fuß nach Köln aufgemacht: Im Juni 1945 kam sie dort an und suchte
den über­leben­den Vorge­set­zten ihres Mannes auf, den ehe­ma­li­gen Oberleutnant
Klee­berg. Der hat­te ihn noch bei Halbe gese­hen. Eine Suchanzeige in ein­er Berliner
Tageszeitung brachte erst Jahre später eine Spur: Wern­er Pelz­ing war beim Sprung
über die Auto­bahn am 28. April ver­wun­det wor­den und am 4. Mai in der Waldsiedlung
Rade­land in der Nähe von Baruth seinen Ver­let­zun­gen erlegen. Mit zwei anderen hatte
man ihn im Garten beigesetzt. 

Wie Tausende suchte die junge Frau Gewis­sheit. Noch 1947 waren die Toten nicht
umge­bet­tet: “Über­all auf dem Fußweg von Berlin waren so Hügel mit einem Stahlhelm
drauf oder einem Holzkreuz.” Später fand Wern­er Pelz­ing seine let­zte Ruhe auf dem
Hal­ber Sol­daten­fried­hof, der 1951 auf Ini­tia­tive des Pfar­rers Ernst Teichmann
ein­gerichtet wor­den war. Ange­hörige, Fre­unde, Über­lebende haben seit­dem einen Ort
für ihre Trauer.

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