10. November 2004 · Quelle: MAZ

Die Zeichen rechter Gesinnung

(MAZ, Dirk Klauke) WITTSTOCK “Wir haben kein Prob­lem mit Recht­sradikalen in der Schule”, berichtet Sabine
Stein­bach. Die Lei­t­erin der Dr.-Wilhelm-Polthier-Gesamtschule weiß aber,
dass der Recht­sradikalis­mus auch in Witt­stock eine neue Qual­ität erre­icht
hat. Neon­azis sind nicht mehr vor­wiegend als Bomber­jack­en- und
Springer­stiefel­träger zu erken­nen. Mit dem Tra­gen bes­timmter Marken­ware oder
von Aufnäh­ern beken­nen sich Jugendliche zu ihrer braunen Gesin­nung.

Die Hau­sor­d­nung der Schule ver­bi­etet zwar “ver­bale und äußer­lich sicht- und
erkennbare Pro­voka­tio­nen hin­sichtlich recht­sradikalem und
aus­län­der­feindlichem Hin­ter­grund” und “Belei­di­gung, Volksver­het­zung oder
Ein­schüchterung Ander­s­denk­ender und rech­tradikale Pro­pa­gan­da”.

Um recht­sradikale Sym­pa­thisan­ten rechtzeit­ig ent­lar­ven und sich mit ihnen
auseinan­der set­zen zu kön­nen, hat­te die Direk­torin am Mon­ta­gnach­mit­tag ihre 36
Päd­a­gogen und eine Schul­sozialar­bei­t­erin zur Weit­er­bil­dungsver­anstal­tung der
beson­deren Art geladen. Rede und Antwort standen Vertreter der Neu­rup­pin­er
Son­derkom­mis­sion Tomeg/Mega (Täteror­i­en­tierte Maß­nah­men gegen recht­sex­treme
Gewalt/Mobile Ein­satzein­heit gegen Gewalt und Aus­län­der­feindlichkeit), des
Mobilen Beratung­steams Neu­rup­pin der Regionalen Arbeitsstellen für
Aus­län­der­fra­gen, Schule und Jugen­dar­beit (RAA) und der Witt­stock­er
Polizei­wache.

RAA-Mitar­beit­er Nico­la Scu­teri erk­lärte mit Bild­w­er­fer­folien, wie
rechts­gerichtete Jugendliche zu erken­nen und Neon­azi-Struk­turen in ein­er
Kle­in­stadt aufge­baut sind. Mit Zahlenkom­bi­na­tio­nen wer­den Buch­staben des
Alpha­betes erset­zt: 88 für HH (Heil Hitler) oder 14 für AH (Adolf Hitler).
Marken wie Lons­dale, Alpha Indus­tries oder auch die Wasser­sport­marke HH
(Helly Hansen) wer­den gern von Recht­sradikalen getra­gen. Eine beson­ders
unrühm­liche Rolle spielt die Marken­fir­ma Cons­daple. “Bei hal­bof­fen­er Jacke
sind nur noch die Buch­staben nsdap zu erken­nen”, berichtete Nico­la
Scu­teri. “Das ist dann eine straf­bare Hand­lung” ergänzte Neu­rup­pins
Tomeg-Leit­er Stef­fen Deck­er.

Straf­bar ist das Tra­gen von Bek­lei­dung mit dem Königs Wuster­hausen­er
Marken­ze­ichen “Thor Steinar”. “Wenn Sie so etwas sehen, rufen Sie bitte die
Polizei an”, bat Deck­er die Päd­a­gogen.

Bei Recht­en beliebte Sym­bole wie der Thor(s)hammer sind nicht ver­boten. Das
Tra­gen des Kel­tenkreuzes kann nur im Kon­text mit der ver­bote­nen
“Volkssozial­is­tis­chen Bewe­gung Deutschlands/Partei der Arbeit” unter­sagt
wer­den.

Musik sei die Ein­stiegs­droge in den Recht­sradikalis­mus, sagte
RAA-Mitar­bei­t­erin Gabriele Schla­mann. Sie spielte eine harm­los und melodisch
klin­gende CD von ein­er “Annett” vor: Darin beklagt die Sän­gerin, dass die
deutsche Mut­ter eines Sohnes keine Sozial­hil­fe bekomme, während die
aus­ländis­che Nach­barin mit sieben Gören kräftig absahne.

Wachen­leit­er Arno Rosen­bruch zufolge ist die Witt­stock­er recht­sex­treme Szene
zahlen­mäßig von 2003 zu 2004 gewach­sen, die Zahl der Straftat­en allerd­ings
sei zurück­ge­gan­gen. Beliebter Tre­ff­punkt ist die Total-Tankstelle. Hier habe
die Polizei eini­gen Jugendlichen Aufen­thaltsver­bote erteilt. In kleineren
Orten um Witt­stock kreuzten immer wieder Recht­sex­treme auf, um
Ver­anstal­tun­gen zu stören.

Arno Rosen­bruch bat die Päd­a­gogen, sich schnell an die Polizei zu wen­den,
wenn Anze­ichen für recht­sex­tremes Gedankengut in der Schule erkennbar sei,
“auch wenn Sie sich nicht sich­er sind”.

Der Ost­prig­nitz-Rup­pin­er Tomeg-Chef Stef­fen Deck­er berichtete vom immensen
Ein­satz der Polizei, um die rechte Szene im Schutzbere­ich zu kon­trol­lieren.
Der Schw­er­punkt lag für die Tomeg-Leute bis 2003 in Witt­stock, jet­zt seien
seine Mitar­beit­er auch für Neu­rup­pin zuständig. Eigentlich müssten sich viel
mehr Men­schen dafür ein­set­zen, Recht­sradikalen in Witt­stock eine Abfuhr zu
erteilen.

Die Rekru­tierung von Neon­azis erfolge auch im Witt­stock­er Gym­na­si­um, sagte
Stef­fen Deck­er. Die Logis­tik der Recht­en sei sehr aus­gereift. Die
Witt­stock­er Szene habe Kon­tak­te zu Gle­ich­gesin­nten in Ham­burg, Bre­men,
Mal­chow, Pritzwalk, Ober­hav­el und Rathenow. Da das Ein­stiegsalter bei “13
plus” liege, appel­lierte auch Stef­fen Deck­er an die Päd­a­gogen, sich nicht zu
scheuen, ihn anzu­rufen (03391/ 35 41 85).

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