21. April 2005 · Quelle: MAZ

Dieser Film war ein sehr langer Weg”

Frau Walz, 25 Jahre lang haben Sie Über­lebende aus dem Frauen-KZ Ravens­brück
inter­viewt. Auf welche Weise hat dieser Weg begonnen?

Walz: . Damals war ich eine junge Filmemacherin ohne poli­tis­che Heimat.
Wed­er kon­nte ich mich mit Parteien, noch Poli­tik­ern oder anderen
Organ­i­sa­tio­nen iden­ti­fizieren. Gle­ich­wohl hat­te ich poli­tis­che Inter­essen
auf der einen Seite sowie ein kün­st­lerisches auf der anderen. Ich wollte
Filme machen mit der damals noch sehr jun­gen Videotech­nik.

Hat­ten Sie da schon die Idee, einen Film über Ravens­brück zu drehen?

Walz: Ich wurde das erste Mal 1979 zu einem Tre­f­fen der “Lagerge­mein­schaft
Ravens­brück” mitgenom­men. Die Lagerge­mein­schaft ist ein Zusam­men­schluss von
über­leben­den Frauen, die sich organ­isiert hat­ten und jährliche Tre­f­fen
ver­anstal­teten. Und auf ein­mal kam alles zusam­men. Mein Wun­sch, poli­tis­che
Filme zu machen und die Begeg­nun­gen in Ravens­brück. Hinzu kam, dass die
Frauen selb­st ein Inter­esse daran hat­ten, ihre Erin­nerun­gen festzuhal­ten.

Somit war also das Pro­jekt geboren?

Walz: Es ist natür­lich ein Prozess gewe­sen, aber das Prinzip war ganz
ein­fach. Die Frauen woll­ten ihre Geschichte erzählen und ich habe ihnen dann
ange­boten, ihnen zuzuhören und sie aufzunehmen. Und den­noch gab es dann
einen Unter­schied zwis­chen der eige­nen, selb­st erlebten Erin­nerung, die mit
Schmerz ver­bun­den ist, und der his­torischen Auseinan­der­set­zung.

Heißt das im Umkehrschluss, dass die intellek­tuelle Reflek­tion nichts mit
der per­sön­lichen zu tun hat?

Walz: Diejeni­gen Frauen, die ich ken­nen gel­ernt habe, waren es nicht
gewöh­nt, von sich zu sprechen. Über den Nation­al­sozial­is­mus, ja, über die
Gefahren von Neon­azis­mus auch, aber in diesen Schilderun­gen ist noch nicht
unbe­d­ingt der Men­sch anwe­send, son­dern eine Gruppe, hin­ter der man sich erst
ein­mal ver­steck­en kann. Dies gehört zu den ganz natür­lichen
Schutzmech­a­nis­men von Opfern.

Ihr Film spiegelt eine große Intim­ität wieder. Dieses Ver­trauen haben Sie
offen­sichtlich und let­z­tendlich auch bekom­men.

Walz: Ich habe es meist bekom­men, das stimmt, und ich habe die Frauen dafür
auch immer bewun­dert. In den ersten Jahren mein­er Arbeit hat­te ich oft das
Gefühl, dass ich nicht alles erzählt bekomme. Ich wusste, dass es Bere­iche
gab, in die ich keinen Zugang hat­te. Oft aus dem ein­fachen Grund, weil die
Befragten selb­st nie darüber gesprochen haben. Aber im Laufe der Jahre haben
sich natür­lich auch Beziehun­gen zwis­chen mir und den Frauen entwick­elt.
Alles in allem war die Arbeit an dem Film ein langer und manch­mal auch
schwieriger Weg.

Kann man sagen, dass die “Lagerge­mein­schaft” eine poli­tis­che Organ­i­sa­tion
ist?

Walz: Ich würde es so nen­nen: die Gemein­schaft hat ein poli­tis­ches
Inter­esse. Näm­lich das Ziel, die Erin­nerung an die Zeit der Ver­fol­gung und
Haft festzuhal­ten. Dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Grund die Frauen
ver­haftet wur­den, denn die “Lagerge­mein­schaft Ravens­brück” ist ein
Zusam­men­schluss aller Häftlinge. Ganz gle­ich, ob poli­tisch Ver­fol­gte,
Jüdin­nen oder Sin­ti und Roma.

Sprechen poli­tis­che Häftlinge anders über ihre Erin­nerun­gen als
beispiel­sweise Jüdin­nen, die aus ras­sis­tis­chen Grün­den inhaftiert waren?

Walz: Mein­er Ansicht nach gibt es diesen Unter­schied in der Tat. Es ist
etwas völ­lig anderes, zu wis­sen, aus welchem Grund man im Lager ist. Man
weiß, dass man wissentlich oppo­si­tionell gehan­delt hat und man ken­nt die
Strafe. Wobei viele der Frauen, die im Aus­land poli­tis­chen Wider­stand
geleis­tet haben, Repres­salien ohne­hin gewohnt waren. Sie kan­nten die
Polizeis­ta­tio­nen und Ver­höre, einige waren auch schon mal für ein, zwei Tage
in Haft. Ravens­brück war allerd­ings auch für diese Frauen eine ganz neue
Dimen­sion.

Kön­nen diese so genan­nten “schuldigen” Frauen ihre Erleb­nisse bess­er
ver­ar­beit­en, im Gegen­satz zu den Jüdin­nen?

Walz: Sie kön­nen es anders. Der Grad der Demü­ti­gung ein­er Sin­ti, die
beispiel­sweise mit ihrem Kind auf­grund ihrer Iden­tität ver­schleppt wird, ist
ein ungle­ich größer­er als der ein­er Wider­stand­skämpferin. Den­noch ist das
Leid, das die “Schuldigen” erleben, ja haar­ge­nau das gle­iche, nur mit dem
Unter­schied, dass sie den Grund ihrer Haft ken­nen.

Und in wieweit spie­len nationale oder kul­turelle Unter­schiede in den
Schilderun­gen der Frauen eine Rolle?

Walz: Sie spie­len eine sehr große Rolle, weil der Umgang mit KZ-Häftlin­gen
in den Län­dern unter­schiedlich war. Schauen Sie, die franzö­sis­chen
Wider­stand­skämpferin­nen haben mil­itärische Ränge bekom­men, sie wur­den als
Offizier des Wider­stands geehrt. Während die Frauen aus der Sow­je­tu­nion
nicht über ihre Ver­gan­gen­heit sprechen kon­nten, weil man in Rus­s­land
beispiel­sweise als Lan­desver­rä­terin galt, wenn man in die Hände des Geg­n­ers
kam.

Bedeutet es dann, dass die Fähigkeit über Erlebtes zu sprechen, immer auch
mit der Entwick­lung des eige­nen Lan­des in Bezug auf seine
Geschichtsver­ar­beitung verknüpft ist?

Walz: Erin­nerung find­et immer im Hier und Heute statt und sie ist mit der
gesellschaftlichen Akzep­tanz ver­bun­den. Als man in West­deutsch­land anf­ing,
Opfer als Zeitzeu­gen in die Schulen einzu­laden, hat dieses gesellschaftlich
viel bewirkt, oder denken Sie an die amerikanis­che Serie “Holo­caust”. Und
auch mein Film, sowie das Buch waren und sind mit der poli­tis­chen und
gesellschaftlichen Gegen­wart meines Lan­des ver­bun­den.

Hät­ten Sie diesen Film, so wie er ist, schon vor 20 Jahren machen kön­nen?

Walz: Ganz ein­deutig nein. Allein schon aus dem Grund, weil ich vor 25
Jahren nicht die Möglichkeit gehabt hätte, nach Ost€pa zu reisen, um dort
Über­lebende zu find­en und zu befra­gen. Aber nun, nach 60 Jahren Befreiung
des KZ Ravens­brück ist es nun endlich Zeit, einen umfassenden Film über
dieses Lager zu haben. Mit­tler­weile sind auch schon zahlre­iche Frauen, die
ich inter­viewt habe, gestor­ben. Diese Erin­nerun­gen sind wertvoll und sie
sind auch nötig.

Sie haben starke und stolze Frauen getrof­fen. Auch fällt es auf, dass in
Ihrem Film keine Trä­nen fließen. Was haben Sie von diesen Frauen gel­ernt?

Walz: Ich habe die Frauen genau­so wie Sie erlebt, als stark und stolz und
vor allem als sehr schön. Sie glauben gar nicht, wie viele vor den Auf­nah­men
noch ein­mal die Lip­pen nachge­zo­gen oder Schmuck angelegt haben. Eine Frau
sagte mir sog­ar, dass sie auf keinen Fall weinend gezeigt wer­den wolle, für
den Fall, dass der Post­bote den Film sehen könne und wie würde denn das
ausse­hen? Diese Frauen haben mir die Angst vor dem Alter genom­men.

Und was haben Sie aus Ihrem eige­nen Film mitgenom­men, außer den Bericht­en
über die Zustände im Lager?

Walz: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, was ich tat­säch­lich gel­ernt
habe und nie für möglich gehal­ten hätte, ist die Tat­sache, was der Men­sch in
der Lage ist, alles auszuhal­ten. Und am Ende behält das Leben seine
Kon­ti­nu­ität und geht weit­er. Ist das nicht ermuti­gend?

Heute im RBB: “Die Frauen von Ravens­brück”, 22.45 Uhr

Loret­ta Walz: “Und dann kommst dahin an einen schö­nen Som­mertag”, Die Frauen
von Ravens­brück, Ver­lag Antje Kun­st­mann, 24,50 Euro

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