5. Dezember 2018 · Quelle: Opferperspektive e.V.

Eberswalde: Gedenken an Amadeu Antonio

Am 6. Dezem­ber 1990 starb Amadeu Anto­nio, der als angolanis­ch­er Ver­tragsar­beit­er in die DDR kam. In der Nacht auf den 25. Novem­ber 1990 wurde er vor einem Gasthof in Eber­swalde von etwa 60 recht­en Jugendlichen mit Knüp­peln ange­grif­f­en und ins Koma geprügelt. Er erlag Tage später seinen Ver­let­zun­gen.
In Gedenken an Amadeu Anto­nio find­et am Don­ner­stag, den 6. Dezem­ber um 17 Uhr eine Kundge­bung an der Mahn- und Gedenk­tafel (Eber­swalder Str. 261, 16225 Eber­swalde) statt. Zur anschließen­den Begeg­nung und gemein­samen Essen laden der Afrikanis­che Kul­turvere­in Palan­ca e.V., die Barn­imer Kam­pagne “Light me Amadeu” und die Antifaschis­tis­che Ini­tia­tive Eber­swalde in die Räume von Palan­ca in der Cop­pis­traße ein.
Anlässlich des Gedenkens wird momen­tan unsere Ausstel­lung [Kein schön­er Land] zu Todes­opfern rechter Gewalt in Bran­den­burg in der Maria-Mag­dale­nen-Kirche in Eber­swalde gezeigt. Zur Eröff­nung berichtete Andreas Michael, Mitar­beit­er der Opfer­per­spek­tive, über die aktuelle Sit­u­a­tion in Eber­swalde. Den Rede­beitrag doku­men­tieren wir hier.
Rechte Gewalt in Eber­swalde und die aktuelle Sit­u­a­tion für Betrof­fene
Für das erste Hal­b­jahr zählte die Opfer­per­spek­tive 97 Angriffe im Land Bran­den­burg. Bis zum 1. August waren es schon über 100, welche für dieses Jahr reg­istri­ert wur­den. Zum Ver­gle­ich: im ersten Hal­b­jahr 2017 wur­den 98 Fälle gezählt, im ganzen Jahr 171. 80 Fälle, und damit die weit über­wiegende Zahl der Angriffe, war ras­sis­tisch motiviert.
Es muss fest­gestellt wer­den, dass es in den let­zten Monat­en keinen Rück­gang rechter Gewalt­tat­en gegeben hat. Das Niveau ras­sis­tis­ch­er Gewalt bleibt sta­bil hoch, obwohl viele Gründe, die in den let­zten drei Jahren für den Anstieg rechter Gewalt­tat­en herange­zo­gen wur­den, derzeit nicht gegeben sind. Wed­er gibt es in diesem Jahr Land­tags- oder Bun­destagswahlen, noch kom­men derzeit in hoher Zahl Geflüchtete in Bran­den­burg an. Ras­sis­tis­che Gewalt ist in den let­zten drei Jahren für einen Teil der Bran­den­burg­er Bevölkerung offen­bar zu ein­er nor­malen und akzep­tierten Hand­lungsweise im Umgang mit Migrant*innen gewor­den.
Allein im Land­kreis Barn­im reg­istri­erte die Opfer­per­spek­tive bis dato 13 rechte Gewalt­tat­en. Dies stellt einen Anstieg gegenüber den Vor­jahren dar. So gab es 2015 sechs, 2016 fünf und 2017 elf Angriffe, die Gesamtzahl der Angriffe ist damit die höch­ste, welche seit Beginn des Mon­i­tor­ings im Jahr 2002 durch die Opfer­per­spek­tive doku­men­tiert wurde. Dazu muss gesagt wer­den, dass 2017 in fast allen anderen Land­kreisen die Gewalt­tat­en einen leicht­en Rück­gang hat­ten.
Die Stadt Eber­swalde ist ein Schw­er­punkt rechter Angriffe im Barn­im, hier stieg die Angriff­szahl von sechs im Jahr 2017 auf acht Angriffe an. Das häu­fig­ste Tat­mo­tiv bei diesen Angrif­f­en ist Ras­sis­mus, bei 85% aller Tat­en lag diese Moti­va­tion zugrunde. Betrof­fen davon sind vor allem Men­schen mit real­er oder zugeschrieben­er Migra­tions­geschichte, ver­meintlich Geflüchtete aber auch inter­na­tionale Studierende. So zum Beispiel Anfang August als eine Gruppe junger Frauen in Eber­swalde mit dem Fahrrad unter­wegs war und bei einem Stre­it mit einem Aut­o­fahrer erst ras­sis­tisch belei­digt wurde und dann eine von ihnen in den Gegen­verkehr geschub­st wurde. Glück­licher­weise kon­nte das ihr ent­ge­gen kom­mende Fahrzeug rechtzeit­ig brem­sen, sodass Schlim­meres ver­hin­dert wurde.
Neben diesen ras­sis­tisch motivierten Gewalt­tat­en, die vor allem in Bernau, Biesen­thal, Eber­swalde und Wan­dlitz die häu­fig­ste Tat­mo­ti­va­tion bilden, wur­den durch Opfer­per­spek­tive auch zwei kör­per­liche Angriffe auf poli­tis­che Gegner*innen bzw. nicht Rechte reg­istri­ert. Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­te, ein­fache wie gefährliche, bilden weit­er­hin die mit Abstand häu­fig­sten Tatbestände. Die Opfer­per­spek­tive zählte vier ein­fache und eine gefährliche Kör­per­ver­let­zung in Eber­swalde, eine gefährliche so wie eine ein­fache Kör­per­ver­let­zung in Bernau, eine ver­suchte gefährliche Kör­per­ver­let­zung in Biesen­thal und eine ver­suchte ein­fache Kör­per­ver­let­zung in Wan­dlitz. In Biesen­thal wurde ein Mann aus Soma­lia, welch­er mit dem Fahrrad durch die Bahn­hof­sstraße fuhr, ras­sis­tisch belei­digt und dann mit einem schw­eren Ket­ten­fahrrad­schloss bewor­fen. In Eber­swalde wur­den an ver­schieden Tagen junge Men­schen aus der rus­sis­chen Förder­a­tion ras­sis­tisch belei­digt und ange­grif­f­en, in einem Fall kon­nte der Angriff abgewehrt wer­den. Eben­falls in Eber­swalde gab es einen ras­sis­tisch motivierten Angriff auf eine Frau aus Viet­nam.
Neben diesen tätlichen Angrif­f­en reg­istri­erte die Opfer­per­spek­tive drei Fälle von Nöti­gun­gen und Bedro­hun­gen, beispiel­sweise Mitte April in Wan­dlitz. Am Liep­nitzsee wer­den zwei Män­ner ras­sis­tisch belei­digt und bedro­ht, bis sie den See ver­lassen. Aber auch in Bernau und Eber­swalde kommt es immer wieder zu ras­sis­tis­chen Belei­di­gun­gen und Bedro­hun­gen. Auf­grund der Tat­sache, dass es im Barn­im nur sehr wenig Kon­takt zu den Betrof­fe­nen gibt, geht die Opfer­per­spek­tive hier davon aus, dass die Zahlen nicht das tat­säch­liche Aus­maß wider­spiegeln. Aus der all­ge­meinen Beratung­sprax­is her­aus lässt sich sagen, dass, wie auch in den Vor­jahren, Men­schen mit Fluchter­fahrung die Haupt­be­trof­fe­nen­gruppe rechter Gewalt in Bran­den­burg sind.
Bei ras­sis­tis­chen Gewalt­de­lik­ten kom­men allerd­ings auch Über­griffe auf Per­so­n­en mit zugeschrieben­er oder real­er Migra­tions­geschichte hinzu. Sie erleben ras­sis­tis­che Gewalt und Anfein­dun­gen in allen Lebens­bere­ichen: Durch Nachbar*innen im eige­nen Wohnum­feld, beim Sport, Einkaufen oder auf offen­er Straße. Ver­stärkt tre­f­fen die Bera­ten­den Betrof­fene in einem Zus­tand großer Hoff­nungslosigkeit: Der erfahrene Ras­sis­mus ist für die Ange­grif­f­e­nen so all­ge­gen­wär­tig, dass die Möglichkeit eines All­t­ags jen­seits dieser Erleb­nisse völ­lig unre­al­is­tisch ist. Oft wird der tat­säch­liche kör­per­liche Angriff nicht mehr als her­aus­ra­gen­des Erleb­nis wahrgenom­men, son­dern als ein weit­er­er Baustein in ein­er Kon­ti­nu­ität der Ablehnung, die psy­chisch wesentlich schw­er­er wiegt. Wege aus dieser Sit­u­a­tion zu find­en ist nicht nur eine große Her­aus­forderung für die Betrof­fe­nen, die Unter­stützen­den vor Ort und die Bera­ten­den. Sie ist vielmehr eine zen­trale Prob­lem­stel­lung für die Lan­despoli­tik und die Bran­den­burg­er Gesellschaft. Hier muss der in der Lan­desver­fas­sung for­mulierte Anspruch, als Land der „Ver­bre­itung ras­sis­tis­chen Gedankenguts“ ent­ge­gen zu treten, mit Leben gefüllt wer­den. Das eben dort erwäh­nte „friedliche Zusam­men­leben der Men­schen“ wird in Bran­den­burg durch ras­sis­tis­che Gewalt­tä­terIn­nen Tag für Tag infrage gestellt.
In den aller­meis­ten Fällen führt ras­sis­tis­che Gewalt bei Betrof­fe­nen zu einem Rück­zug aus dem öffentlichen Raum ins Pri­vate. Die durch Ras­sistIn­nen erzwun­gene Iso­la­tion ver­stärkt aber oft die psy­chis­chen Auswirkun­gen der Angriffe und erschw­ert die Ver­ar­beitung der Gewal­ter­fahrung, die bei Men­schen mit Flucht­bi­ografie häu­fig nicht die Erste ist. Selb­st die alltäglichen Dinge, wie das Einkaufen von Lebens­mit­teln, wer­den zu ein­er kom­plex­en Auf­gabe: Tele­fon­ket­ten wer­den gebildet, Freund*innen um Unter­stützung gebeten, damit die Woh­nung nicht mehr ver­lassen wer­den muss, Unternehmungen außer­halb wer­den auf das Notwendig­ste beschränkt. Dies sind die Beglei­tum­stände, unter denen viele Men­schen mit Flucht­geschichte ver­suchen müssen, in der Bran­den­burg­er Gesellschaft anzukom­men. Eine Gesellschaft, in der sich Alteinge­sessene und Neuank­om­mende auf Augen­höhe begeg­nen kön­nen, ist nicht möglich, solange im öffentlichen Raum die Orte fehlen, an denen sich Geflüchtete angst­frei bewe­gen kön­nen.
Die Entwick­lung hin­sichtlich rechter Gewalt bleibt besorgnis­er­re­gend. Ras­sis­tis­che Gewalt ist zur Nor­mal­ität gewor­den. Diese hat Teile der Gesellschaft erfasst, welche zuvor durch rechte AkteurIn­nen nicht erre­ich­bar waren. Eine neue Dynamik gewin­nt die Sit­u­a­tion durch die AfD, die sich mit ihrer poli­tis­chen Aus­rich­tung in Bran­den­burg immer ein­deutiger dem extrem recht­en Spek­trum zuord­nen lässt und bei Wahlen als erfol­gre­ich­er Aus­druck dieser Stim­mung fungiert. Die has­ser­füllte Präsenz und Laut­stärke, die ras­sis­tis­che Posi­tio­nen derzeit in gesellschaftlichen Debat­ten haben, erweck­en bei recht­en Gewalt­tä­terIn­nen den Ein­druck, dass die Mehrheit der Gesellschaft hin­ter ihren Tat­en ste­ht. Es beste­ht in dieser Sit­u­a­tion die Gefahr, dass Ras­sis­mus und Gewalt Gegen­po­si­tio­nen aus den poli­tis­chen Diskus­sio­nen vor Ort ver­drän­gen. Wenn sich ras­sis­tis­che Gewalt­tä­terIn­nen der­art als gesellschaftlich wirk­sam erleben, existiert die Gefahr, dass diese Erfahrung auch zukün­ftig reak­tivier­bar bleibt. Die Betrof­fe­nen der recht­en Angriffe hinge­gen, fühlen sich derzeit so bedro­ht und verun­sichert, dass eine Teil­habe für sie nur stark eingeschränkt möglich ist. Selb­st bei einem Rück­gang rechter Gewalt wird es län­gere Zeit dauern, bis das Ver­trauen in Gesellschaft und Insti­tu­tio­nen wieder ein Maß annehmen kann, welch­es für ein unbe­lastetes Zusam­men­leben notwendig ist.

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