25. August 2005 · Quelle: LR

Ein CDU-Mann aus der Lausitz, das Vaterland und die NPD

Eine Woche lang hüllte sich der Lausitzer Bun­destagsab­ge­ord­nete Hen­ry
Nitzsche (CDU) zu seinem Wahlkampf­mot­to, das auch die NPD benutzt, in
Schweigen. Jet­zt gab er eine Erk­lärung ab, die wenig erk­lärt. Seine Partei
stärkt ihm den Rück­en. Die Recht­sex­trem­is­ten freuen sich.

Es ist schon spät am Dien­stagabend, als im Saal des Schloss­es von
Hoy­er­swer­da lang anhal­tender Beifall ertönt. Etwa 70 CDU-Anhänger aus der
Region bejubeln ihren Bun­destagsab­ge­ord­neten Hen­ry Nitzsche aus Oßling bei
Kamenz. Der hat am Rande ein­er Partei-Ver­anstal­tung sein Wahlkampf­mot­to
«Arbeit, Fam­i­lie, Vater­land» vertei­digt. Auf jeden einzel­nen Begriff geht er
ein, kaum jedoch darauf, was ihm Kri­tik­er vor­w­er­fen: Dass dieses Mot­to vom
franzö­sis­chen Vichy-Regime geprägt wurde, das mit Nazideutsch­land
kol­la­bori­erte bis hin zur Juden­de­por­ta­tion, und dass die recht­sex­treme NPD
unter dieser Losung ihren Bun­desparteitag 2004 abhielt.

Eine Null in Geschichte

«Ich bin eine Null in franzö­sis­ch­er Geschichte, ich kenne Petain, aber nicht
Vichy und nicht die Zusam­men­hänge» , vertei­digt sich Nitzsche mit
«Geschichts­dummheit» . Der NPD, die den Zusam­men­hang öffentlich gemacht
hat­te, werde er den Begriff «Vater­land» nicht über­lassen. Nur mit Paul
Spiegel, dem Präsi­den­ten des Zen­tral­rates der Juden in Deutsch­land, will
Nitzsche reden. Bish­er habe er ihn jedoch noch nicht erre­icht. Spiegel hat­te
den Abge­ord­neten aufge­fordert, sein Wahlkampf­mot­to wegen der his­torischen
Belas­tung zu ändern.

Nach­fra­gen zu der von ihm im Schloss­saal von Hoy­er­swer­da vorge­le­se­nen
Erk­lärung lehnt der CDU-Abge­ord­nete ab. «Es ist alles gesagt» , ruft er eine
m Mann ent­ge­gen, der ihn zur Diskus­sion auf­fordert. Dann geht Nitzsche.
Vere­inzelte Pfiffe und Buh-Rufe lassen ihn kalt. Am Woch­enende hat­ten der
säch­sis­che Min­is­ter­präsi­dent Georg Mil­bradt und sein Amtsvorgänger Kurt
Biedenkopf (bei­de CDU) Nitzsches Slo­gan vertei­digt. Das gibt ihm
offen­sichtlich Kraft.

Gestern Vor­mit­tag in Kamenz. Auf dem Mark­t­platz bauen Funk­tionäre der
recht­sex­tremen NPD Son­nen­schirm und Camp­ingtisch mit Werbe­ma­te­r­i­al auf. Vor
dem sanierten Rathaus der Stadt drück­en sie Pas­san­ten ihre Infoblät­ter in
die Hand. Nicht jed­er nimmt sie an. Im Wahlkreis
Kamenz-Hoy­er­swer­da-Großen­hain will nicht nur Hen­ry Nitzsche in den
Bun­destag, son­dern auch Hol­ger Apfel, stel­lvertre­tender NPD-Chef in Sach­sen
und Frak­tion­schef im Land­tag.

NPD-Anhänger aus dem Mit­tel­stand

Apfel kommt zur Mit­tagszeit mit Body­guards in ein­er schwarzen Lim­ou­sine
vorge­fahren. Der NPD-Funk­tionär, der im Land­tag schon mal die Fas­sung ver­lor
und den säch­sis­chen Innen­min­is­ter als «Arschloch» beze­ich­nete, ist trotz
Niesel­re­gens an diesem Vor­mit­tag guter Laune. Nitzsche habe geholfen, «dass
The­men wie Volk, Nation und Heimat wieder gesellschafts­fähig wer­den» , freut
sich Apfel. Die poli­tis­chen Inhalte, die die NPD verkör­pere, müssten in der
Gesellschaft ver­ankert wer­den, das sei langfristiges Ziel.

Bei Mario Ertel hat diese Ver­ankerung offen­sichtlich schon funk­tion­iert. Der
selb­st­ständi­ge Kfz-Lack­ier­er aus Kamenz ist ein­er der weni­gen Pas­san­ten, die
länger an dem NPD-Schirm vor dem Rathaus ste­hen bleiben. Ertel, in
blüten­weißem T‑Shirt und rot­er Latzhose, ist NPD-Anhänger, daraus macht er
keinen Hehl. In seinem Bekan­ntenkreis sei er auch nicht der Einzige,
ver­sichert er.

Das sei die einzige Partei, die deutsche Inter­essen ver­tritt, begrün­det er
seine Affinität zu der braunen Truppe. Er schimpft über «die Menge an
Aus­län­dern» im Land und die EU-Oster­weiterung. «Dass über einen EU-Beitritt
der Türkei über­haupt disku­tiert wird, ist absurd» , sagt der
Handw­erksmeis­ter.

Türkei-Erk­lärung zurück­ge­zo­gen

Das verbindet ihn offen­sichtlich mit Hen­ry Nitzsche. Der hat­te 2003 wegen
abfäl­liger Äußerun­gen über Mus­lime bun­desweit unrühm­liche Schlagzeilen
gemacht. Im Okto­ber 2004 wet­terte auch er in ein­er Mit­teilung an die Presse
gegen Gespräche mit der Türkei über den EU-Beitritt. Erneut war er in der
Wort­wahl nicht zim­per­lich.

Vom Auflösen des deutschen Volkes und der Abschaf­fung des christlichen
Abend­lan­des war die Rede, von einem dro­hen­den €päisch-asi­atis­chen
Wirrwarr gegen­sät­zlich­er Kul­turen. Mit dem rüden Satz «Ich unter­sage Ihnen
hier­mit die Veröf­fentlichung dieses Artikels» und ein­er nachgeschobe­nen
Bitte um Ver­ständ­nis, zog Nitzsche seinen Text kurz darauf per Fax zurück.
Eine Erk­lärung für die ver­bale Ent­gleisung blieb er schuldig.

Mario Ertel, der NPD-begeis­terte Kamen­z­er Handw­erk­er, vertei­digt Hen­ry
Nitzsche im aktuellen Stre­it um dessen belastetes Wahlmot­to: «Der hat
vol­lkom­men Recht, aber Nitzsche ist ein ein­samer Rufer in der Wüste. Der
endet wie Hohmann.» Mar­tin Hohmann, CDU-Bun­destagsab­ge­ord­neter aus Hes­sen,
war vor einem Jahr wegen anti­semi­tis­ch­er Äußerun­gen von den Christ­demokrat­en
aus der Partei aus­geschlossen wor­den.

“Unerträgliche Pro­voka­tion”

Auf dem Kamen­z­er Mark­t­platz ern­tet die NPD jedoch nicht nur Sym­pa­thie wie
von Mario Ertel oder Gle­ichgültigkeit wie von vie­len Pas­san­ten. Ein Kamen­z­er
bietet den Ultra­recht­en offen die Stirn. «Was Sie hier machen, ist
unerträglich» , sagt er. «Wis­sen Sie eigentlich, wo Sie hier sind, in
Kamenz, in der Stadt von Less­ing.» Noch immer ist er empört, dass die NPD am
Mon­tag mit einem Kle­in­flugzeug, ein Wer­be­ban­ner im Schlepp, über dem
Mark­t­platz kreiste, während dort unten der Blu­menko­r­so des alljährlichen
Forst-Festes vorüber­zog. «Das war eine Pro­voka­tion» , schimpft der Kamen­z­er,
der aus sein­er Abnei­gung gegen Recht­sex­trem­is­ten keinen Hehl macht.

Auch an ein­er Massen­schlägerei am vorigen Woch­enende auf dem Heimat­fest
waren nach sein­er Beobach­tung Recht­sradikale beteiligt. «Das waren Ihre
Anhänger, die da gepö­belt und sich geprügelt haben» , hält er einem NPD-Mann
vor. Doch der will lieber über Glob­al­isierung reden.

Auch Kurt Jan­naschk ist an diesem Vor­mit­tag auf dem Kamen­z­er Mark­t­platz
unter­wegs. Das Wahlblättchen der NPD steckt der Rent­ner ein, um sich zu
informieren, wie er sagt. Wählen würde er die NPD nicht. Dass der örtliche
CDU-Abge­ord­nete Hen­ry Nitzsche mit einem Wahlmot­to antritt, unter dem sich
schon die NPD ver­sam­melt hat, kri­tisiert er. «Das gefällt den Leuten nicht,
das sollte er ändern. Wir haben ihn ja schließlich gewählt.» Nach­den­klich
fügt er hinzu: «Das hätte ich ihm eigentlich gar nicht zuge­traut.»

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