1. November 2005 · Quelle: die tageszeitung

Ein Fall zum Verzweifeln

Pots­dam — Wie sich Julia S. an ihrem 22. Geburt­stag gefühlt hat, wis­sen wir nicht. Es war ein Fre­itag, und Besuch war nicht ges­tat­tet im Gefäng­nis Luck­au-Duben. Ihre Gäste, eigens aus dem 100 Kilo­me­ter ent­fer­n­ten Pots­dam angereist, kamen deshalb nur bis zum Tor der Haf­tanstalt. Da stell­ten sie sich auf, san­gen ein Ständ­chen für die Fre­undin drin­nen — und protestierten. Gegen das, was ihrer Ansicht nach ein Skan­dal ist: dass Julia S., die Lei­t­erin eines Pots­damer Jugend­haus­es, seit Juni wegen ver­sucht­en Mordes in Unter­suchung­shaft sitzt.

Man würde die Inhaftierte gerne viel fra­gen. Nicht nur, was sie mit­bekom­men hat von der Dar­bi­etung zu ihren Ehren draußen vor dem Gefäng­nis im südlichen Bran­den­burg. Vor allem, was sie sagt zu den Vor­wür­fen der Staat­san­waltschaft. Ihr Anwalt aber bit­tet um Ver­ständ­nis: Seine Man­dan­tin darf nicht tele­fonieren, nur jeden zweit­en Dien­stag über­haupt Besuch emp­fan­gen, drei Per­so­n­en, für eine halbe Stunde. Für ein Inter­view bleibe da keine Zeit. Zumal er Julia ohne­hin ger­at­en habe, zu schweigen zu ihrem Fall. Aus Grün­den der Prozesstak­tik.

Glaubt man der Pots­damer Staat­san­waltschaft, wollte Julia S. in der Nacht zum 19. Juni gemein­sam mit vier jun­gen Leuten aus der linken Szene einen 16-jähri­gen Recht­sex­tremen ermor­den. Gemein­sam sollen sie auf Ben­jamin Ö. los­ge­gan­gen sein, ihn getreten und geschla­gen haben, auch auf den Kopf, auch mit einem Teleskop­schlag­stock.

Es ging ihnen darum, Ben­jamin Ö. zu erschla­gen — weil er ein Rechter war”, sagt Benedikt Welfens, der Sprech­er der Pots­damer Staat­san­waltschaft. Und dies sei ein “nieder­er Beweg­grund”, also ein Mord­merk­mal. Dass der 16-Jährige mit Prel­lun­gen und ein­er Platzwunde am Kopf davonkam, spiele keine Rolle. Schließlich könne ein einziger Hieb mit ein­er solchen Waffe tödlich sein.

Welfens ken­nt den Fall selb­st nur aus zweit­er Hand. Doch ein Gespräch mit dem zuständi­gen Kol­le­gen aus der Staatss­chutz­abteilung will er nicht ver­mit­teln, nicht ein­mal dessen Namen ver­rat­en. Kein Wun­der: Staat­san­walt Peter Petersen ste­ht wegen des Ver­fahrens seit Wochen in der Kri­tik. In einem offe­nen Brief verurteilte ein bre­ites Bünd­nis vom Lan­desvor­sitzen­den der bran­den­bur­gis­chen Grü­nen bis zum Dekan der Pots­damer Hochschule für Film und Fernse­hen den Umgang mit der jun­gen Frau, forderte, sie sofort freizu­lassen.

Der Vor­fall, der Julia S. vor nun­mehr vier Monat­en ins Gefäng­nis brachte, ereignete sich mit­ten in der Fußgänger­zone von Pots­dam, nachts zwar, aber beobachtet von vie­len Zeu­gen. Trotz­dem sind die Fak­ten dürr. Wer jagte wen, warum? Wer war Täter, wer Opfer?

Fest ste­ht, dass die gegen Julia S. erhobe­nen Vor­würfe nicht zu dem passen, was in Pots­dam bish­er Tra­di­tion war: Recht­sex­treme jagen Aus­län­der und Punks, het­zen, wen sie für links und schlag­bar befind­en. Gut, böse, Täter, Opfer. Bish­er schien das klar sortiert. Und jet­zt?

Nora Wölk kann sich nicht vorstellen, dass ihre Fre­undin und Mit­be­wohner­in töten wollte: Aus­gerech­net Julia S., diese Ide­al­istin, die mit einem Judais­tik­studi­um liebäugelte, die im Som­mer eigentlich eine Jugen­dreise betreuen wollte, deren Arbeit von der Lan­deszen­trale für Poli­tis­che Bil­dung gefördert wurde, die Fah­n­der am Mon­tag nach der Tat beim Erste-Hil­fe-Kurs ver­hafteten? “Diese Geschichte passt ein­fach nicht zu Julia”, sagt Wölk. Burschikos und humor­voll, so kan­nte sie die Fre­undin seit der Schulzeit. Eine nach­den­kliche, friedliche und unkom­plizierte Per­son.

Seit drei Jahren drehte sich ihr Leben um das von ihr mit­be­grün­dete Wohn- und Bil­dung­spro­jekt Chamäleon e. V. Ihr Name ste­ht noch an der Haustür, bis heute ist sie Vor­sitzende und Sprecherin des Vere­ins. Die neun Bewohn­er hat­ten vieles geteilt mit Julia S.: Matratzen­lager, Badez­im­mer, Früh­stück­stisch. Eine Idee vom Leben jen­seits des Job-Fam­i­lie-Ein­fam­i­lien­haus-Mod­ells; den Traum, die von der Stadt zur Ver­fü­gung gestellte Bruch­bude am Rande der Alt­stadt zu ren­ovieren und in ein Zen­trum für alter­na­tive poli­tis­che Bil­dungsar­beit zu ver­wan­deln. Mehrfach wurde die Ein­rich­tung von Neon­azis über­fall­en, Julia S. sagte vor Gericht als Belas­tungszeu­g­in gegen Recht­sex­treme aus.

Nora Wölk berichtet unaufgeregt von jen­er Nacht, die Julia S. ins Gefäng­nis brin­gen sollte: Sie hat­ten die jüng­ste Mit­be­wohner­in zum Abi-Ball begleit­et; weil der nicht son­der­lich aufre­gend war, brachen die Fre­unde bei Zeit­en auf. Einige zog es in die Disko, andere nicht. “Wir hat­ten einen net­ten Abend hin­ter uns”, sagt Nora Wölk. “Julia wollte noch einen Dön­er essen. Dann kam sie ein­fach nicht wieder.”

Laut Polizeibericht soll sich die Schlägerei gle­ich gegenüber dem Dön­er­laden zuge­tra­gen haben, vor dem Tra­di­tion­scafé “Hei­der”, auf einem der belebtesten Plätze am Ende der Fußgänger­zone.

Nora Wölk sagt: “Für uns war klar: Das muss ein Missver­ständ­nis sein, das wird sich schnell erledi­gen.”

Doch die Fre­unde irrten.

Mehr als vier Monate nach der Tat wartet Vertei­di­ger Stef­fen Sauer noch immer auf die Anklageschrift. Seine Unter­la­gen zu dem Fall füllen bish­er nicht mal einen Aktenord­ner. Es gebe zwar “dutzende” Aus­sagen von Zeu­gen, die “alles Mögliche” gese­hen hät­ten, berichtet der Anwalt: Ange­blich seien fünf junge Leute hin­ter Ben­jamin Ö. herg­er­an­nt, ange­blich auch Julia S. Wie und warum es dazu kam, sei nicht gek­lärt. Kein einziger Beobachter behaupte aber, dass seine Man­dan­tin selb­st zugeschla­gen oder getreten, dass sie das Opfer auch nur berührt habe.

Den­noch sitzt aus­gerech­net Julia S. noch immer im Gefäng­nis, die vier anderen Beschuldigten sind längst wieder frei.

Für die Pots­damer Ermit­tlungs­be­hörde entspricht das schlicht den Regeln des Strafrechts. Der Staat­san­walt klas­si­fizierte den Fall als “gemein­schaftlich” began­gene Tat. Egal wer geschla­gen und wer den anderen dabei zugeschaut habe, entschei­dend sei, dass die fünf jun­gen Leute alle das gle­iche Ziel ver­fol­gt hät­ten, erläutert sein Sprech­er: “Wer bei einem Dieb­stahl für den Kumpel Schmiere ste­ht, kann hin­ter­her auch nicht sagen: Ich hab doch nur vor der Tür gewartet.”

Weil Julia S. die älteste der Beschuldigten ist, die einzige Erwach­sene, dro­hen ihr min­destens drei Jahre Gefäng­nis. Die Staat­san­waltschaft unter­stellt deshalb, bei ihr sei die Flucht­ge­fahr beson­ders groß. Drei Richter haben inzwis­chen die Unter­suchung­shaft von Julia S. über­prüft, bis hin­auf zum Ober­lan­des­gericht. Kein­er fand die Haftbeschw­er­den ihres Vertei­di­gers stich­haltig, kein­er die Argu­mente der Staat­san­waltschaft abwegig.

So neb­ulös die Fak­ten­lage bish­er ist, auf der Gegen­seite betra­chtet man den Fall längst als ein Poli­tikum. Nicht etwa weil junge Leute aus dem linken Spek­trum auf Gewalt geset­zt haben sollen statt auf Argu­mente. Der Vor­wurf: Die 22-jährige mut­maßliche Gewalt­tä­terin werde nur benutzt. Sie müsse her­hal­ten für ein Exem­pel, sta­tu­iert durch einen Staat­san­walt, der bekan­nt sei für seine kom­pro­miss­lose, knall­harte Art.

Rechte und linke Schläger wer­den hier unter­schiedlich behan­delt, das ist doch augen­fäl­lig”, sagt Lutz Boede. Der Kneipen­wirt aus Babels­berg ist nicht irgendw­er in Pots­dam. Er sitzt im kom­mu­nalen Beirat gegen Recht­sex­trem­is­mus, ist seit Jahren aktiv in der Kam­pagne gegen Wehrpflicht und in der alter­na­tiv­en Wäh­ler­gruppe Die Andere. Auch er hat den offe­nen Sol­i­dar­itäts­brief für Julia S. unter­schrieben. Was die Staat­san­waltschaft in ihrem Fall als ver­sucht­en Mord ein­stufe, hät­ten die Ankläger Schlägern aus dem recht­sex­tremen Milieu höch­stens als gefährliche Kör­per­ver­let­zung aus­gelegt, sagt der 40-Jährige. Für ihn ist das Ziel dieser “Ungle­ich­be­hand­lung” klar:
Obwohl in den let­zten Jahren in Pots­dam die Serie gewalt­tätiger Auseinan­der­set­zun­gen ein­deutig von recht­sex­tremer Seite geschürt wor­den sei, solle nun über das “Kon­strukt ein­er Gewalt­spi­rale” die linke Szene krim­i­nal­isiert und diskred­i­tiert wer­den. “Das ist ein Skan­dal”, sagt er. “Das ist poli­tis­che Jus­tiz.” Zumal die Staat­san­waltschaft ihre Vor­würfe gegen Julia S. vor allem auf Aus­sagen recht­sex­tremer Zeu­gen stütze.

Kon­fron­tiert mit dem Wirrwarr von Gerücht­en und Vor­wür­fen, wirkt das Lächeln von Stef­fen Sauer ein wenig verzweifelt. Nein, ver­sichert er, die Vor­würfe gegen seine Man­dan­tin beruht­en längst nicht nur auf Aus­sagen aus der recht­sex­tremen Szene. Auch eine poli­tis­che Ver­schwörung taucht in sein­er Argu­men­ta­tion nicht auf. Sauer verzichtet auf das Wort “Skan­dal”. Selb­st wenn die Staat­san­waltschaft auf ein Exem­pel aus sein sollte, sagt er: “Bei den Gericht­en kann ich mir das nicht vorstellen.” Seine Erk­lärung? Da passt der Jurist: “Ich weiß es ein­fach nicht.”

Für Julia S. heißt das: weit­er warten. Dass die Staat­san­waltschaft nach mehr als vier Monat­en endlich die Anklage vor­legt. Dass der Prozess begin­nt. Klar ist bish­er nur: Stat­tfind­en soll er im Landgericht. Das Gebäude ken­nt die 22-Jährige gut. Hier sagte sie schon aus. Und es liegt gle­ich hin­ter dem Nauen­er Tor in der Pots­damer Alt­stadt. Zum Tatort sind es von dort keine zwei Minuten.

Noch mehr Infor­ma­tio­nen im gle­ichzeit­ig erschiene­nen Artikel AZ 496 Js 22727/05

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