1. Dezember 2001 · Quelle: Ruppiner Anzeiger

Ein hartes Regime

NEURUPPIN “Der Bericht des Flüchtlingsrates muss ganz vor­sichtig bew­ertet wer­den”, erk­lärte gestern Lan­drat Chris­t­ian Gilde (SPD). Der Rat hat­te die Lebens­be­din­gun­gen im Neu­rup­pin­er Asyl­be­wer­ber­heim kri­tisiert.

Der Bericht von Dominique John decke nicht die Ein­schätzung der Ver­wal­tung, so Gilde. Doch der Lan­drat erk­lärte auch, “noch nicht aus­sage­fähig” zu sein. Es müssen erst Gespräche ini­ti­iert wer­den, weil viele der beteiligten Per­so­n­en “nicht ein­be­zo­gen wur­den”. Die Sozialamt­slei­t­erin des Kreis­es, Sabine Schmidt, emp­fand den Bericht “erschüt­ternd”. Auch weil, “wir die Gesund­heits- und Brand­schutzkon­trollen ver­stärkt haben”, so Frau Schmidt. Dass “straf­fere Kon­trollen” einge­führt wur­den, bestätigte auch Gilde. Die Zusam­me­nar­beit mit Heim­be­treiber Karl Wiese­mann habe sich zudem “enorm” verbessert. Er sei umgänglich­er gewor­den. “Dazu habe ich eine andere Mei­n­ung”, sagte Eck­hard Häßler. Er gehört zu einem Arbeit­skreis, der den “Beschw­er­den und Protesten” der Bewohn­er nachge­ht. Mehr wollte Häßler nicht sagen. Die Gle­ich­stel­lungs­beauf­tragte des Kreis­es, Mar­lies Grun­st — eben­falls Mit­glied im Arbeit­skreis -, war trotz mehrma­liger Ver­suche gestern nicht zu erre­ichen. Sabine Schmidt weiß aber: “Hin­sichtlich der sozialen Betreu­ung muss etwas gemacht wer­den.”
Karl Wiese­mann wies die Vor­würfe des Flüchtlingsrates zurück und auf ein Pro­tokoll vom Mobilen Team der Migra­tions- und Heim­ber­atung (MBH) hin, das seine Ein­rich­tung loben würde. Das jüng­ste Pro­tokoll ist vom 6. Sep­tem­ber dieses Jahres. Ganz so pos­i­tiv stellt sich der Zus­tand allerd­ings nicht dar. Die Ausstat­tung der Wohn­fläche sowie die Min­destanzahl von Toi­let­ten und Waschbeck­en sind gewährleis­tet. Timo Wonkoy von der MBH hat allerd­ings auch fest­ge­hal­ten, dass nur 30 statt erforder­liche 60 Koch­plat­ten den Bewohn­ern zur Ver­fü­gung ste­hen. “Bei fehlen­den Koch­plat­ten hat der Betreiber ver­sichert, das sie im Keller vorhan­den sind und dem­nächst angeschlossen wer­den”, schrieb Wonkoy in seinem Bericht. Des weit­eren lag die Anzahl von elf Duschen mit vier Stück unter der Min­destanforderung. Wonkoy schrieb außer­dem: “Außen­sicht und Außenanlagen/Spielplatz sind in einem sauberen und ordentlichen Zus­tand.” Einen Ein­druck vom Zus­tand der Innen­räume gab er in seinem Pro­tokoll nicht.

Wiese­mann erk­lärte außer­dem zu Johns Bericht: “Der weiß doch nicht, wovon er spricht”. Das ist schw­er zu glauben. John arbeit­ete jahre­lang in der Forschungsanstalt für Flucht und Ein­wan­derung in Berlin, besuchte und begutachtete Flüchtling­sheime in Ost€pa. Das Asyl­be­wer­ber­heim in Neu­rup­pin war auch nicht das erste, das er in Deutsch­land besuchte. Dominique John sagte: “Ich habe auch schon schlim­mere Heime gese­hen als in Neu­rup­pin.” Und weit­er: “Ich habe den Ein­druck, dass dort ein hartes Regime geführt wird.” Er glaube aber nicht, dass bei der Lei­t­erin Mar­git­ta Dauksch und Sozialar­beit­er Klaus Ran­dahn “eine ras­sis­tis­che Ein­stel­lung” herrsche. Auch John habe im Heim verun­sicherte Men­schen vorge­fun­den. Das Sys­tem sei darauf angelegt, “abschreck­end zu wirken”. Die Prob­leme wür­den nach Plan gelöst, Flex­i­bil­ität gäbe es nicht, so Dominique John. Und: “Ich habe natür­lich auch ein Inter­esse an Gesprächen.”

Auch beim Kreistagsab­ge­ord­neten Wolf­gang Freese (Bünd­nis­grüne) liegt der Bericht des Flüchtlingsrates auf dem Tisch. Bish­er hat er “noch nicht reagiert”. Freese: “Aber ver­schiedene Leute wollen sich bald selb­st ein Bild vor Ort machen.”

Asyl­be­wer­ber­heim: Mut zum Sprechen

Kom­men­tar von RA-Redak­teur Daniel Hüb­n­er

Aus­län­der haben es in Deutsch­land nicht leicht. Viele leben in Angst davor, von Recht­sradikalen ange­grif­f­en zu wer­den. Man sollte denken, ein Asyl­be­wer­ber­heim ist eine sichere Zufluchtsstätte. Doch auch dort sind die Men­schen eingeschüchtert. Es fehlt ihnen offen­bar die Courage, für die eige­nen Rechte zu kämpfen. Am Mon­tag traf ich im Neu­rup­pin­er Heim auf solche verängstigten Men­schen, die zum Teil ver­standen, was ich sie fragte. Erkundigte ich mich nach ihrem Woh­lerge­hen, schaut­en sie mis­strauisch — nach dem Mot­to Darf ich antworten? Offen­sichtlich nicht.

Plöt­zlich hieß es: “Ver­steh nicht.” Was ist los in dem Asyl­be­wer­ber­heim? Welche Maß­nah­men und Bedin­gun­gen sind die Bewohn­er aus­ge­set­zt? Proteste soll es geben. Am Mon­tag waren sie ver­s­tummt. Kein Her­ankom­men. Egal, ob es jet­zt Gespräche geben wird. Und egal, wie frucht­bar diese sein wer­den. Fakt ist: Um die Prob­leme der Men­schen hin­ter­fra­gen zu kön­nen, müssen die Men­schen selb­st zu Wort kom­men. Zu diesem Heim gehört ein rat der Bewohn­er, der sich deren Gefühlen und Wün­schen annimmt und diese gegenüber Ver­wal­tung oder Arbeit­skreis ver­tritt. Nur wer sich nicht alleine sieht, wird den Mut find­en, seine Sprachlosigkeit zu über­winden.

Mehr Infos:

https://inforiot.de/jan/m1535.html

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