1. Dezember 2001 · Quelle: Märkische Allgemeine

Rheinsberger Projekt zur Zwangsarbeit vorgestellt

RHEINSBERG Das ABM-Pro­jekt “Zwangsar­beit in Rheins­berg 1940 — 1945” wurde gestern in Rheins­berg vorgestellt. Rund 30 Ein­wohn­er (darunter 13 Schüler der Hein­rich-Rau-Schule) hat­ten sich im Rathaus­saal einge­fun­den. Sie informierten sich über die Recherche, die als ABM von fünf Män­nern und Frauen in zwöf­monatiger Arbeit bewältigt wurde. Aus­gangspunkt der Forschun­gen war die Anfrage eines ehe­ma­li­gen Zwangsar­beit­ers, die im Novem­ber 1999 die Stadt erre­ichte. Unter Leitung des Leit­ers der Kurt-Tuchol­sky-Gedenkstätte Peter Böthig wurde daraufhin gemein­sam mit der Rheins­berg­er Arbeits­förderge­sellschaft Rabs und dem Arbeit­samt ein ABM-Pro­jekt ins Leben gerufen, um die Geschichte von Zwangsar­beit in der Stadt und Umge­bung zu erforschen und zu doku­men­tieren.

Von Sep­tem­ber 200 bis Sep­tem­ber 2001 befassten sich die fünf ABM­ler mit der The­matik. Orte für die Nach­forschun­gen waren Archive in Neu­rup­pin, Pots­dam und Berlin. Außer­dem wur­den ein Inter­net-Forum genutzt und 50 Bürg­er aus Rheins­berg und Orten des heuti­gen Amtes befragt.
“Es war nicht ein­fach, Doku­mente und Zeug­nisse aus dieser Zeit zu find­en. Viele Papiere wur­den nach dem Krieg ver­nichtet. Die Aktenbestände in den Archiv­en erwiesen sich als lück­en­haft. “Das Ergeb­nis der Recherchen ähnelt einem Mosaik”, erk­lärte gestern Böthig. “Viele Steinchen kon­nten zusam­menge­tra­gen wer­den, doch manche Felder blieben leer.”
Den­noch kon­nten die Namen von über 400 Zwangsar­beit­er in Rheins­berg und Umge­bung ermit­telt wer­den. In eini­gen Fällen gelang es sog­ar, die Lebenss­chick­sale nachzuze­ich­nen.
Die Män­ner und Frauen waren in Betrieben wie der Ocu­lus, die Optik für Fer­n­rohre her­stellte, einem San­itätspark, der sich auf dem Gelände der “Car­mol” befand, beschäftigt. Auch in der Rheins­berg­er Steingut­fab­rik von Ernst Carstens, dem Harp­en­er Berg­bau sowie weit­eren Betrieben waren Frem­dar­beit­er im Ein­satz.

In den umliegen­den Dör­fern gab es zahlre­iche Bauern, die Zwangsar­beit­er beschäftigten. Eine Liste mit den ermit­tel­ten Namen und den Ein­sat­zorten ist der 70-seit­i­gen Pub­lika­tion ange­fügt. Soweit ermit­tel­bar, wer­den auch die Namen der­jeni­gen genan­nt, bei denen die Zwangsar­beit­er angestellt waren.

Die Doku­men­ta­tion berichtet von 14 Anfra­gen, die in der Zwis­chen­zeit beim Amt Rheins­berg einge­gan­gen sind. In zwei Fällen kon­nte eine Bestä­ti­gung erteilt wer­den. Zwölf der Anfra­gen wur­den an das Kreis­archiv Neu­rup­pin und andere Stellen weit­ergeleit­et, weil die Forschun­gen ergeben hat­ten, dass man wahrschein­lich dort mehr sagen kann.
Von beson­derem Inter­esse dürften die Erin­nerun­gen von Was­sili­na Mirowetz sein, deren Mann als Zwangsar­beit­er beim Schmied Dehnke in der Lan­gen Straße Dienst ver­richtete. In ihrem Brief vom 1. August 2000 berichtet die Witwe über ihre eige­nen Erfahrun­gen und die ihres Mannes. Iwan Mirowetz gehört zu dem Frem­dar­beit­ern, die nach­weis­lich in Rheins­berg im Ein­satz waren. Ein zweit­er Fall han­delt von Wladimir Achmann. Der heute in der Ukraine lebende ehe­ma­lige Frem­dar­beit­er war bei Her­mann Lück in Repente im Ein­satz.

Heikel

Kom­men­tar von MAZ-Redak­teur Ekke­hard Frey­tag

Es ist immer noch schw­er. Auch gut 50 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes ist jedes Erin­nern ein heik­ler Akt. Es sei hier nur quälende Debat­te zum Entschädi­gungs­fond erwäh­nt. Doch nicht allein im Großen offen­bart sich das Prob­lem.
Gestern ist eine gut 70 Seit­en starke Broschüre zur Zwangsar­beit in Rheins­berg präsen­tiert wor­den. Denn Kriegs­ge­fan­gene und “Ostar­beit­er” sind eben auch in hiesi­gen Betrieben zum Ein­satz gekom­men. Eine Vor­re­it­er­rolle in Bran­den­burg wird in der geschicht­strächti­gen Stadt nun für ihr geschichts­be­wusstes Han­deln zuerkan­nt. Doch mis­cht sich Bit­teres in die Wertschätzung. Denn den Anstoß lieferte nicht die Stadt, er stammte von Schülern. Und als diese schon aus Zeit­grün­den das Pro­jekt nicht mehr ver­fol­gen kon­nten, instal­lierte man eine ABM. Diese hat fleißige und aufwändi­ge Arbeit geleis­tet. Doch mussten die Laien-Forsch­er über­fordert sein. Eine wis­senschaftliche Arbeit kon­nten sie nicht vor­legen. Die Rheins­berg­er Ver­hält­nisse im Zeitkon­text zu bew­erten war ihnen nicht möglich. So ist es gut, dass in Rheins­berg die dun­klen Seit­en der eige­nen Geschichte betra­chtet wer­den. Nur been­det ist das Werk damit noch lange nicht.

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