5. Oktober 2009 · Quelle: La Datscha

Ein Jahr besetzte Datscha

Potsdam - Eine Erklärung aus der datscha zum einjährigen Bestehen

Am 26.09.2009 jährte sich das ein­jährige Beste­hen des beset­zen Haus „la datscha“ in Pots­dam- Babels­berg. Mit mehreren Hun­dert Gästen, Freunden_Inne und Unterstützer_Innen wurde der erste Geburt­stag aus­giebig gefeiert. Dass es zu ein­er Jahres­feier über­haupt kom­men kön­nte, so weit war zu Beginn der Beset­zung gar nicht zu denken, angesichts der Schwierigkeit in heuti­gen Tagen ein (neu)besetztes Haus zu hal­ten und nicht sofort geräumt zu wer­den. Inner­halb eines Jahres hat sich die datscha nun zu einem neuen, aktiv­en linken Zen­trum in Pots­dam entwick­elt. Eine Entwick­lung, die in Pots­dam neu und ungewöhn­lich ist, ging die Stadt doch gegen die let­zten beset­zen Häuser aus­ge­sprochen restrik­tiv und brachial vor. Zum Beispiel bei der Räu­mung des „Boumanns“ (2000) und der „Bre­iti“ (2001). War in den Neun­ziger Jahren Pots­dam eine „Hochburg“ der Besetzer_Innen mit Dutzen­den Squats über die Jahre, kam es seit den let­zten Räu­mungen nur noch zu ein­er Beset­zung (in der Johannsen­strasse / 2006), die nach eini­gen Wochen been­det wurde. Ein Grossteil der Pro­jek­te konzen­tri­erte sich viel mehr in den let­zten Jahren auf eine Ver­hand­lung mit der Stadt um langfristige Verträge. Ergeb­nis der Ver­hand­lun­gen sind mehrere Haus­pro­jek­te mit einem Pachtver­trag. Andere Pro­jek­te kauften ein Haus, z.B. das Pro­jek­thaus in Babels­berg.

Doch neben der pos­i­tiv­en Entwick­lung für die datscha kämpfen andere Haus- und Kul­tur­pro­jek­te seit Monat­en um eine Lösung mit der Stadt. So ist vor allem aktuell das „Archiv“ von ein­er dro­hen­den Schlies­sung betrof­fen, wenn es nicht bis zum Jahre­sende zu ein­er langfristi­gen ver­traglichen Eini­gung mit der Stadt und zu einem tragfähi­gen Konzept zur Sanierung des Haus­es kommt. Das „Archiv“ ist das älteste und ver­anstal­tung­stech­nisch grösste ehe­mals beset­zte Haus in Pots­dam. Zu dem ist der seit über einem Jahr heimat­lose „Spar­ta­cus“, ein selb­st ver­wal­teter club immer noch auf der Suche nach neuen Räum­lichkeit­en. Die Ver­hand­lun­gen mit der Stadt ziehen sich seit Monat­en hin. Ein Vorschlag, der wesentliche Bestandteil der Diskus­sion ist, ist das Pro­jekt „Frei­land“. Ein Gelände auf dem mehrere „Jugendkultur“-Initiativen und clubs Platz find­en sollen. Durch die Beset­zung vor einem Jahr wurde in Pots­dam nicht nur eine neue Debat­te um linke Freiräume angeschoben, son­dern ver­net­zten sich die Pro­jek­te in Pots­dam und trat­en mit zwei grossen Freiraumdemos entschlossen in die Öffentlichkeit. In den näch­sten Wochen und Monat­en wird sich nun zeigen, ob die Stadt Pots­dam gewil­lt ist bei­de Pro­jek­te, das „Archiv“ und das „Freiland“/ „Spar­ta­cus“ zu unter­stützen bzw. zu erhal­ten. Und auch bleibt es natür­lich abzuwarten, wie es weit­er gehen wird mit der datscha.

Sol­i­dar­ität mit allen bedro­ht­en Haus- und Kul­tur­pro­jek­ten in Pots­dam und ander­swo! Freiräume für alle! Und natür­lich bleiben wir alle!!

Eine Erk­lärung aus der datscha zum ein­jähri­gen Beste­hen:

Ein Jahr la datscha!

Es gibt viele Gründe ein Haus zu beset­zen: Ange­fan­gen von fehlen­dem bezahlbaren Wohn­raum, über die Suche nach einem Ort, an dem men­sch neue und eigene Ideen pro­bieren und ver­wirk­lichen kann abseits gesellschaftlich­er Kon­ven­tio­nen, bis hin zur Beset­zung als eine mögliche Protest­form gegen die uns umgeben­den herrschen­den Ver­hält­nisse.

So war die Beset­zung der ehe­ma­li­gen „Vil­la Wild­wuchs“ am 26. Sep­tem­ber 2008 zuerst ein­mal eine Artikulierung von Protest gegen die Poli­tik der Stadt Pots­dam im Umgang mit alter­na­tiv­en und autonomen Haus- und Kul­tur­pro­jek­ten. Doch über die Idee ein­er sym­bol­is­chen Aktion hin­aus entwick­elte sich in den fol­gen­den Monat­en nach der Beset­zung die datscha zu einem unab­hängi­gen, neuem Ort; zu einem neuen, linken Zen­trum in Pots­dam. Dazu beige­tra­gen hat zum einen, dass die datscha bish­er von der Stadt Pots­dam geduldet wird (wieso, weshalb, warum, darüber lässt sich spekulieren). Zum Anderen gab es von Beginn an großes Inter­esse viel­er Men­schen, die mit­tler­weile die datscha mit­gestal­ten und mit Leben und Ideen fühlen. So ent­stand ein gut gefüll­ter Umson­st­laden, die Selb­sthil­fe-Fahrrad­w­erk­statt „reudi­gRad“, eine regelmäßige Volxküche und ein Beachvol­ley­ballplatz neben dem Haus. Darüber hin­aus gab es großen Bedarf an einem neuen nicht-kom­merziellen Ver­anstal­tung­sort (gut 50 Ver­anstal­tun­gen, Konz­erte, Par­tys in einem Jahr). Damit füllen wir als datscha vielle­icht unfrei­willig ein Lücke, die durch die Schlies­sung des Spar­ta­cus ent­standen ist. Doch die datscha ist und kann kein Ersatz für den Spar­ta­cus sein. Von Anfang an ist es uns ein Anliegen gewe­sen die Ver­net­zung mit anderen Haus­pro­jek­ten in Pots­dam zu suchen und gemein­same Inter­essen und Anliegen nach Außen zu tra­gen. Höhep­unk­te ein­er gemein­samen Arbeit waren sich­er die „Freiraum“-Demonstrationen im Novem­ber 2008 und im Juni 2009, sowie die furiose Beset­zung der Stadtverord­neten­ver­samm­lung im Novem­ber 2008, die für einige Schlagzeilen gesorgt hat. Doch auch über die Stadt­gren­zen hin­aus kam es zu ein­er Ver­net­zung mit ähn­lichen Pro­jek­ten und Ini­tia­tiv­en. Und auch in Zukun­ft ist uns an ein­er gegen­seit­i­gen, sol­i­darischen Unter­stützung hier und ander­swo gele­gen.

Die Datscha ist nicht das Paradi­eschen. Die „böse“ Außen­welt fängt schon kurz hin­ter „unserem Garten­za­un“ wieder an und das bedeutet, ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns mit allen ihren Erschei­n­ungs­for­men beschäfti­gen; ob Nazis oder Polizeire­pres­sion, ob Parko­rd­nung oder Krise des Kap­i­tal­is­mus. Wir kön­nen und wollen den Rest Pots­dams und der Welt nicht ignori­eren, nur weil wir schein­bar in Ruhe gelassen wer­den. Auch wenn Aus­beu­tung und Unter­drück­ung Nor­mal­ität sind, heißt das nicht, dass wir das akzep­tieren müssen. Deshalb muss es Orte geben, in denen Alter­na­tiv­en disku­tiert und aus­pro­biert wer­den kön­nen. Wenn in ein­er Stadt das „Geld regiert“ reicht nicht eine datscha um hier Leben zu kön­nen. Es muss viele Orte geben, wie die datscha! Das Mot­to der Demon­stra­tion im Novem­ber 2008 lautete „Wir bleiben alle“. Das Mot­to ein­er Bewe­gung gegen Umstruk­turierung und Vertrei­bung durch finanzkräftige Inve­storen sollte heißen „die Stadt sind wir alle“! Die Datscha möchte Teil ein­er solchen Bewe­gung sein und durch Inbe­sitz­nahme eines städtis­chen Grund­stücks zeigen, das es sehr wohl möglich ist Fak­ten zu schaf­fen und mit dafür zu sor­gen, dass Orte entste­hen, wie wir sie wollen. Damit wir alle, unab­hängig vom Einkom­men und Inter­essen, Alter, kul­turellem Hin­ter­grund und Haut­farbe, auch in Zukun­ft noch in Pots­dam leben kön­nen, wollen wir genau­so gegen Neo­faschis­mus, Ras­sis­mus etc etc kämpfen, genau­so wie gegen Gen­tri­fizierung und ein geleck­tes Stadt­bild.

Wir bleiben alle!! Für linke und lib­ertäre Freiräume hier und über­all!

www.ladatscha.blogsport.de

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