29. November 2002 · Quelle: Berliner Zeitung

Ein Kreuz erinnert an Marinus

Mehrere hun­dert Men­schen gedacht­en in Pot­zlow mit einem Trauer­marsch des ermorde­ten Jun­gen


POTZLOW. “Hat Gott Pot­zlow von sein­er Land­karte gestrichen? Es ist ein Ort des Schreck­ens gewor­den”, sagt eine Jugendliche am Son­ntag während des Gottes­di­en­stes in dem uck­er­märkischen Dorf. Mehrere hun­dert Men­schen sind in die Gemein­dekirche gekom­men, um des von Recht­sradikalen ermorde­ten 17-jähri­gen Mar­i­nus Schöberl zu gedenken. Die Leiche des seit Som­mer ver­mis­sten Schülers war am ver­gan­genen Mon­tag in ein­er ehe­ma­li­gen Jauchegrube auf dem ver­fal­l­enen LPG-Gelände am Rande des Ortes gefun­den wor­den.

 

Wut macht sich bre­it

 

“Die Sprache ver­sagt, wenn ihre Träger mit der Wucht des Lei­des kon­fron­tiert wer­den”, ver­sucht Gemein­dep­far­rer Johannes Reimer die Gefüh­le der Pot­zlow­er in Worte zu fassen. “Die Mit­glieder der Gemeinde weinen und schreien vor maßlosem Leid, unbändi­ger Wut und unsag­bar­er Ent­täuschung.”

 

Die Sozialar­bei­t­erin Petra Freiberg, die das Kinder- und Jugendzen­trum im benach­barten Strehlow leit­et, sagt unter Trä­nen, sie empfinde in den let­zten Tagen Wut, Trauer und Sinnlosigkeit. Ein­er der mut­maßlichen Täter, der 17-jährige Mar­cel, hat­te im August Arbeitsstun­den in ihrem Jugend­klub abzuleis­ten. “Damals trug er das Wis­sen um die entset­zliche Tat und die Schuld schon mit sich”, sagt die Sozialar­bei­t­erin.

 

Am 12. Juli hat­ten Mar­cel, sein 23-jähriger Brud­er und ein weit­er­er 17-Jähriger Mar­i­nus Schöberl in ein­er Woh­nung mis­shan­delt, ihn dann zum LPG-Gelände gelockt, mit einem Stein erschla­gen und die Leiche ver­graben. Die Tat wurde erst Monate später ent­deckt: Nach­dem die drei im Fre­un­deskreis mit der Tat geprahlt hat­ten, gruben Jugendliche an der beschriebe­nen Stelle, ent­deck­ten die bere­its skelet­tierte Leiche und informierten die Polizei.

 

“Die Bege­hungsweise der Tat ist so schreck­lich, dass es sich ver­bi­etet, die Details in der Öffentlichkeit zu nen­nen”, hat­te der lei­t­ende Neu­rup­pin­er Ober­staat­san­walt Gerd Schnittch­er nach den ersten Geständ­nis­sen der Täter gesagt. Nur der Älteste der Festgenomme­nen schweigt bis­lang. Er soll — so schreibt das Nachricht­en­magazin “Der Spiegel” — Mitte Novem­ber gegen Zahlung von 25 Euro zwei Bekan­nte zu dem Ort geführt haben, an dem er Monate zuvor die Leiche ver­schar­rt hat­te. Als er das tote Opfer gefun­den hat, soll er mit einem Beil auf den aus der Grube ragen­den Schädel geschla­gen haben. Unbe­grei­flich ist, warum Mar­i­nus ster­ben musste: Den mut­maßlichen Tätern soll die Hose des 17-Jähri­gen und dessen blond gefärbtes Haar nicht gepasst haben.

 

Nach dem Gottes­di­enst set­zt sich langsam ein Schweige­marsch in Rich­tung Tatort in Bewe­gung. Am Rande des LPG-Gelän­des haben Jugendliche aus dem Ort ein Holzkreuz errichtet, auf dem der Name des 17-Jähri­gen einge­bran­nt ist. Dort leg­en Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck (SPD) und viele Pot­zlow­er Kränze und Blu­men nieder. Einige Anwe­sende weinen. Platzeck ermuntert die Jugend- und Sozialar­beit­er des Ortes, in ihren Anstren­gun­gen nicht nachzu­lassen. “Die Arbeit der let­zten Jahre war nicht umson­st, trotz dieses schreck­lichen Ver­brechens.”

 

Platzeck besuchte Eltern

 

Der Min­is­ter­präsi­dent sagt den Eltern des getöteten Jun­gen, die er nach der Gedenk­feier besuchen wollte, und den Jugendlichen, die die skelet­tierte Leiche fan­den, Hil­fe zu. “Ich hoffe, dass jet­zt mehr Leute die Augen öff­nen”, sagt Bürg­er­meis­ter Peter Feike, “und dass sie mehr miteinan­der sprechen.”

 

Beerdigt wer­den soll Mar­i­nus in den näch­sten Tagen.

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