16. Juni 2003 · Quelle: Berliner Zeitung

Ein Schloss für Juden und Nicht-Juden

GOLLWITZ. Bun­desweit bekan­nt wurde das Örtchen Goll­witz, als es sich 1997
weigerte, 50 jüdis­che Ein­wan­der­er aufzunehmen. Der Land­kreis
Pots­dam-Mit­tel­mark wollte die Rus­s­land­deutschen im Her­ren­haus der Gemeinde
unter­brin­gen. Der mit frem­den­feindlichen Parolen gespick­te Protest hat­te
Erfolg: Die Kreisver­wal­tung zog damals ihre Pläne zurück. Trotz­dem wer­den
Men­schen jüdis­chen Glaubens in Zukun­ft zum Bild des Dor­fes gehören: Das
vergam­melte Her­ren­haus wird als Kon­se­quenz aus dem Kon­flikt gegen­wär­tig zu
ein­er Begeg­nungsstätte für Juden und Nicht-Juden aus­ge­baut.

“Unser Ziel ist es, 2004 mit den Bauar­beit­en fer­tig zu sein”, sagte Peter
Andreas Brand. Der Berlin­er Recht­san­walt ist Vor­sitzen­der der Stiftung
“Schloss Goll­witz”, die den Aus­bau des Her­ren­haus­es betreibt. Diesem Ziel
ist die Stiftung jet­zt ein deut­lichen Stück näher gekom­men: durch eine
Großspende der Mit­tel­bran­den­bur­gis­chen Sparkasse und der Ost­deutschen
Sparkassen­s­tiftung, die durch einen Zuschuss der Deutschen Stiftung
Denkmalschutz noch ver­dop­pelt wurde.

Beruf­ss­chüler helfen

Mit dem Geld, über dessen Höhe Stillschweigen vere­in­bart wurde, kön­nen nun
das Dach geflickt, die Fen­ster restau­ri­ert und das vom Schwamm befal­l­ene
Holz ent­fer­nt wer­den. Ins­ge­samt wird es etwa zwei Mil­lio­nen Euro kosten, das
Her­ren­haus zur Begeg­nungsstätte umzubauen, sagte Brand. “Die Fer­tig­stel­lung
hängt auch davon ab, wie schnell wir das nötige Geld beisam­men haben”, sagte
Brand. Doch die Stiftung erfährt nicht nur finanzielle Unter­stützung: Die
Frei­willige Feuer­wehr des Ortes half im Herb­st, das
Regen-Entwässerungssys­tem freizus­pülen. Dem­nächst rück­en Berlin­er
Beruf­ss­chüler an, um das Haus zu entrüm­peln.

Auch wenn das Her­ren­haus noch lange nicht fer­tig ist, tre­f­fen sich in dem
Dorf bei Brandenburg/Havel schon jet­zt auf Ein­ladung der Stiftung Juden und
Nicht-Juden, sagte der ein­stige DDR-Bürg­er­rechtler und
Kura­to­ri­umsvor­sitzende der Stiftung, Kon­rad Weiß. Anfang Sep­tem­ber wird
Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck (SPD) mit Jugendlichen jüdis­chen und
nichtjüdis­chen Glaubens disku­tieren. Gle­ich­es hat­te zuvor schon
Bun­destagspräsi­dent Wolf­gang Thierse (SPD) getan, der die Schirmherrschaft
für die Begeg­nungsstätte über­nom­men hat. “Begeg­nung hil­ft, sich später nicht
gegen­seit­ig die Köpfe einzuschla­gen”, sagte Weiß. Die ersten Ver­anstal­tun­gen
seien “sehr ermuti­gend” gewe­sen.

Im Schloss sollen ein­mal Grup­pen von Jugendlichen jüdis­chen und
nicht-jüdis­chen Glaubens jew­eils eine Woche ver­brin­gen, miteinan­der
disku­tieren — aber auch zusam­men Fußball spie­len. Das Haus soll ein­mal
Über­nach­tungsmöglichkeit­en für gut zwei Dutzend Jun­gen und Mäd­chen bieten.

Die Goll­witzer sehen den Bau­fortschritt am Schloss mit Freude. Andreas
Heldt, der vor der Einge­mein­dung des Ortes Bürg­er­meis­ter war, habe sich in
einem Brief an die Stiftung namens der Gemeinde bedankt, sagte Peter Macke -
der Präsi­dent des Bran­den­burg­er Ver­fas­sungs­gericht­es ist Vor­sitzen­der des
Beirats der Stiftung “Begeg­nungsstätte Goll­witz”. Heldt stand 1997 beson­ders
in der Kri­tik, weil er vom Zen­tral­rat der Juden eine Entschuldigung
gefordert hat­te, nach­dem dieser den Goll­witzern Anti­semitismus vorge­wor­fen
hat­te. Der Leser­brief, in dem Heldt diese Forderung erhob, war damals in
recht­sradikalen Blät­tern nachge­druckt wor­den.

Wer den Schloss-Umbau unter­stützen will, kann sich an die Deutsche Stiftung
Denkmalschutz (Tel. 0228/95 73 80) wen­den.

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