29. Januar 2007 · Quelle: ND

Eine Kammer erinnert an Clara Zetkin

Als »ein Haus mit son­ni­gen Zim­mern und einem größeren abgeschlosse­nen Garten, in dem ich spazieren, humpeln und eingepackt liegen kann«, beschrieb die KPD-Reich­stagsab­ge­ord­nete Clara Zetkin das Dom­izil in Birken­werder. 1929 hat­te der Sohn Kon­stan­tin das Haus in der dama­li­gen Bahn­hof­sallee 14 für die Mut­ter gekauft. Der alten Frau sollte die beschw­er­liche Anfahrt aus Sil­len­buch bei Stuttgart erspart bleiben, wenn sie ins Par­la­ment wollte. Heute befind­et sich in dem Haus eine kleine Gedenkstätte, ein­gerichtet 1957 zum 100. Geburt­stag der Poli­tik­erin.
Früher belegte die Gedenkstätte das gesamte Gebäude. Nach dem Ende der DDR schmolz die Ausstel­lung auf zwei Räume im Obergeschoss – der größere ist ein Ver­anstal­tungssaal mit Schautafeln an den Wän­den. Möbel und per­sön­liche Gegen­stände find­en sich in der Kam­mer daneben.

In ein­er Vit­rine liegen ein Spazier­stock, eine Präsentmappe und ein Tuch. Zwei Regale sind vollgestopft mit deutsch­er, englis­ch­er und rus­sis­ch­er Lit­er­atur, darunter August Bebels »Die Frau und der Sozial­is­mus«. Auf dem Tisch ste­ht ein Samowar, der eben­so eine kyril­lis­che Inschrift trägt wie ein Teller mit einem Porträt Clara Zetkins. An der Wand hängt ein von Friedrich Zun­del gemaltes Bild. Zetkin war mit dem Kün­stler ver­heiratet. Auf dem Schreibtisch liegt ein Schreiben aus dem Jahr 1927. Darin grat­uliert die Belegschaft ein­er Berlin­er Zigaret­ten­fab­rik zum 70. Geburt­stag. Es ist nicht ger­ade viel, was von der Gedenkstätte übrig blieb. Und doch ist der Einzug der Gemein­de­bib­lio­thek 1992 auch ein Glücks­fall. Das Bib­lio­theksper­son­al schließt oben auf, wenn sich jemand für Zetkin inter­essiert – während der Öff­nungszeit­en und auf Anfrage auch außer­halb, für Grup­pen sog­ar am Woch­enende. Für einen extra Betreuer gab es schon seit Jahren kein Geld mehr. Am besten kauft man sich für 1,50 Euro unten in der Bib­lio­thek die schmale Broschüre »Clara Zetkin – eine Annäherung«.

Von 1926 bis 1929 und dann wieder ab 1932 bis zu ihrem Tod 1933 lebte Zetkin im Erhol­ung­sheim des rus­sis­chen Min­is­ter­rates in Archangel­sko­je und auch in der Zeit dazwis­chen reiste sie viel. Selb­st als sie 1932 aus der Sow­jet- union nach Berlin fuhr, um als Alter­spräsi­dentin den Reich­stag zu eröff­nen und zur Ein­heits­front gegen die Faschis­ten aufzu­rufen, nächtigte Zetkin nicht in ihrem Haus in Birken­werder. Aus Sicher­heits­grün­den sollte nur ein klein­er Kreis von ihrer Ankun­ft wis­sen. Zetkin kam bei Genossen unter.

Wegen der kurzen Aufen­thalte hält manch­er im Ort die Gedenkstätte für über­flüs­sig. Es gab Bestre­bun­gen, sie aufzulösen. Dabei spielt wohl eine Rolle, dass Zetkin die Okto­ber­rev­o­lu­tion begrüßte. Nicht ein­mal 27 Jahre an der Spitze der sozialdemokratis­chen Frauen­zeitschrift »Die Gle­ich­heit« machen diesen ange­blichen Makel wett. Fast entschuldigend wirkt vor diesem Hin­ter­grund die For­mulierung auf ein­er Tafel an der Treppe: »Bis heute muss man nicht mit ihrer Überzeu­gung übere­in­stim­men oder kann zu dem Schluss kom­men, dass ihr Ansin­nen his­torisch falsch war. Anzuerken­nen bleibt aber ihr Engage­ment für sozial Benachteiligte und vor allem für die Rechte der Frauen.«

Das Haus ent­stand 1911/12 für den Maler Kurt Dra­big. Kurz nach der Machtüber­nahme der Faschis­ten wurde es durch­sucht. In der Bodenkam­mer liegende Druckschriften und Briefe wurde beschlagnahmt und an die Gestapo übergeben. Der Staat riss das Anwe­sen an sich. Ein Verkauf an den Reich­sluftschutzbund scheit­erte an den Kosten. 1949 bekam der Sohn Max­im Zetkin das Haus.

Am 5. Juli wäre der 150. Geburt­stag von Clara Zetkin. Aus diesem Anlass gibt es das ganze Jahr über Ver­anstal­tun­gen in Birken­werder. Höhep­unkt ist das Woch­enende 7./8. Juli. Dann ste­hen zum Beispiel Lesun­gen auf dem Pro­gramm. Ein Märch­en­erzäh­ler trägt aus der Kinder­beilage der »Gle­ich­heit« vor, informiert Manuela Dör­nen­burg vom Fördervere­in der Gedenkstätte.

Clara-Zetkin-Gedenkstätte Birken­werder, Summter Str. 4, Tel.: (033 03) 40 27 09, Mo. und Fr. 11–16 Uhr, Di. und Do. 11–18 Uhr, Ein­tritt: 1,25 Euro, Kinder 0,75 Cent

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