28. Oktober 2004 · Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten

Eine kleine, gewaltbereite Szene

Pots­dam — Am Sonnabend wer­den sie marschieren. 100, vielle­icht auch 200 Neon­azis mit­ten durch die Stadt. Angemeldet hat den Auf­marsch unter dem irreführen­den Mot­to „Gegen Het­ze und Ter­ror von Links“ der bekan­nte Ham­burg­er Neon­azi Chris­t­ian Worch. Neben ihm sind Eckart Bräu­niger und Gor­don Rein­holz als Red­ner angekündigt. Was diesen dreien neben ihrer ein­deutig recht­sradikalen Gesin­nung gemein­sam ist, sie kom­men nicht aus Pots­dam. Die Stadt wird mit Gegen­demon­stra­tio­nen zeigen, dass Rechte hier nicht erwün­scht sind. Nazis von außer­halb sollen in Pots­dam keine Plat­tform, son­dern nur bre­ite Ablehnung find­en. Ein kurz­er aber auf­fäl­liger Protest, dann kann wieder zur Tage­sor­d­nung überge­gan­gen wer­den. Denn Neon­azis in Pots­dam, bis auf ein paar dumpfe Schläger, scheint es kaum zu geben. So zumin­d­est die landläu­fige Mei­n­ung. Die weni­gen Fak­ten aber sprechen eine andere Sprache.

Eine kleine, gewalt­bere­ite Szene von Recht­sradikalen gibt es in der Stadt. Mal wird von zehn, mal von 30 Mit­gliedern dieses dif­fusen Kreis­es gesprochen. Seit 1999 aktiv, fällt die Gruppe seit drei Jahren ver­stärkt durch Straßenge­walt auf, erk­lärt der Jour­nal­ist Fal­co Schuh­mann vom Antifaschis­tis­chen Infoblatt, das regelmäßig kom­pe­tent und inves­tiga­tiv über rechte Ten­den­zen in ganz Deutsch­land berichtet. Eine Behaup­tung, die von den Zahlen der Pots­damer Opfer­per­spek­tive gestützt wird. Seit 2001 hält Pots­dam einen trau­ri­gen Spitzen­platz in Sachen rechtsmo­tiviert­er Über­griffe. Im ver­gan­genen Jahr wur­den 16, in diesem Jahr neun Angriffe reg­istri­ert. Doch ist davon auszuge­hen, dass die Dunkelz­if­fer höher liegt. „Viele dieser Angriffe richt­en sich gegen linke Jugendliche, die in der Polizei nicht unbe­d­ingt den Helfer sehen und daher den Über­griff nicht zur Anzeige brin­gen“, sagt Kay Wen­del von der Opfer­per­spek­tive.

Die meis­ten dieser Angriffe gegen linksori­en­tierte oder ein­fach nur anders ausse­hende Jugendliche und Aus­län­der sind das Resul­tat spon­tan­er, vom Alko­hol bee­in­flusste Aktio­nen, die fast immer dem Bild vom tum­ben Nazis­chläger entsprechen. Doch neben dieser Gewalt­bere­itschaft zeigt sich in der Pots­damer Szene immer mehr die Ten­denz zum Auf­bau über­re­gionaler Struk­turen. Eine Ten­denz, die kaum sicht­bar, darum aber umso beden­klich­er sei, so Schuh­mann. Län­gere Zeit recher­chierte er über die Pots­damer Nazis, veröf­fentlicht regelmäßig Beiträge über Rechte. Sein Ein­druck: Der harte Kern in Pots­dam tritt ein­er­seits immer wieder sehr selb­st­be­wusst mit Pöbeleien und Angrif­f­en in Erschei­n­ung. Auf der anderen Seite wird der Auf­bau von Net­zw­erken voran getrieben. „Dies aber ziem­lich dilet­tan­tisch“, so Schuh­mach­er.

Anfang des Jahres erschien im Inter­net die Seite „Anti-Antifa – Sek­tion Pots­dam“. Eine „Kam­er­ad­schaft Pots­dam“ hat­te es sich hier zur Auf­gabe gemacht, linke und alter­na­tive Ein­rich­tun­gen der Stadt mit Adressen, bes­timmte, öffentlich gegen Rechts auftre­tende Per­so­n­en mit Fotos und Adressen zu veröf­fentlichen. Das Ziel: Gle­ich­gesin­nte auf diese Per­so­n­en und Ein­rich­tun­gen aufmerk­sam zu machen. Zwar wird nicht direkt zu Über­grif­f­en oder Bedro­hun­gen aufgerufen, doch die Auf­machung – die Start­seite ziert eine Pis­tole – spricht eine ein­deutige Sprache. Für kurze Zeit war die Seite aus dem Netz genom­men. Mit­tler­weile ist sie wieder über einen argen­tinis­chen Anbi­eter erre­ich­bar. Rechtliche Schritte sind hier kaum noch möglich. „Hier zeigt sich die Pro­fes­sion­al­isierung im Auftreten“, erk­lärt Schuh­mann. Doch geht er davon aus, dass andere so genan­nte Freie Kam­er­ad­schaften, vor allem aus Berlin, diese pro­fes­sionelle Arbeit für ihre Pots­damer Kam­er­aden über­nom­men haben. Ein Zeichen dafür, dass sich die Nazis ver­stärkt organ­isieren.

Nach zahlre­ichen Ver­botsver­fahren gegen recht­sradikale Parteien in den ver­gan­genen Jahren hat­ten sich die Aktiv­itäten viel­er Nazis größ­ten­teils auf Anonymität und den region­al beschränk­ten Wirkungskreis klein­er Kam­er­ad­schaften reduziert. Mit­tler­weile, auch bestärkt durch die NPD-Wahler­folge, sind aber Bemühun­gen erkennbar, auch über­re­gion­al zu wirken. Im Osten von Bran­den­burg hat sich der Märkische Heimatschutz in dieser Hin­sicht einen Namen gemacht. Unter der Führung von Gor­don Rein­holz, der auch auf der Demon­stra­tion am Sonnabend sprechen wird, ver­suchen etwa 30 Leute unter dem Deck­man­tel des Bie­der­manns ihre rechte Gesin­nung öffentlich zu machen. Ihr Merk­mal: Sie sind kaum noch zu erken­nen.

Das Glatzkopf-Image mit Springer­stiefeln und Bomber­jacke ist ver­pönt. „Die Gren­zen der Szene ver­schwim­men“, beschreibt Fal­co Schuh­mann diese Entwick­lung. Nazis sind als solche immer schw­er­er zu erken­nen. Gele­gentlich treten sie sog­ar mit Sym­bol­en der linken Jugend­kul­tur, wie dem Palästi­nenser­tuch oder Che-Gue­vara-T-Shirts auf. „So fällt es den Recht­en leichter, auch in anderen Bere­ichen wie beispiel­sweise der Met­al-Szene Fuß zu fassen. Gle­ichzeit­ig fällt es so leichter, sich von dieser Szene wieder zu ent­fer­nen. Das prob­lema­tis­che Gedankengut von Ras­sis­mus und Deutsch­landtüm­melei bleibt aber in den Köpfen erhal­ten.“

Auch die Pots­damer Neon­azis sind als solche kaum noch zu erken­nen. Doch durch Recherchen im Inter­net, Gespräche mit Insid­ern und Bestä­ti­gun­gen aus Sicher­heit­skreisen bekom­men sie ein Gesicht. Der 21-jährige Oliv­er K., die 19-jährige Melanie W., Mike M., Heiko G., der derzeit eine län­gere Haft­strafe wegen schw­er­er Kör­per­ver­let­zung absitzt, Enri­co P., Jeanette H. sind Namen die im Zusam­men­hang mit der recht­en Szene in Pots­dam immer wieder fall­en. Ihr Auftreten ist pro­vokant, sie fotografieren Leute aus dem linken Spek­trum, sprechen diese auch direkt auf der Straße an. Ein­schüchterung als Meth­ode. Am Tele­fon auf ihre Rolle in der recht­en Szene Pots­dams ange­sprochen, legt Melanie W. kurz­er­hand den Tele­fon­hör­er auf. Bis auf die weni­gen Fak­ten bleiben sie schw­er zu fassen.

Aus Sicher­heit­skreisen heißt es, dass die Pots­damer Nazis ein­deutig als „Hard­core-Rechte“ zu beze­ich­nen seien, sich ihre Hand­lun­gen fast nur auf Gewalt­tat­en beschränken. Auch Kay Wen­del von der Opfer­per­spek­tive hält sich bei der Beurteilung der Bedeu­tung der hiesi­gen Szene zurück. „Polizei und Staat­san­waltschaft leis­ten hier sehr gute Arbeit.“ Zwar solle man die Pots­damer Gruppe nicht über­schätzen, doch darf man sie deswe­gen noch lange nicht unter­schätzen. Eckart Bräu­niger, der dritte Red­ner beim Nazi­auf­marsch am Sonnabend, ist stark in der Berlin­er Kam­er­ad­schaftsszene aktiv und wurde schon bei ille­galen Wehrsportübun­gen festgenom­men. Das Bie­der­mann-Image verdeckt nur den Hang zur Mil­i­tanz. Der harte Kern der Pots­damer Recht­sradikalen hat seine Verbindun­gen zu diesen mil­i­tan­ten Kam­er­ad­schaften aus­ge­baut. Sie haben gel­ernt, sich zurück­zuhal­ten. Doch nur weil etwas nicht immer ein­deutig erkennbar ist, ist es noch lange nicht weniger gefährlich.

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