13. Dezember 2004 · Quelle: Berliner Zeitung

Einheitlich in Preußisch-Blau

POTSDAM. Aus­gerech­net hier an der Pots­damer Max-Dor­tu-Grund­schule sollen erst­mals im Land Bran­den­burg Schu­lu­ni­for­men einge­führt wer­den. Draußen vor der Tür spielt das wieder hergestellte Glock­en­spiel der zer­störten Gar­nisonkirche den alten Preußen­choral “Üb immer Treu und Redlichkeit”. Und die Schullei­t­erin Gudrun Wur­zler sitzt mit Kol­legin­nen vor ihrem Büro und sagt: “In Preußisch-Blau sollen die Klei­dungsstücke sein.” Dunkel­blau also für 281 Grund­schüler.

Doch die zupack­ende Schullei­t­erin, selb­st eher schlicht gewan­det, ist keine Anhän­gerin von alt­preußis­ch­er Zucht und Ord­nung. “Die Schüler sollen sich über die Schulk­lei­dung stärk­er mit der Schule iden­ti­fizieren”, sagt Gudrun Wur­zler. Die Schüler toben der­weil über den braunen Linoleum­bo­den des alten Barock­baus. “Außer­dem kön­nten so soziale Unter­schiede inner­halb der Schüler­schaft ver­wis­cht wer­den”, sagt sie. Schließlich gebe es an ihrer Schule auch einen höheren Anteil nicht­deutschsprachiger Kinder.

Zunächst geht es nur um eine Art Ein­heit­sklei­dung, beste­hend aus T‑Shirt, Pullover und All­wet­ter­jacke samt Schul­l­o­go. “Später wollen wir die ganze Palette anbi­eten”, sagt die Rek­torin. “Schuhe, Strümpfe und so weit­er.” Die Idee der ein­heitlichen Ober­bek­lei­dung ent­stand beim Sport. Die Schüler tra­gen seit einiger Zeit bei städtis­chen Wet­tkämpfen dunkel­blaue Hem­den mit einem Schul­l­o­go. Das motivierte die Kinder zusät­zlich, stell­ten die Lehrer fest. Und die Schüler rede­ten nicht mehr ständig über Marken­klam­ot­ten. Keine Ver­gle­iche mehr, wer die teurere, schickere Train­ings­jacke an hat. “Son­st spielt das Marken­be­wusst­sein ger­ade im Sport eine große Rolle”, sagt die Schuldirek­torin.

Nun will die Mehrzahl der Lehrer diesen Teamgeist auch im Schu­lall­t­ag beschwören. “Es geht um das Gefühl, hier in der Schule eine Heimat zu haben”, nen­nt es die Vize-Rek­torin Ute Freibrodt. An eine Ein­führung der kom­plet­ten Schulk­lei­dung sei aber erst Anfang 2006 zu denken. “Zunächst müssen wir einen Design­er für die Klei­dung find­en”, sagt die Rek­torin.

Bekan­ntlich hat­te der Pots­damer Design­er Wolf­gang Joop kurzfristig abge­sagt. Daraufhin haben sich aber bere­its fünf Mod­edesign­er gemeldet, die an Joops Stelle die Schulk­lei­dung entwer­fen wollen — darunter auch die Berlin­er Mod­e­schöpferin Ute Lind­ner. Im Jan­u­ar will sich die Schulleitung mit diesen Inter­essierten zusam­menset­zen und entschei­den, wer den Zuschlag bekommt. “Ein Mod­edesign­er soll die Klei­dungsstücke dann gemein­sam mit den Schülern entwick­eln”, sagt Vize-Rek­torin Freibrodt. Ein Logo gibt es bere­its, im sat­ten Gelbton. Darauf ist ein großer Noten­schlüs­sel zu sehen, der zu einem Pin­sel wird. “Wir sind eben eine musisch-kün­st­lerische Grund­schule”, sagt Rek­torin Wur­zler. Sie rech­net aber damit, dass etwa 20 Prozent der Eltern an ihrer Schule gegen die Ein­heit­sklei­dung ist. Auch der kleine Max aus der drit­ten Klasse sagt: “Ich will mich klei­den, wie ich bin.” Die Rek­torin ver­spricht “einen behut­samen Über­gang zur Schulk­lei­dung”.

Auch SPD und PDS lehnen die Pläne in ersten Reak­tio­nen ab. Schüler soll­ten die Möglichkeit haben, ihre Indi­vid­u­al­ität auch durch Klei­dung zu zeigen, meint die SPD-Bil­dungspoli­tik­erin Ingrid Siebke. Und PDS-Bil­dung­sex­per­tin Ger­rit Große sagt, die Schulen soll­ten doch lieber erst ein­mal gegen die Benachteili­gung sozial schwäch­er gestell­ter Schüler vorge­hen.

Die CDU hinge­gen beken­nt sich zur Schu­lu­ni­form. Denn Marken­klei­dung stifte sozialen Unfrieden, sagt Ingo Sen­ftleben, der bil­dungspoli­tis­che Sprech­er der Union, und wird philosophisch: “Mit Schu­lu­ni­for­men kön­nen Kinder frühzeit­ig ler­nen, dass nicht der Schein, son­dern das Sein unser Leben bes­timmt.” Auch das Pots­damer Bil­dungsmin­is­teri­um ste­ht dem Pro­jekt der Max-Dor­tu-Grund­schule wohlwol­lend gegenüber. “Für uns ist so ein Ver­such von Inter­esse, weil wir prüfen kön­nen, ob das Sozialk­li­ma durch solche Klei­dung tat­säch­lich verbessert wird”, sagte Min­is­teri­umssprech­er Thomas Hainz. Es werde geprüft, ob für die Finanzierung der Klei­dung Lot­tomit­tel bere­it gestellt wer­den kön­nen.

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