5. September 2002 · Quelle: tagesspiegel

Einsatz inmitten der braunen Flut

Diese klare Sep­tem­ber­son­ne mag sie. „Ide­ales Som­mer­sprossen­wet­ter”, sagt Anet­ta Kahane. Sie gehört zu den raren Rothaari­gen, die ihre Som­mer­sprossen lieben. Die sich annehmen, so wie sie sind. Eine gute Voraus­set­zung, um immer wieder den Kopf hinzuhal­ten, wenn andere wegse­hen. Anet­ta Kahane macht seit zwölf Jahren Jobs, bei denen man beina­he jeden Tag gegen Wände ren­nt. Sie hat dabei viele Leute mit­ge­zo­gen. Der ersten Aus­län­der­beauf­tragten Ost-Berlins seit Mai 1990, Grün­derin der Regionalen Arbeitsstellen für Aus­län­der­fra­gen (RAA) im Jahr darauf und der Amadeu-Anto­nio-Stiftung 1998 wird heute der Moses-Mendelssohn-Preis des Lan­des Berlin ver­liehen. Hat es sich also gelohnt? „Wenn man das alles aufzählt, hat man das Gefühl, etwas gemacht zu haben”, sagt Anet­ta Kahane mit einem strahlen­den Lächeln. An einem son­ni­gen Son­ntag­mor­gen in ihrem Lieblingscafé in Pren­zlauer Berg beschreibt die 48-Jährige ihr Net­zw­erk interkul­tureller Ver­ständi­gung und Erziehung und gegen die rechte Gewalt mit ins­ge­samt knapp 200 Mitar­beit­ern in bun­desweit 19 Region­al­stellen, im Zen­trum für demokratis­che Kul­tur und in Beratung­steams. Als im Herb­st 2000 nach Über­grif­f­en auf Syn­a­gogen der „Auf­s­tand der Anständi­gen” aus­gerufen wurde, startete das Bun­desju­gend­min­is­teri­um mit zehn Mil­lio­nen Euro jährlich das „Civitas”-Programm. Die inhaltliche Beratung macht Anet­ta Kahanes Amadeu-Anto­nio-Stiftung. Ihr Konzept set­zt sich durch: Weit­ere Beratung­steams gegen Recht­sex­trem­is­mus wer­den in die Kom­munen geschickt, zivilge­sellschaftliche Jugen­dini­tia­tiv­en unter­stützt und Gewalt-Opfern geholfen. Aber gegen die „braune Flut”, gegen die sie und ihre Mit­stre­it­er antreten, sei das alles nicht genug, sagt Kahane. Die „starke völkische Strö­mung” vor allem in ost­deutschen Kom­munen sei „eine deutsche Katas­tro­phe”, gegen die ein mobiles Beraterteam pro Bun­des­land und ein alter­na­tives Jugendzen­trum pro Region nicht ankomme. Wenn ein junger Men­sch Sol­i­dar­ität nur in recht­en Kreisen find­et, wenn es ein rechter Meis­ter ist, der ihm einen Aus­bil­dungsplatz anbi­etet und das Jugendzen­trum, in das er abends geht, auch noch in rechter Hand ist – „dann gibt es keinen Grund, nicht Rechts zu sein”. Anet­ta Kahanes Ini­tia­tiv­en ver­suchen, in den Dör­fern und Städten ein anderes Kli­ma zu schaf­fen. Ein alter­na­tives Netz zur recht­en Szene, in dem Jugendliche Fre­unde und Jobs find­en, könne man aber nur mit Part­nern aus der Kom­mune auf­bauen: Bürg­er­meis­ter, Pfar­rerin, Polizei. In Eber­swalde, wo 1992 Amadeu Anto­nio von Recht­en erschla­gen wurde und nach dem sich Kahanes Stiftung benan­nte, funk­tion­iere das Net­zw­erk ansatzweise. Und wenn ein von ihr mitor­gan­isiertes Konz­ert „Rock gegen Rechts” gut ankommt, freut sich Kahane: „Wir haben die besseren Par­tys.” Später wird sie sagen, in diesem Som­mer sei sie „ins Grü­beln” gekom­men. Alles sinn­los? Ach nein, sagt Kahane. Es war nur der neue Anti­semitismus, der seine Recht­fer­ti­gung in der israelis­chen Poli­tik suche. Die neue Gen­er­a­tion, die mit dem Anti­semitismus noch ein­mal von vorne anfange. Die Südameri­ka-Exper­tin bekam schnell mit, dass Ost­deutsch­land ein Tol­er­anz-Prob­lem hat­te. Bis heute fühlen sich Leute in den Gemein­den „stig­ma­tisiert”, wenn Kahane mit ihren Teams Part­ner sucht. „Dann ste­ht man an der Straße und macht so, wenn ein­er vor­beikommt”, klagte eine Jugend­clublei­t­erin in der Uck­er­mark und hob den recht­en Arm, „dann gilt das als Hit­ler­gruß.” Anet­ta Kahane hätte diese Frau nie ken­nen gel­ernt, wenn nicht Cem Özdemir gewe­sen wäre. Der wollte „mal mit Recht­en disku­tieren”. Ein typ­is­ch­er naiv­er Poli­tik­er-Wun­sch, find­et Anet­ta Kahane. Sie trifft sich lieber mit Leuten, die wider­ste­hen wollen und denken wie sie: „Der Verge­blichkeit ins Auge geblickt, kann man es ja mal ver­suchen.” Die Sep­tem­ber­son­ne strahlt. Anet­ta Kahane begrüßt eine Fre­undin. Die bei­den steck­en die Köpfe zusam­men. Heute wird gegen keine Wand mehr anger­an­nt.

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