29. Februar 2012 · Quelle: Antifa Westhavelland

Einseitiger Vortrag über die letzten Kriegstage in Rathenow

Die Kampfhandlungen und deren Begleiterscheinungen am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Sicht eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten

Gün­ter Müller hat ein Buch her­aus­ge­bracht. Darin schrieb der ehe­ma­lige Sol­dat der nation­al­sozial­is­tis­chen Wehrma­cht unter dem Titel „Let­zte Kriegstage in Rathenow 1944/1945“ (1.) seine Erleb­nisse während des Zweit­en Weltkrieges nieder. Das war 2009. Jet­zt kam eine Neuau­flage (2.) her­aus, die über die eige­nen Erin­nerun­gen her­aus ein Gesamt­bild der Kampfhand­lun­gen und deren Begleit­er­schei­n­un­gen in der Region ver­mit­teln sollte. Als Zugabe wurde zudem, ZDF-His­torik­er Gui­do Knopp hätte es nicht bess­er machen kön­nen, die kurze Ver­weil­dauer von Hitlers Leiche im Rathenow­er Stadt­forst the­ma­tisiert. Schw­er­punkt der Pub­lika­tion, die gestern im Rah­men eines Vor­trages in ein­er Rathenow­er Buch­hand­lung vom Autor höch­st­per­sön­lich vorgestellt wurde, war aber ein­deutig die Auseinan­der­set­zung mit dem Kampfgeschehen in Stadt und Umland. Das Ende zwis­chen Hav­el und Elbe würde näm­lich, so Müller, nur periph­er in der bish­eri­gen Kriegslit­er­atur tang­iert.

Kampf und Zer­störung der Stadt

Für Müller ist das Kriegs­geschehen zwis­chen den bei­den Flüssen jedoch keine Banal­ität, es enthält einen entschei­den­den Abschnitt seines Lebens. Mit 17 war er im Novem­ber 1944 zu einem Pio­nier­batail­lon der NS Wehrma­cht in die Rathenow­er Gar­ni­son ein­berufen wor­den, fünf Monate später kämpfte er in der sel­ben Stadt gegen die vor­rück­ende Rote Armee. (3.) Dabei ist bei Müller, wenn er davon erzählt, ein gewiss­er Stolz klar her­auszuhören. 2.000 Sol­dat­en hätte die Wehrma­cht zur „Vertei­di­gung“ höch­stens zur Ver­fü­gung gehabt, während der Geg­n­er, die Rote Armee, mit bis zu 10.000 Sol­dat­en angriff. Den­noch sei die Stadt über einen lan­gen Zeitraum ver­bis­sen gehal­ten und der Zeit­plan der „Russen“ durchkreuzt wor­den, so Müller. Das der Krieg dadurch aber unnötig ver­längert und Rathenow völ­lig zer­stört wurde, erscheint ihm noch heute als notwendi­ges Übel. Schließlich galt es, alle Ange­höri­gen der nation­al­sozial­is­tis­chen Armeen noch über die Elbe in die ver­meintlich bessere amerikanis­che Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu über­führen. Und für die Zer­störung der Stadt an sich seien nach Müllers Mei­n­ung sowieso die „Russen“ ver­ant­wortlich. Diese hät­ten näm­lich mit Katjuschas nach Rathenow reinge­feuert. Scharf kri­tisierte Müller in diesem Zusam­men­hang den Autor eines älteren Artikels aus ein­er Region­alzeitung (4.). Dieser hat­te dort näm­lich geschrieben, dass zwei Flak-Bat­te­rien von Stel­lun­gen in Klein-Buck­ow und Göt­tlin nach Rathenow rein­schossen und dadurch die Stadt zer­stört hät­ten. Dies sei unwahr, so Müller gestern, und begrün­det seine Behaup­tung mit der ver­meintlichen Gefährdung der eige­nen Sol­dat­en. Ein Zeitzeuge aus Milow, der sich im gestri­gen Pub­likum befand, unter­mauerte jedoch die Ver­sion des starken Beschuss­es durch die Wehrma­cht bzw. ergänzte diese durch eigene Wahrnehmungen. Auf der ehe­ma­li­gen Klein­bahn­strecke zwis­chen Kuxwinkel und Schla­gen­thin war dem­nach auch ein Eisen­bah­ngeschütz sta­tion­iert, das per­ma­nent in die Stadt hinein­schoss. Müller behar­rte jedoch trotz­dem auf seinen Stand­punkt, dass in erster Lin­ie die „Russen“ mit ihren Katjuschas Rathenow zer­stört hät­ten.
Für ihn rück­te nun­mehr die Frage nach der Moti­va­tion für die ver­bis­sene Vertei­di­gung der Stadt in den Mit­telpunkt sein­er Ver­anstal­tung. Dabei wider­sprach er der landläu­fi­gen Mei­n­ung der alli­ierten Mil­itär­lit­er­atur, dass die Angst vor der Rache der Rote Armee die Sol­dat­en des NS Regimes antrieben. Für Müller war dies vielmehr die Aus­sicht auf eine ver­meintlich beque­mere amerikanis­che Kriegs­ge­fan­gen­schaft, die kaum 25km weit ent­fer­nt, jen­seits der Elbe wartete.
Außer­dem, so ein Mann aus Prem­nitz während der Ver­anstal­tung, wäre Rathenow, im Hin­blick auf die Fol­gen der ver­bis­se­nen Vertei­di­gung, höchst­wahrschein­lich auch ohne Kampfhand­lun­gen von der Roten Armee abge­bran­nt wor­den. Über ähn­liche Beispiele hätte er jeden­falls in der Kriegslit­er­atur gele­sen. Keine Stadt wäre dem­nach von der­ar­ti­gen Zer­störun­gen ver­schont geblieben. Das aber beispiel­sweise ger­ade Prem­nitz kampf­los an die Rote Armee übergeben und danach nicht niederge­bran­nt wurde, war dem Mann offen­bar ent­fall­en.

Kriegsver­brechen“

Über­haupt wurde sich gestern wieder gern und viel über die „Bar­berei der Sow­jets“ echauffiert. Ein junger Mann aus dem Pub­likum nan­nte das von der NS Pro­pa­gan­da instru­men­tal­isierte „Mas­sak­er von Nem­mers­dorf“, bei dem unge­fähr 30 deutsche Zivilist_innen während der dor­ti­gen Kampfhand­lun­gen durch Ange­hörige des sow­jetis­chen Mil­itärs erschossen wur­den (5.), als beson­deres Beispiel dafür. Müller ergänzte ihn mit einem schau­ri­gen Bericht über Verge­wal­ti­gun­gen durch Rotarmis­ten in einem Lazarett bei Beelitz. Nun war die deutsche Lei­dens­geschichte voll ent­flammt. Der junge Mann meldete sich wieder zu Wort und bemerk­te, dass auch die amerikanis­che Kriegs­ge­fan­gen­schaft nicht wirk­lich eine gute Option für die Ange­höri­gen der nation­al­sozial­is­tis­chen Armeen gewe­sen sei. Ihm lägen Doku­mente über tausende Tote in den so genan­nten „Rhein­wiesen­lager“ (Kriegs­ge­fan­genen­lager) vor. Müller sprach in seinen Aus­führun­gen indes nur von etwas über 700, dort in der Gefan­gen­schaft an man­gel­nder Hygiene und Unter­ernährung, Gestor­be­nen. Dann the­ma­tisierte der junge Mann die Bom­bardierung Dres­dens, wobei die durch die His­torik­erkom­mis­sion vorgenommene Kor­rek­tur der Opfer­zahlen von 35.000 auf 25.000 Tote als „Kro­ne der Schöp­fung poli­tis­ch­er Kor­rek­theit in der BRD“ von ihm scharf gerügt wurde. Als er dann aber noch, im Zusam­men­hang mit Müllers Kapitell über Hitlers Leiche in Rathenow ern­sthaft auf ein Buch von Ver­schwörungs­the­o­retik­ern hin­wies, dem­nach Hitler den Krieg über­lebt hätte und 1945 mit einem U‑Boot nach Südameri­ka entkom­men sei, war die Ver­anstal­tung endgültig zur Farce gewor­den.
Eine Betra­ch­tung der regionalen Ver­brechen des NS Regimes, als Teil des beab­sichtigten  Gesamt­bildes der Kampfhand­lun­gen und deren Begleit­er­schei­n­un­gen, war so nicht mehr zu erwarten und fand auch nicht statt. Auch in seinen Büch­ern behan­delt Müller diese The­matik nur am Rande. Lediglich den Deser­teuren ist ein größer­er Abschnitt gewid­met. Konzen­tra­tionslager und deren Häftlinge wer­den nur beiläu­fig erwäh­nt, obwohl es in Rathenow ein KZ Außen­lager gab. Die Shoa, das Schick­sal der Zwangsarbeiter_innen sowie die Todesmärsche in den let­zten Kriegsta­gen spie­len hinge­gen über­haupt keine Rolle. Allerd­ings bekräftigt Müller in seinem Buch, das die „Vergel­tung“ der Rotarmis­ten in keinem Ver­hält­nis zu dem ste­he „was deutsche Sol­dat­en in Polen und in der UdSSR angerichtet hat­ten“ (6.). Trotz­dem drängt sich bisweilen die Ver­mu­tung auf, dass diese ent­las­ten­den Kurz­pas­sagen im Werk nur eine Ali­b­i­funk­tion für eine all­ge­meine Diskred­i­tierung der Roten Armee sind. Seit­en­weise wird näm­lich recht emo­tion­al von „Exzessen“, „entset­zlichen Gräueltat­en“ oder der „Bar­barei“ der „Russen“ und ihrer Stre­itkraft gesprochen, während die nur sehr vere­inzelt genan­nten, vor­ange­gan­genen Untat­en der Nazis – betont sach­lich – schlimm­sten­falls als „Ver­brechen“ beze­ich­net wur­den.

Faz­it

Auch mit Gün­ter Müllers Buch bzw. dessen Neuau­flage  wurde kein abschließen­des Doku­ment, kein Gesamt­bild, über die let­zten Tage des Zweit­en Weltkrieges in Rathenow und Umge­bung ver­fasst. Zu viele Fra­gen sind noch offen, zu viele Dinge ungek­lärt. Den­noch ergaben sich aus seinen Büch­ern sowie der gestrigem Buchvorstel­lung einige neue Details zum Kamp­fa­blauf.
Die Abhand­lung der „Kriegsver­brechen“ wird von Müller auf­fäl­lig ein­seit­ig geführt und kön­nte als vorzügliche Argu­men­ta­tion­s­grund­lage für (Neo)nazis, von denen gestern übri­gens auch eine Hand­voll im Pub­likum saß, dienen.

Quellen:

1.) Gün­ter Müller: „Let­zte Kriegstage in Rathenow 1944/1945“, Rathenow, 2009
2.) Gün­ter Müller: „Die Vertei­di­gung von Rathenow 1945 und Hitlers Leiche in Rathenow“, Pots­dam, 2011
3.) Wie (1.)
4.) Rudolf Bergau: „Während dessen plün­derten SS – Leute die Sarkophage im Böh­n­er Mau­soleum“ in Märkische All­ge­meine Zeitung, Seite 16, 18. März 1995
5.) http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf
6.) aus Quelle 2.), Seite 82–83

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot