20. August 2005 · Quelle: Tagesspiegel

Empört wie kleine Kinder“

DDR-Forsch­er Klaus Schroed­er über Schön­bohms The­sen und die Reak­tion
der Ost­deutschen

Wie erk­lären Sie sich den kollek­tiv­en Auf­schrei der Ost­deutschen über
die Äußerun­gen von Schön­bohm und Stoiber?

Es gibt ein Zusam­menge­hörigkeits­ge­fühl der Ost­deutschen. Offen­bar eine
Nach­wirkung des Kollek­tiv-Lebens in der DDR, aber auch eine Folge des
Zusam­men­rück­ens nach der Vere­ini­gung. Viele Ost­deutsche, selb­st jen­seits
der PDS, glauben heute: Wer schlecht über die DDR redet, will sie
per­sön­lich her­ab­würdi­gen. Man fühlt sich immer gle­ich kollek­tiv
ange­grif­f­en.

Aus man­gel­nder Sou­veränität?

Ja, es fehlt den Ost­deutschen offen­bar immer noch an Selb­st­be­wusst­sein,
aber auch an Dif­feren­zierungsver­mö­gen. Das merkt man auch am Ver­hält­nis
zur Linkspartei: Eigentlich ist die ost­deutsche Gesellschaft längst viel
dif­feren­ziert­er, haben etwa Union­swäh­ler mit der Linkspartei nichts am
Hut. Trotz­dem wird die Linkspartei über ihre eigene Anhänger­schaft
hin­aus in Schutz genom­men. Nach dem Mot­to: Das sind auch unsere Leute.

Hat Jörg Schön­bohm mit sein­er Pro­le­tarisierungs-These diesen Reflex
ver­stärkt?

Herr Schön­bohm hat ein wichtiges The­ma ange­sprochen, aber lei­der falsch
begrün­det. Es gibt keinen Zusam­men­hang zwis­chen der Erziehung in der DDR
und Gewal­texzessen oder gar Kindesmor­den. Wo er Recht hat: Es gibt in
Ost­deutsch­land eine Kul­tur des Wegschauens und mehr alltägliche Gewalt
als im West­en. Gründe dafür liegen sowohl in Nach­wirkun­gen aus der
DDR-Zeit als auch in den Erfahrun­gen mit der Ein­heit.

Was meinen Sie konkret?

Früher sorgte der Staat für alles, die Kinder und Jugendlichen wur­den
betreut. Die Eltern braucht­en sich kaum zu küm­mern. Aber nach 1990
mussten sie das plöt­zlich. Man war gar nicht gewohnt, mit Kindern so
viel Zeit zu ver­brin­gen. Und die Kinder und Jugendlichen, die gemerkt
haben, wie stark der soziale Umbruch die Eltern, die Erwach­se­nen
verun­sichert hat, sind in dieses Vaku­um hineingestoßen. Das erk­lärt das
deut­lich höhere Aus­maß an Jugendge­walt, an recht­sex­trem­istis­chem Denken
im Osten, wobei es nicht ver­fes­tigt ist. Es sind meist Pro­voka­tion­srituale.

Warum ragt Bran­den­burg bei der Gewaltkrim­i­nal­ität in Ost­deutsch­land
beson­ders her­aus?

Das hängt ver­mut­lich mit Tra­di­tio­nen dieses Land­strichs zusam­men. Schon
vor der DDR war Bran­den­burg, ja, der ganze Nor­dosten Deutsch­lands in der
Krim­i­nal­itätssta­tis­tik auf­fäl­lig. Das hat sich in der DDR fort­ge­set­zt,
offen­bar bis heute. Hier scheint es eine Nord-Süd-Achse zu geben,
übri­gens auch im West­en.

Auch im West­en?

Es gibt Indizien dafür. Wir haben eine Studie zu Jugendge­walt und
Recht­sex­trem­is­mus gemacht. Das Ergeb­nis: Jugendliche in nord­deutschen
Städten – ob West oder Ost – waren stärk­er gewalt­bere­it, hat­ten häu­figer
recht­sex­treme Ein­stel­lun­gen als im Süden. In Bay­ern und Thürin­gen waren
die Jugendlichen tol­er­an­ter und weniger gewalt­bere­it.

Stimmt die These von der „geisti­gen Deformierung“ im Osten durch die SED?

Ob man diesen Neg­a­tiv-Begriff ver­wen­det, ist eine Frage des
Stand­punk­tes. Aber es ist eine Tat­sache, dass die Sozial­i­sa­tion, die
Erfahrun­gen in der DDR nach­wirken, die Men­schen prä­gen. Und zwar
unab­hängig davon, wie sie zur SED-Dik­tatur standen. So haben ja selb­st
ehe­ma­lige Bürg­er­rechtler teil­weise DDR-typ­is­che Ver­hal­tensweisen. Viel
erstaunlich­er ist aber, dass die alten Milieus selb­st bei den Jun­gen
nach­wirken, was am Ein­fluss der Erwach­se­nen, der Eltern und Lehrer
liegen muss.

Führt das zur Verk­lärung der DDR?

Ja, ger­ade bei jun­gen Leuten im Osten. Viele hal­ten die DDR für ein
soziales Sys­tem, wo jed­er Arbeit hat­te, wo es soziale Gebor­gen­heit,
Sol­i­dar­ität gab. Kri­tis­ches wie fehlende Demokratie und Reise­frei­heit
sieht man zwar auch. Aber das Soziale wird über­höht. Aus­ge­blendet wird,
dass das auch zu Unselb­st­ständigkeit des Einzel­nen, zu Ent­mündi­gung
geführt hat.

Die Iden­ti­fika­tion der Ost­deutschen mit der DDR ist heute also größer
als vor 1989?

Auf jeden Fall: Weil es heute um eine ide­al­isierte DDR geht, nicht mehr
um die reale. Die reale DDR wollen inzwis­chen wirk­lich nur noch ein paar
ide­ol­o­gis­che Beton­bauer zurück, wahrschein­lich nicht ein­mal zehn Prozent
der Ost­deutschen.

Inwiefern „tick­en“ Ost­deutsche anders als West­deutsche?

Man merkt es zum Beispiel am ver­bre­it­eten Glauben, dass der Staat alles
richt­en muss, an der Men­tal­ität, dass es möglichst keinen Stre­it geben
darf. Dazu passt, dass sich Ost­deutsche häu­fig per­sön­lich ange­grif­f­en
fühlen, selb­st wenn es um sach­liche Dif­feren­zen geht. Man sieht es aber
auch an der gerin­geren Bere­itschaft, sich zu engagieren. Da ist vieles
kaputt gegan­gen nach 1990. Frei­williges ehre­namtlich­es Engage­ment ist im
Osten, seit der Druck weg ist, wesentlich geringer aus­geprägt als im
West­en.

Dauert es wegen der men­tal­en Unter­schiede so lange bis zur „inneren
Ein­heit“?

Ja, denn Men­schen verän­dern sich nicht auf Knopf­druck. Der Wech­sel von
Sys­te­men, von Insti­tu­tio­nen dauert immer lange. Man kann das bis in den
All­t­ag hinein beobacht­en: Viele Fahrzeuge mit ost­deutschen Kennze­ichen
fahren immer noch auf der linken Spur. Früher fuhr man links, weil die
linke Spur bess­er war. Ganz viele Ange­wohn­heit­en sitzen eben tief, nicht
nur im Osten, auch im West­en.

Was hat Poli­tik nach 1990 falsch gemacht?

Man hat naiv geglaubt, dass sich mit der Über­nahme der bun­des­deutschen
Insti­tu­tio­nen, der D‑Mark alles von selb­st regelt. Man hat kul­turelle,
men­tale Prä­gun­gen unter­schätzt. Man hat die Vere­ini­gung über Geld und
Insti­tu­tio­nen, nicht über gemein­same Werte ver­mit­telt. Das war der
zen­trale Fehler. Und: Man hat die Ost­deutschen, ähn­lich wie die SED, oft
wie kleine Kinder behan­delt.

Gibt es die von Jörg Schön­bohm beklagte „Ver­pro­le­tarisierung“ durch die
SED?

Richtig ist, dass man die bürg­er­lichen Schicht­en, die Bil­dungselite, die
ökonomis­che Elite, Kün­stler ver­trieben hat – und das über die ganze Zeit
der DDR. Das hat natür­lich Fol­gen, bis heute. Der Begriff
Pro­le­tarisierung trifft aber nicht den Kern. Die SED hat zwar den
Pro­le­tari­er als kul­turelles Leit­bild auserko­ren, aber das war nicht der
von Marx und Engels. Es war der SED-Pro­le­tari­er, wozu auch die Leute in
der NVA oder beim MfS zählten. Es war also im Grunde keine
Pro­le­tarisierung, son­dern eine Ver­for­mung der Gesellschaft nach einem
ide­ol­o­gis­chen Bild vom Arbeit­er: Wal­ter Ulbricht und Erich Honeck­er als
ober­ste Pro­le­tari­er.

Dabei war die DDR ein zutief­st klein­bürg­er­lich­er Staat.

Es war jeden­falls ein spießiger, bieder­er Staat. Aber es war auch ein
Staat der kleinen Leute, der armen Schweine. Der SED ist es ja nicht
gelun­gen, den neuen Men­schen zu kon­stru­ieren. Gott sei Dank lassen sich
Men­schen nicht beliebig for­men. Son­st wäre die DDR nicht unterge­gan­gen.

Ste­hen die so lange nach­wirk­enden alten Denkmuster nicht im Wider­spruch
dazu?

Über­haupt nicht, die Leute haben damals vielle­icht noch stärk­er gespürt,
dass die Indok­tri­na­tion nicht mit der Leben­sre­al­ität übere­in­stimmt. Aber
trotz­dem blieb offen­bar etwas hän­gen. Man merkt es am alten
Fre­und-Feind-Denken. In der DDR wurde schon in der Schule zum
Klassen­hass erzo­gen, was damals viele gar nicht wahrhaben woll­ten. Heute
aber bricht das bisweilen durch, wie sich auch an Hass-Reak­tio­nen auf
Schön­bohm und Stoiber zeigt. Warum soll ein frus­tri­ert­er Herr Stoiber
nicht sagen dür­fen, dass er die Wäh­ler der Linkspartei für frus­tri­ert
hält? Warum m&uuml
;ssen dann die Nicht-Frus­tri­erten in Ost­deutsch­land die
Frus­tri­erten vertei­di­gen? Die Fol­gen der DDR wer­den wohl erst über­wun­den
sein, wenn die Ost­deutschen auf kri­tis­che Äußerun­gen sou­verän reagieren
und nicht empört wie kleine Kinder. Wäre für diesen Men­tal­itätswech­sel
in Ost­deutsch­land eine ost­deutsche Kan­z­lerin wom­öglich hil­fre­ich?

Das sollte man keines­falls unter­schätzen. Selb­st wenn Angela Merkel von
ein­er Mehrheit der Ost­deutschen nicht gewählt wird, hätte eine
ost­deutsche Bun­deskan­z­lerin natür­lich Auswirkun­gen auf die
Befind­lichkeit­en im Osten, aber nicht nur dort. Eine Bun­deskan­z­lerin aus
dem Osten würde lieb gewonnene Vorstel­lun­gen und Hier­ar­chien in
Deutsch­land gehörig durcheinan­der wirbeln.

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