12. Juli 2004 · Quelle: Indymedia

Erich-Mühsam-Gedenkdemo in Oranienburg

(klassen­be­wusster Anar­chist auf Indy­media) Trotz des Naz­iüber­griffs in Schwe­den, kon­nten Faschis­ten trotz zahlen­mäs­siger Stärke die Antifa-Demo nicht angreifen. Die Antifa-Demo dafür war keine Gedenkde­mo an Erich-Müh­sam son­dern eine Belei­di­gung an alle die Erich Müh­sam schon ein­mal gele­sen haben. Ausser­dem wur­den zum Grossteil nur Lügen über ihn ver­bre­it­et und die “AntifaschistIn­nen” macht­en nur grosse Ange­ber­sprüche gegen die dort heimis­che Bevölkerung und gedacht­en Müh­sam gar nicht. Ein Bericht aus Anar­chis­tis­ch­er Sicht.

Wenn Müh­sam noch Leben würde, wäre er in O‑Burg Irre gewor­den.

Wir kamen mit als erste an in Oranien­burg (bei Berlin) an. Ich lief die Treppe herunter da kam mir schon ein Nazi aus “East Berlin” ent­ge­gen. Ich fragte ihn im vor­beige­hen ob er aus Hohen­schön­hausen käme, da nervte mich schon ein Pots­damer Bulle das ich hier lang zu gehen hätte.

Ich wurde durch­sucht und mir wurde gesagt das ich alle “Fah­nen­stan­gen” auf 1,50 m zu brechen hätte. Also die Polizei war von vorn­here­in aggres­siv. Nun standen wir zu zehnt aufm Bahn­hofsvor­platz. Um uns herum waren cir­ca 25 bis 30 Nazis die sich das ganze mal anschauen woll­ten. Men­sch kann nicht sagen das sie beson­ders aggres­siv waren. Zumin­d­est ver­zo­gen einige von ihnen die Miene.

Als sie immer­wieder an uns vor­beiliefen rief Ich ihnen zu: “Schwarz Front! Es lebe die Anar­chie!” und wollte sie provozieren indem ich sie als “Genossen!” ansprach, doch die vier­er Grup­pen antworteten nicht. Naja das war alles rel­a­tiv lang­weilig, weil die Nazis alle ca 50 Meter weit weg waren, aber verteilt standen und nicht zusam­men. Ins­ge­samt 4 Grup­pen. Vom Bahn­hof ganz links ca 7 bis 10 Black Block Nazis, ein­er mit grossem Anar­chie “A” aufm Sweat­shirt, weit­er rechts an der Ampel zwei bis drei Beobachter. Noch weit­er rechts wieder eine andere 10er Gruppe “clas­sic style” und am Bahn­hof direkt in der Bus-Halte-Stelle 5 ein­heimis­che Nazis. Die meis­ten Oranien­burg­er Nazis waren wohl “Spass haben” in Berlin bei der Love-Parade-Ersatz Demo.

Einen Zug später kamen Pos­er-AntifaschistIn­nen. Eine zehn­er Gruppe ging zu den Black-Block Nazis und rotzte sie an.

Die Demon­stra­tion ging erst cir­ca halb vier oder später los. Es waren ins­ge­samt 200 Men­schen. Vorne waren eine Schwarze, eine Rote und eine Schwarz-Rote Fahne. Und ein Bünd­nis­tran­spi. Hin­ten lief ein 10 anar­cho-syn­dikalis­tis­che Fah­nen und ein cir­ca 30 bis 50 Men­schen stark­er anar­cho-syn­dikalis­tis­ch­er Block der FAU (Freie Arbei­t­erIn­nen Union). Zur Demo aufgerufen hat­ten ja Grup­pen wie: die Antifaschis­tis­che Gruppe Oranien­burg, VVN-BdA Berlin-Pankow, JungdemokratInnen/Junge Linke Bran­den­burg, Antifa Weißensee, Naturfre­un­de­ju­gend Berlin, Jugend Antifa Friedrichshain, das All­ge­meine Syn­dikat Berlin (FAU), Antifaschis­tis­che Aktion Pots­dam (AAPO), Novo Berlin, Antifaschist­siche Ini­tia­tive Reinick­endorf (AIR), Kleine Fiese Antifa (KFA) Bernau, Jugend Antifa Belzig (JAB), HUm­mel Antifa Berlin, AK Antifa Pots­dam, Antifa Erkn­er, Zeuthen­er Antifa Gruppe (ZAG), Antifa Wed­ding (AKW), Autonome Antifa Frankfurt/Oder (AA-FO) usw.usf.

Eine Gruppe die ich unbe­d­ingt noch erwäh­nen möchte ist eine Greif­swalder Antifa-Gruppe. Men­sch kann ein Grossteil der Grup­pen zu dem Anti-Nationalen und auch ein paar andere (auch vertretene) zu dem (gemäs­sigteren) Anti­deutschen Spek­trum zurech­nen. Da Zeit­gle­ich in Kreuzberg eine Anti­deutsche Demo stat­tfand waren keine Israelisch-Nation­al­is­tis­chen Fah­nen­schwenker in Oranien­burg.

Die Demo hieß “Game Over Oranien­burg!” und der Grundtenor war: Alle Oranien­burg­er sind Nazis. Das wurde den Oranien­burg­erIn­nen auch so die ganze Zeit über ver­mit­telt. Leute wur­den als Nazis angepö­belt, die keine waren und andere “offen­sichtliche” Nazis nicht beachtet.

Die Demo ging die Stral­sun­der Strasse hoch zur Bernauer: “Wir sind toll, wir sind krass! Antifa da geht noch was.”. Wir liefen vorne und aussen. Da riefen Kom­mu­nis­ten zu uns: “Rei­ht euch in den Block ein!”

Ich brüllte ihnen zurück ich sei Anar­chist und würde nicht darauf acht­en was mir das ZK der Kom­mu­nis­ten befehle!

Ich lief die ganze Zeit mit einem Oranien­burg­er Anar­chis­ten, der mir zeigte wer Nazi ist und wer nicht. Wir liefen die meiste Zeit ausser­halb der Demo, mussten uns aber immer­wieder von irgendwelchen “Schwarzen Kaputzen” die sich wohl sel­ber auch als Anar­chistIn­nen sehen sagen lassen was wir zu tun hät­ten und was nicht.

Die grab [Gruppe Raus Aus Berlin] hat­te einen “Offe­nen Brief an die Berlin­er Linke” raus­geschickt, indem sie emp­fahl auf “Linke Struk­turen” vor Ort einzuge­hen und ihr Anliegen zu berück­sichti­gen. Das ist über­haupt nicht geschehen. Die A.G.O., sel­ber Sym­pa­thisierend mit den Anti­deutschen Kom­mu­nis­ten, hielt ent­ge­gen Bünd­nis-Absprachen eine “Sol­i­dar­itäts-Erk­lärung” mit der Berlin­er Anti­deutschen Demo in Berlin-Neukölln-Kreuzberg obwohl in dem Bünd­nis ganz klar Anar­chis­tis­che Grup­pen dage­gen waren. Die Oranien­burg­er Anar­chistIn­nen mit denen ich unter­wegs war, waren zum Anfang der Antifa aufgeschlossen gegenüber. Zum Schluss schmis­sen sie alle “Antifa-Stick­er” in den Dreck und mein­ten, das die Antifa nicht wesentlich bess­er sei als die Recht­en in Oranien­burg. Warum? das erfahrt ihr gle­ich!

Die ganze Demo über schwirrten cir­ca 70 bis 100 Nazis um die Demon­stra­tion herum sie waren zum grossteil zwis­chen 14 und 18 Jahre alt. Die Demo lief die Bernauer Strasse und die Berlin­er Strasse. Bog bei der Polizei­wache in die Erich Müh­sam-Strasse und lief durch den Plat­ten­bau. Immer­wieder hiel­ten uns nicht nur Bullen, son­dern auch Antifas davon ab, zu den Nazis zu gehen.

Der FAU-Block sang “A las Bar­ri­cadas” auf Deutsch und Ton Steine Scher­bens “Die let­zte Schlacht gewin­nen wir” als die Demo bei fünf 16 jähri­gen Nazis ste­hen blieb und gegen sie Protestierte.

Mit dem Oranien­burg­er sah ich viele Inter­essierte Jugendliche am Rand ste­hen, die “unpoli­tisch” ange­zo­gen waren. Als sie aber Sprüche wie “Wir hauen alles kurz und klein!” und Anti-Deutsche Sprüche hörten waren sie ziem­lich angepisst und gegen die Demo.

Nun nahm die Demon­stra­tion eine “hem­mungslose” Wende. Als wir aus dem Plat­ten­bau wieder raus kamen und die Berlin­er Strasse nach Nor­den gin­gen lief die Demon­stra­tion am Erich-Müh­sam-Denkmal vor­bei. Nur der FAU-Block blieb ste­hen und ehrte Müh­sam. Als einige FAUis­tas “Ihr seid Doof!” riefen blieb auch ser Rest der Demo 30 Meter weit­er ste­hen. Beim Denkmal standen Leute aus dem FAU-Block und macht­en “Schweige-Minuten”. Endlich legte der “VVN-BdA” seinen Kranz nieder.

Die Dum­men Men­schen im Laut­sprecher­wa­gen erzählten: “Erich Müh­sam war ein Anti­deutsch­er Kom­mu­nist. Der die Deutsche Gesellschaft abgrundtief hasste…ausserdem war er gegen die Deutsche Volks­ge­mein­schaft” Es waren Proteste der Anar­chistIn­nen von der FAU zu hören. Es wurde erzählt das Erich Müh­sam “ver­gasst” wor­den sei und dann (in meinem Gedächt­nis) mit einem Lachen: “Hihi­hi­hi, tschuldigung” wieder rev­i­diert.

Erich Müh­sam sei nätür­lich nicht nur Kom­mu­nist son­dern auch noch “JUDE” gewe­sen. Soweit ich weiss war er Anar­chist und das schliesst das “religiös sein” aus. Jed­er His­torik­er weiss das Erich Müh­sam nach ein paar Wochen KPD-Mit­glied­schaft anfang der Weimar­er Zeit sich den “kom­mu­nis­tis­chen Anar­chis­ten” Kropotkins anschloss, dort Auseinan­der­set­zun­gen mit dem späteren Stal­in­is­ten und Sozialdemokrat­en Her­bert Wehn­er hat­te. Im let­zten Jahr der Weimar­er Repub­lik ging er mit der Begrün­dung: “Er gehe zu den Arbeit­ern” nicht zur KPD son­dern zur FAUD/AS (Freie Arbeit­er Union Deutsch­lands /An­ar­cho-Syn­dikalis­ten) ist dort einge­treten und im Zuge des soge­nan­nten “Röhm Putsches”, der auch vor 70 Jahren war, von der SS in Oranien­burg ermordet wor­den. Der kom­mu­nis­tis­che Anar­chis­mus hat nichts mit ”
marx­is­tis­chem” Kom­mu­nis­mus wie ihn die Antifa ver­ste­ht zu tun!!!

Die Demo ging los und erst als die Antifa-Demo 100 Meter weitweg war gin­gen die Leute mit den Schwarz-Roten und FAU-Fah­nen los. Allerd­ings auf Drän­gen der Polzei: “Der Ver­anstal­ter habe gesagt…” Nun lief die FAU mit einem 50 Meter Abstand zur Antifa-Demo.

Die Antifa-Demo, die aus dem LAUTI erfahren hat­te, dass Müh­sam: Ein Jude und Ein Anti­deutsch­er war der “ver­gasst” wurde, wurde nun Belehrt das Müh­sam ein Anhänger des “Pro­to-Faschis­ten Sil­vio Gesell” gewe­sen sei…

Es ist wahr, dass Müh­sam und Gesell sich aus der Münch­en­er Rätere­pub­lik kan­nten, wo Gesell ja Finanzmin­is­ter war. Aber genau­so gut kön­nte men­sch behaupten Müh­sam und Lan­dauer seien Anhänger vom Führer des “Nation­al-Rev­o­lu­tionären Wider­standes” Ernst Niekisch gewe­sen. Denn der “Nation­al-Bolschewist” Niekisch war ja eine Zeit lang Vor­sitzen­der der Münch­en­er Rätere­pub­lik wo Müh­sam und Lan­dauer beteiligt waren. Gus­tav Lan­dauer wurde ja schon bei der Zer­schla­gung der Münch­en­er Rätere­pu­bik bes­tialisch gefoltert und abgeschlachtet. Etwas ähn­lich­es geschah ja auch mit Erich Müh­sam in Oranien­burg.

Aber Erich Müh­sam noch nicht genug durch den Dreck gezo­gen wurde jegliche Kom­pe­tenz abge­sprochen. “Schliesslich war er ja nur ein Kün­stler und kein The­o­retik­er”. Aus dem weit­er hin­ten ent­fer­n­ten FAU-Block kamen immer wieder Protest-Rufe und “Lügn­er” rufe, ausser­dem Buchti­tel wo er pro­gram­ma­tisch war: “Ihr habt Müh­sam ja gar nicht gele­sen!”. Wenn das Demo-Mot­to: “Sich fügen heisst Lügen!” war, so kann doch fest­gestellt wer­den das sich die Antifa-Demo gefügt hat. Trotz weit­er­ver­mit­tel­ter Erfahrung aus der Gruppe Raus Aus Berlin benahm sich die Berlin­er Linke (aber auch die andere Auswär­tige Linke) voll daneben. Und kippte die Stim­mung nicht FÜR SICH son­dern GEGEN SICH! Der FAU-Block lief bis zum Bahn­hof in rel­a­tivem Abstand zum Rest der Demo.

Bre­ite-Berlin­er-Bernauer beschlossen Anar­chistIn­nen, ein­er sog­ar mit Krück­en die von den Nazis am Vor­abend zer­störten “Geschicht­stafeln” wieder aufzustellen um die “Ehre” von Müh­sam wieder herzustellen. Als diese Gruppe wieder zur Demo wollte, war diese schon 200 m ent­fer­nt. Die Pots­damer Ein­satzhun­dertschaft schub­ste und pöbelte die Gruppe von 10 Leuten an und wollte dem mit den Krück­en anzeigen, weil er nicht schneller kon­nte. Immer wieder schub­sen und abfäl­lige Bemerkun­gen.

Es muss wohl Lehnitz-Strasse gewe­sen sein das diese Gruppe die Demo wieder ein­holte. Inzwis­chen erfuhren wir vom Laut­sprecher­wa­gen, das Erich-Müh­sam auch nur ein Men­sch war. Die Oranien­burg­er Anar­chistIn­nen und Nor­mal-Jugendliche mit denen ich die Ganze Zeit lief waren von der Antifa angekotzt und san­gen Parolen gegen die “Antifaschos” weil die ja meinen “dass alle Oranien­burg­er Men­schen Nazis seien”. Sie liefen mit mir auf den Rück­weg im FAU-Block (oder Demo) und sahen schon einen Unter­schied zwis­chen “der FAU” und “den Antifas”.

Kaum war die Demo am Bahn­hofsvor­platz schon war sie in den S‑Bahn-Zügen und der Alb­traum fuhr wieder Rich­tung Berlin.

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