31. Januar 2005 · Quelle: MOZ

Erinnerung nicht verwässern!

(Doris Steinkraus, MOZ) SEELOW Rund 300 Gäste nah­men gestern an ein­er wis­senschaftlichen Kon­ferenz im Kreiskul­turhaus teil, mit der in Märkisch-Oder­land offiziell der Ver­anstal­tungsreigen zum Ende des Zweit­en Weltkrieges eröffnet wurde. Gast­ge­ber waren der Land­kreis und die Lan­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung.

Zu DDR-Zeit­en habe es zweifel­los eine zu ein­seit­ig aus­gerichtete Betra­ch­tung auf die Ereignisse gegeben. Doch eine Vok­a­bel wollte der Präsi­dent des Land­tages, Gunter Fritsch, mit Blick auf 60 Jahre Kriegsende ganz offiziell genan­nt wis­sen — Befreiung. Deutsch­land, Europa und die Welt sei von dem men­schen­ver­achte­tenden Naziregime befre­it wor­den. Diese his­torische Tat­sache sollte nie­mand aus­blenden. “Erin­nerung darf nicht ver­wässert oder über­lagert wer­den”, mah­nte Fritsch mit Blick auf die Ereignisse im säch­sis­chen Land­tag. Es werde immer Kon­flik­te in der Welt geben. Sie gewalt­frei zu lösen, sei eine Fähigkeit, die Men­schen erler­nen müssten. “Und es ist unsere Auf­gabe, der Jugend unsere Erfahrun­gen weit­erzugeben.”

Gunter Fritsch erin­nerte daran, dass bis heute Tausende Gefal­l­ene unter­schiedlich­er Nation­al­itäten in märkischem Boden ver­schar­rt liegen. Er würdigte die jahrzehn­te­lange Arbeit des Umbet­ters Erwin Kowalke aus Buck­ow, “der es sich zur Leben­sauf­gabe gemacht hat, den unzäh­li­gen Namen­losen eine Iden­tität zu geben”. Der amtierende Lan­drat Michael Bonin machte deut­lich, dass der 60. Jahrestag die let­zte Möglichkeit darstelle, mit Men­schen, die das schreck­liche Geschehen bewusst miter­lebt haben, ins Gespräch zu kom­men. Bonin zitierte Richard von Weizsäck­er, der schon vor 20 Jahren mah­nte: “Wer vor der Ver­gan­gen­heit die Augen ver­schließt, wird blind für die Gegen­wart.”

In den Vorträ­gen des Tages wurde die strate­gis­che Bedeu­tung der einzel­nen Aktio­nen sowohl der Roten Armee als auch der Wehrma­cht und der Alli­ierten deut­lich. Längst sei den Gen­erälen der Wehrma­cht klar gewe­sen, dass der Tag der Nieder­lage naht. Pro­fes­sor Dr. Rolf-Dieter Müller vom Mil­itärgeschichtlichen Forschungsamt Pots­dam ließ die Ereignisse Revue passieren. Im Jan­u­ar 1945 hat­te sich die Weich­sellinie aufgelöst. Die Ver­bände der Wehrma­cht zogen sich zur Oder­lin­ie zurück. In erbit­terten Gefecht­en wur­den der Roten Armee schwere Ver­luste beige­bracht.

Die große Offen­sive, die am 16. April mit der Erstür­mung der Seelow­er Höhen begann, hätte jedoch ganz offen­sichtlich nicht so ver­lus­tre­ich sein müssen, wie sie let­ztlich war. Das machte Müllers His­torik­er-Kol­lege Kurt Arlt vom gle­ichen Insti­tut in seinem Vor­trag deut­lich. “Mit der Schlacht um die Seelow­er Höhen erwarb sich die Rote Armee kein Ruhmes­blatt”, stellte Arlt klar. Und belegte es mit inter­es­san­ten Details. Gen­er­al Shukow wollte bere­its im Feb­ru­ar den großen Angriff starten. Das jedoch lehnte Stal­in mit seinem Stab ab. Man wollte den Angriff auf sichere Füße stellen. Dass die Schlacht um die Seelow­er Höhen oft im Schat­ten der Berlin­er Ereignisse stand, habe schlichtweg auch mit der wenig ruhm­re­ichen Kampf­führung Shukows zu tun gehabt. Schon 1946 habe es eine Kon­ferenz gegeben, in der man über die immensen Opfer bei dieser Oper­a­tion referierte. Es sei deut­lich gewor­den, dass hier viele fehler­hafte Entschei­dun­gen getrof­fen wur­den, die zusät­zliche Tote bescherten und die nor­maler­weise Fälle für ein Kriegs­gericht waren. Arlt nan­nte Beispiele. Shukow habe eine völ­lig überdi­men­sion­ierte Dichte an Men­schen und Gerät auf­marschieren lassen. So fehlte den Panz­ern die nötige Bewe­gungs­frei­heit. Mitunter wurde die eigene Infan­terie über­fahren wie auch Bomber der Roten Armee eigene Stel­lun­gen trafen, weil die Aufk­lärung mehr als man­gel­haft war.

Auch der Ein­satz der Flakschein­wer­fer stelle sich als unsin­nige — deshalb wohl auch ein­ma­lige — Aktion dar. Shukow wollte damit mil­itärisches Neu­land betreten, fand aber in den eige­nen Rei­hen viele Kri­tik­er. Die Schein­wer­fer soll­ten die deutschen Stel­lun­gen auf den Seelow­er Höhen bloß stellen. In Wirk­lichkeit sorgten die unzäh­li­gen Granat- und Geschos­sein­schläge für undurch­dringliche Wolken aus Rauch und Staub, die die Sicht sog­ar noch erschw­erten.

In kein­er anderen Schlacht des Krieges, wed­er bei Stal­in­grad noch bei Moskau oder Kursk, habe es so hohe Tages-Ver­luste gegeben wie bei der Oper­a­tion Berlin, so der His­torik­er. Im Durch­schnitt star­ben täglich mehr als 15 700 Sol­dat­en oder wur­den ver­let­zt. Shukows Armee hat­te mehr als 200 000 Tote zu bekla­gen, mehr als 150 000 wur­den ver­let­zt. Und das seien nur die von der Gen­er­al­ität eingeräumten Ver­luste. Gut möglich, dass sie noch höher waren. Alles in allem sei diese let­zte große Schlacht keine Meis­ter­leis­tung der sow­jetis­chen Kriegs­führung gewe­sen und habe wohl auch deshalb nie so im Mit­telpunkt ges­tanden.

Der Leit­er des Deutsch-Rus­sis­chen Muse­ums Berlin-Karl­shorst, Dr. Peter Jahn, deut­lich, wie sich die Erin­nerung an den Krieg auch in der Sow­je­tu­nion gewan­delt hat. So lange Stal­in lebte, war er der große Lenker, dann war es das Volk. Heute jedoch sehe man das Agieren der Roten Armee dif­feren­ziert, räume ein, dass es Straf­batail­lone und viele Über­griffe auf die deutsche Zivil­bevölkerung gab. Bis heute eine jedoch der Sieg der Roten Armee über Hitlerdeutsch­land die Völk­er der ein­sti­gen Sow­je­tu­nion. Junge Braut­leute wür­den bis heute an den Kriegs­denkmälern Kränze nieder leg­en. Zu der Kon­ferenz waren alle weit­er­führen­den Schulen des Kreis­es ein­ge­laden. Lediglich das Ober­stufen­zen­trum Märkisch-Oder­land nutzte das Ange­bot. Eine kleine Gruppe ver­fol­gte die Kon­ferenz, wobei beson­ders der erste sehr wis­senschaftlich gehal­tene Vor­trag schwere Kost bedeutete. Er set­zte viel Detailken­nt­nis voraus.

Zu den Gästen gehörten neben Vertretern zahlre­ich­er Insti­tu­tio­nen und Ein­rich­tun­gen Vertreter der Botschaft der Rus­sis­chen Förder­a­tion und des Rus­sis­ches Haus­es für Kul­tur in Berlin. Auch der Vize-Lan­drat des pol­nis­chen Part­nerkreis­es Mys­li­borz nahm an der Kon­ferenz teil. Beim Sturm auf die Seelow­er Höhen agierten rund 9000 Sol­dat­en der Pol­nis­chen Armee. Etwa 5000 fan­den den Tod.

Teil­nehmer ver­wiesen auf die Notwendigkeit kor­rek­ter For­mulierun­gen. So sei im Zusam­men­hang der Schlacht­en immer wieder von rus­sis­chen Sol­dat­en und der rus­sis­chen Armee die Rede. Solch eine For­mulierung schließe die Beteili­gung der vie­len anderen Nation­al­itäten — von Ukrain­ern über Weißrussen bis hin zu Mol­daviern aus. Gekämpft hat die Rote Armee bzw. Sol­dat­en der Sow­je­tu­nion.

Für den organ­isatorischen Part des Tages zeich­nete die Kul­tur GmbH ver­ant­wortlich. Das Team des Kul­turhaus­es wurde dabei von Auszu­bilde­nen der Kreisver­wal­tung und des Tech­nis­chen Hil­f­swerkes unter­stützt.

Als Rotarmist zurück nach Berlin

Seelow (dos/MOZ) Zu den weni­gen noch leben­den Zeitzeu­gen, die die Schlacht um die Seelow­er Höhen als Sol­dat miter­lebten, gehört der am 21. Juni 1924 in Berlin geborene Ste­fan Doern­berg. Der heute 80-Jährige nahm gestern an der Kon­ferenz in Seelow teil. Doern­bergs Fam­i­lie musste während der Naz­i­herrschaft ins Exil gehen. Ste­fan Doern­berg machte 1941 in Moskau das Abitur. Am Tag des Über­falls Deutsch­lands auf die Sow­je­tu­nion meldete er sich am 22. Juni 1941 frei­willig bei der Roten Armee. Er nahm als Leut­nant der 8. Gardearmee an den Kämpfen um Seelow teil.

Er wirk­te seit Beginn der 60er Jahre in der Friedens­be­we­gung der DDR, wurde 1971 Gen­er­alsekretär des DDR-Komi­tees für €päis­che Sicher­heit und Zusam­me­nar­beit, später dessen Präsi­dent. Von 1990 an wirk­te er im Deutschen Komi­tee für €päis­che Sicher­heit und Zusam­me­nar­beit bis zu dessen Auflö­sung im Jahre 2000 mit.

Er war Mit­glied des Beirates der Geden
kstätte Seelow, der sich in die inhaltliche Umstruk­turierung der Gedenkstätte ein­brachte. Über seine ungewöhn­liche Heimkehr vor 60 Jahren in sein Heimat­land berichtet Pro­fes­sor Ste­fan Doern­berg u.a. in der Rei­he “Seelow­er Hefte”. Im Teil 3 “Moskau-Seelow-Berlin” schildert er die Ereignisse von damals, set­zt sich dabei auch mit The­men wie Verge­wal­ti­gung oder Plün­derun­gen durch die Rote Armee auseinan­der. Das Heft ist in der Gedenkstätte erhältlich.Seelow/Neuhardenberg (dos/MOZ) “Oder­land. Rein­er Tisch” ist der Titel ein­er Ausstel­lung der schwedis­chen Bild­hauerin Han­na Sjöberg. Sie wird am 25. Feb­ru­ar um 18 Uhr im Kreiskul­turhaus Seelow eröffnet. Die Kün­st­lerin hat sich in ein­er ähn­lichen Ausstel­lung 1995 im Kun­st­spe­ich­er Frieder­s­dorf schon ein­mal mit der Prob­lematik der Vertrei­bung auseinan­derge­set­zt. Ihre ungewöhn­liche Insze­nierung von Erin­nerung galt der einst blühen­den preußis­chen Stadt Küstrin. “Ein Tisch für Küstrin” hat­te sie ihre viel­beachtete Ausstel­lung über­schrieben. Im Schloss Neuhard­en­berg wid­met sich die Ausstel­lung “Boden­funde. Oder­land” vom 20. März bis zum 8. Mai eben­falls der The­matik Kriegsende und die Fol­gen. Bei­de Ausstel­lun­gen wer­den von der Sparkasse Märkisch-Oder­land unter­stützt.

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