31. Januar 2005 · Quelle: MOZ

Nie vergessen: Schuldig sind wir”

(Heike Mild­ner, MOZ) Letschin. Wie haben Sie das Ende des Krieges vor 60 Jahren in der Oder­re­gion erlebt? Was bewegt Sie heute, wenn Sie an das Jahr 1945 denken? — fra­gen wir in unser­er Serie “60 Jahre danach”. Heute sind wir im Gespräch mit Ursu­la Fis­ch­er aus Sydowswiese über diese schwere Zeit.

Am 31. Jan­u­ar 1945 hütet Ursu­la Fis­ch­er mit hohem Fieber zu Hause in Sydowswiese das Bett. Eigentlich sollte sie jet­zt, wie schon im ver­gan­genen Kriegs­jahr, in der Heeres­mu­ni­tion­sanstalt Son­nen­burg Flu­gab­wehrgranat­en für den Kampf um den End­sieg drehen. Doch die 19-Jährige hat­te Schar­lach bekom­men, war ins Küstriner Lazarett gebracht und von dort nach Hause geschickt wor­den. Bis Gol­zow hat­te sie ein Wehrma­chts-LKW mitgenom­men. Von Gol­zow bis Sydowswiese war sie zu Fuß über die Felder gegan­gen. Ihre Eltern fie­len aus allen Wolken, als ihre Tochter Mitte Jan­u­ar auf ein­mal fiebernd und entkräftet vor der Tür stand.

In Son­nen­burg habe sie erlebt, wie Deutsche mit Men­schen umgin­gen, die nicht deutsch, nicht blond und nicht blauäugig waren. Vor ihren Augen hat­te damals ein Auf­se­her der Heeres­mu­ni­tion­sanstalt eine junge Zwangsar­bei­t­erin geschla­gen und zu Tode getreten. Weil ihr etwas vom Tisch gefall­en war. Die deutschen dien­stverpflichteten Frauen, die mit den Zwangsar­bei­t­erin­nen gemein­sam an dem Tisch arbeit­eten, wur­den angewiesen, kein Mitleid zu haben. Ursu­la Fis­ch­er kamen damals erste Zweifel an dem, was ihr beim Bund Deutsch­er Mäd­chen über die “Her­ren­rasse” gepredigt wor­den war.

Son­nen­burg ist nun knapp zwei Wochen her, die junge Frau kämpft mit dem Schar­lach. Die Russen sind noch weit, glaubt man den Nachricht­en aus dem Volk­sempfänger. An diesem 31. Jan­u­ar machen sich Ursu­las Vater und zwei andere Män­ner aus dem Dorf mit dem Rad auf den Weg nach Kienitz. Auf der östlichen Oder­seite wollen sie Baum­stubben zum Feuer­ma­chen roden. Die drei trauen ihren Augen kaum, als sie in Kienitz auf Sol­dat­en in der Uni­form der Roten Armee tre­f­fen — Spitzen der 5. Stoßarmee, erfährt man heute aus Geschichts­büch­ern. Die sagen etwas von “Damoi” zu den Sydowswiesern, sie sollen wieder nach Hause gehen. Dort glaubt ihnen kein­er so recht, was sie soeben gese­hen haben. Ein Wehrma­cht­sof­fizier auf Fron­turlaub in Kienitz benachrichtigt per Tele­fon das Oberkom­man­do der Wehrma­cht. Wer weiß, wie die Geschichte ohne diesen Anruf ver­laufen wäre …

Wenn Ursu­la Fis­ch­er erzählt, rückt, was nun 60 Jahre her ist, in greif­bare Nähe, wird fass­bar. Die zier­liche Frau, die ver­schmitzt lächelt, wenn man sich über die Zahl ihrer Leben­s­jahre ver­wun­dert zeigt, hat ein gutes Gedächt­nis und ist eine geübte Erzäh­lerin, die über den Fort­gang der Ereignisse nicht erst lange grü­beln muss.

Sie schildert die Odyssee der Fis­ch­ers nach der Räu­mung von Sydowswiese. In ein­er Woche wür­den sie die Russen wieder über die Oder getrieben haben, war von den Sol­dat­en zu hören. Einige Sydowswieser kamen bei Ver­wandten unter, die Fis­ch­ers fol­gten mit anderen der Route, die die deutschen Strate­gen ihnen nach und nach zuwiesen. Zuerst ging es nach Buschdorf. “Meine Mut­ter hat mich auf meinen Rodelschlit­ten geset­zt und bis Buschdorf gezo­gen.” Eine Decke im Rück­en und eine kleine Tasche war alles, was sie mit­nah­men. Die 19-Jährige hat­te immer noch hohes Fieber. Geflüchtet, ver­trieben, evakuiert? Schw­er zu sagen, meint Ursu­la Fis­ch­er, auch nach 60 Jahren.

Von Buschdorf zog die Fam­i­lie weit­er nach Worin und von dort nach Münchehofe. Ihr Vater sei dann noch zum Volkssturm nach Müncheberg ein­berufen wor­den. Ursu­la Fis­ch­er blieb mit ihrer Mut­ter und ein­er anderen Sydowswieserin und deren Tochter zusam­men. Per Son­derzug von Treb­nitz aus gelangten sie nach Glöwen, eine Sta­tion vor Wit­ten­berge und mit einem Pfer­de­fuhrw­erk weit­er nach Söl­lentin in der Prig­nitz. Dort kamen sie bei ein­er Bauern­fam­i­lie unter. Nach den Massen­quartieren der let­zten Wochen sei es den Vieren bis zum ersten Mai dort recht gut gegan­gen, erin­nert sich Ursu­la Fis­ch­er. Doch inzwis­chen waren in Söl­lentin die Russen mit weißen Fah­nen emp­fan­gen wor­den. Am 1. Mai befahlen sie den Flüchtlin­gen die Rück­kehr in ihre Heimat­dör­fer, sofern diese östlich der Oder lägen.

Zu Fuß macht­en sich die Sydowswieser von Söl­lentin auf den Weg nach Hause, ruht­en sich unter freiem Him­mel oder in Sche­unen aus, ernährten sich von Rhabar­ber und Brennnes­seln, hat­ten immer Hunger. Manch­mal schlossen sich ihnen andere an, dann wieder liefen sie zu viert. Ein­mal habe sie, als sie durch ein Dorf liefen, ein rus­sis­ch­er Sol­dat zu sich gerufen. Alle befürchteten das Schlimm­ste. Schließlich hörte man immer wieder von Verge­wal­ti­gun­gen. Doch die junge Frau kam unversehrt und mit Brot und einem Stück Speck wieder. “Schein­bar hab ich so elend aus­ge­se­hen von dem Schar­lach …”, bemerkt Ursu­la Fis­ch­er trock­en. Solche Erleb­nisse prä­gen sich ein.

Am 9. Mai endet der lange Fuß­marsch mit zer­fet­zten Schuhen und kaput­ten Füßen. Als sie den Letschin­er Kirch­turm gese­hen habe, habe sie auch wieder laufen kön­nen. In Letschin beka­men die Hun­gri­gen ein Brot von der Bäck­erei in der Ursu­la Fis­ch­er vor dem Krieg Lehrling gewe­sen war und zogen weit­er nach Sydowswiese.

Dort war kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. In der Früh­lingsluft lag Leichengeruch. Das erste, was die Heimgekomme­nen tat­en, war, die Gefal­l­enen zu begraben. Dann kam der Typhus. Wenn sie heute die Berichte von der Flutkatas­tro­phe höre, wisse sie nur zu gut, wovon die Rede sei, meint Ursu­la Fis­ch­er.

In den ersten Tagen hat­ten die Heimkehrer wed­er Stre­ich­hölz­er noch Feuerzeug. Was da ist, wird roh gegessen. Kein warmes Wass­er, um sich ein­mal richtig zu waschen, kein warmes Getränk. Die Russen teilen die Deutschen zur Arbeit ein. Die Zick­za­ck­gräben auf dem Deich wer­den zugeschaufelt. Wer arbeit­et, bekommt Brot. Ursu­la Fis­ch­er und andere Frauen schla­gen Pflöcke in den Boden und ziehen Markierungsleinen bei einem rus­sis­chen Minen­suchkom­man­do. Als sich ein­er der Sol­dat­en in der Pause eine Zigarette anzün­det, machen die Helferin­nen große Augen. Der Sol­dat braucht ein biss­chen, bis er begreift, dass es um sein Feuerzeug geht. Und er über­lässt es ihnen. Dieses Feuerzeug hät­ten sie gehütet wie ein Geschenk. Kein Geschenk des Him­mels, son­dern eins der vor­dem ver­has­sten Russen. Auch das prägt sich ein.

Fragt man Ursu­la Fis­ch­er nach ihrem Leben vor 60 Jahren, klagt sie nicht, sie schildert. Auch wenn es eben­so ent­behrungsre­ich war wie das ander­er ihrer Gen­er­a­tion. Sie sage nur, was sie selb­st erlebt habe, auch wenn andere sie vielle­icht für bek­loppt hiel­ten, meint Ursu­la Fis­ch­er kampfes­lustig. Auch die Deutschen hät­ten gelit­ten. Aber man dürfe nicht vergessen, dass sie den Krieg begonnen und viel Leid über andere Völk­er gebracht haben. Das sagt sie auch denen, die das heute nicht oder nicht mehr hören wollen.

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