26. Januar 2003 · Quelle: Opferperspektive / Tagesspiegel

Erneut zwei Zeugen wegen Falschaussage-Verdacht im Gerichtssaal verhaftet



Der Zeuge Michael L. (26), wohn­haft in Witt­stock, trat am gestri­gen siebten Ver­hand­lungstag vor dem Neu­rup­pin­er Landgericht, zunächst mit großer Selb­st­sicher­heit auf. Er wolle nun die Wahrheit sagen, erk­lärte der Mechaniker, nach­dem ihn Rich­terin Thaeren-Daik noch mal aus­führlich belehrt hat­te. Er habe gegen 4:00 Uhr in der Früh draußen vor der Disko in Alt-Daber im Auto gesessen und auf seinen Kumpel Daniel G. gewartet. Von dort habe er eine “Rangelei”; zwis­chen drei bis vier Leuten beobacht­en kön­nen, bei der ein­er dann zu Boden gegan­gen und “ein biss­chen mit den Füßen getreten wor­den”; sei. (…) “Ich dachte, es han­delt sich um eine ganz nor­male Schlägerei”;. Auch sein Kumpel G. hätte schon wieder im Auto neben ihm gesessen und das Geschehen mit ihm beobachtet. Sich­er war sich der Zeuge, den Angeklagten Mike Sch. dabei gese­hen zu haben, wie dieser zuge­treten habe. Die bei­den anderen hätte er nicht erken­nen kön­nen, so gestern auf mehrma­lige Nach­frage. Fün­fzehn bis zwanzig Leute hät­ten um das Geschehen drum herum ges­tanden, von denen er zwar “die Hälfte”; ken­nen will, gestern jedoch auf Grund­lage der Vor­lage von Licht­bildern, nie­mand mehr iden­ti­fizieren kon­nte. Auch will er nichts von einem Stein gese­hen und zunächst auch nichts davon gehört haben. Als sie schließlich los­ge­fahren seien, hät­ten er und sein Kol­lege um einen der Ver­let­zten herum fahren müssen, wie der Zeuge gestern auf Nach­frage bestätigte. Bevor sie dann endgültig wegge­fahren seien, hät­ten sie noch Michael W. ver­sprochen, bei Nach­frage, zu bestäti­gen, dass dieser mit ihnen in Waren gewe­sen sei. Dieses falsche Ali­bi für den geson­dert ver­fol­gten Michael W., hat­te der Zeuge in sein­er ersten polizeilichen Vernehmung auch entsprechend angegeben. Wegen Ver­dacht der Falschaus­sage und unter­lassen­er Hil­feleis­tung wurde Michael L. direkt nach sein­er Aus­sage noch im Gerichtssal ver­haftet.

Das gle­iche Schick­sal ereilte gestern den Zeuge Thomas K. (21), der ohne wenn und aber behauptete, an keinen Zeu­gen­ab­sprachen teilgenom­men zu haben, obwohl der Angeklagte Michael H. gestern erneut bestätigte, an einem Gespräch zum Zweck der Absprache, zwis­chen Thomas K., ein­er weit­eren Per­son und dem Angeklagten F., teilgenom­men zu haben. Daniel G. und Michel W., die bei­den Zeu­gen, die schon Fre­itag let­zte Woche aus dem Gerichtssaal ver­haftet wor­den waren und sich inzwis­chen wieder auf freiem Fuß befind­en, zogen es am gestri­gen Ver­hand­lungstag vor, die Aus­sage zu ver­weigern; bei­de hät­ten sich inzwis­chen einen Anwalt genom­men, wurde bekan­nt gegeben.

Von ein­er “Mauer des Schweigens”; sprach Staat­san­walt Clement mit Blick auf die Zuschauer­bänke, wo gestern erneut Fre­unde und Ver­wandte der Angeklagten saßen. Reich­lich gen­ervt schien auch die anson­sten eher ruhig wirk­ende Rich­terin Thaeren-Daik zu reagieren. Auf­grund des Aus­sagev­er­hal­tens der Zeu­gen sei es nur sehr schw­er möglich, sich ein Bild des Tat­geschehens zu machen, so die Rich­terin. Dabei scheint ihre größte Sorge darin zu liegen, dass der Prozess sich zeitlich in die Länge ziehen kön­nte. Frau Bateso­va, die Mut­ter des ver­stor­be­nen Kajrat, die als Neben­klägerin den Prozess aufmerk­sam ver­fol­gt, schüt­telte auch am gestri­gen Ver­hand­lungstag immer mal wieder den Kopf. Unfaßbar sind für sie die vie­len Lügen, die die Zeu­gen in diesem Prozess auftis­chen. Sie will nicht aufgeben und wird sich mit ihrer Anwältin Undine Wey­ers weit­er­hin in das Geschehen aktiv ein­mis­chen. “Ich will zumin­d­est wis­sen, was da passiert ist und warum mein Sohn gestor­ben ist”;, so erk­lärte sie in ein­er Prozess­pause.

Auf­grund der Absprachen, die ein Teil der bish­er gehörten Zeu­gen offen­sichtlich getrof­fen haben, ist auch die Tat­mo­ti­va­tion weit­er­hin nicht ein­deutig gek­lärt. Klar ist inzwis­chen — und dies haben bish­er fast alle Zeu­gen bestätigt -, dass die bei­den Opfer in der Disko als “Russen”; erkan­nt wur­den. Mehrere Zeu­gen berichteten auch, dass sie von anderen Diskobe­such­ern auf die bei­den aufmerk­sam gemacht wor­den waren. Der Zeuge Thomas K. beispiel­sweise, hat­te — wie ihm gestern die Neben­klagev­ertreterin Andrea Würdinger vorhielt — in sein­er ersten polizeilichen Vernehmung aus­ge­sagt, dass ihm die bei­den Aussiedler “aus­ländisch”; vorgekom­men seien. Zwar hät­ten sie “getanzt wie wir”;. Er hätte sich jedoch noch in der Disko über­legun­gen dazu gemacht, ob die “uns provozieren”; wollen.

Pro­voka­tion durch Anwe­sen­heit und später — wie ein­er der Angeklagten aus­sagte — durch “agres­sives Schnor­ren von Zigaret­ten”;, so kön­nte man zusam­men­fassen.

Nach drei weit­eren Prozessta­gen in der kom­menden Woche wird der Prozess bis Mon­tag, den 17. Feb­ru­ar unter­bochen, danach sind fünf weit­ere Prozesstage anber­aumt, um die “Mauer des Schweigens”; zu durch­brechen.

Prozess um Aussiedler­tod: Wieder Zeu­gen festgenom­men

Zwei Män­ner woll­ten mit Falschaus­sage die Angeklagten deck­en

(Tagesspiegel) Neu­rup­pin. Sie druck­sen, sie lügen, sie wis­sen von nichts: Die Fre­unde der fünf Angeklagten im Prozess zum gewalt­samen Tod des Aussiedlers Kajrat Batesov zeigen von sich von der Pflicht zur wahrheits­gemäßen Aus­sage ziem­lich unbeein­druckt. Entsprechend hart griff auch am gestri­gen siebten Prozesstag die Staat­san­waltschaft am Landgericht Neu­rup­pin wieder durch: Bere­its zum zweit­en Mal wur­den zwei Bekan­nte der angeklagten Clique noch im Gerichtssaal vor­läu­fig festgenom­men. Der 26-jährige Michael L. hat­te nach mehreren Aus­flücht­en zugegeben, er habe einem anderen Zeu­gen ein falsches Ali­bi für die Tat­nacht ver­schafft und bei den Ver­hören der Polizei gel­o­gen. Die Staat­san­waltschaft wirft Michael L. Falschaus­sage und ver­suchte Strafvere­it­elung vor — sowie unter­lassene Hil­feleis­tung. L. hat­te die Schläge und Tritte zumin­d­est gegen einen der bei­den am 4. Mai 2002 vor ein­er Witt­stock­er Disko mis­shan­del­ten Aussiedler beobachtet, ohne einzu­greifen. Nach L. trat der 21-jährige Thomas K. in den Zeu­gen­stand — und das Spiel wieder­holte sich: Auch K. wurde wegen mut­maßlich­er Falschaus­sage festgenom­men. Vor ein­er Woche ließ Staat­san­walt Kai Clement bere­its zwei Zeu­gen vor­läu­fig fes­t­nehmen, die dem Gericht falsche Aus­sagen aufgetis­cht hat­ten. Die jun­gen Män­ner kamen allerd­ings am sel­ben Abend wieder frei. Sie sollen sich nach ihrer Fes­t­nahme etwas bess­er an das Tat­geschehen erin­nert haben. Der­art gewarnt sagte auch Michael L. gestern offen­bar mehr aus, als er ursprünglich wollte, ohne jedoch die volle Wahrheit preiszugeben. L. hat­te in einem Pkw vor dem Ein­gang der Diskothek gesessen. Er habe gese­hen, wie sich eine “Rangelei” entwick­elte, sagte L. dem Gericht. Auf hart­näck­iges Nach­fra­gen durch die Vor­sitzende Rich­terin Gisela Thaeren-Daig berichtete L. dann Details. Der Angeklagte Mike Sch. habe mit drei Per­so­n­en eine Per­son
geschla­gen und “in den Bauchraum” getreten. Das Opfer sei zu Boden gegan­gen und weit­er geprügelt wor­den. Er selb­st sei etwa 20 Meter ent­fer­nt gewe­sen, sagte L. Den­noch habe er wed­er gese­hen, dass ein zweit­er Aussiedler zusam­mengeschla­gen wurde, noch dass ein Angreifer einen schw­eren Feld­stein auf Kajrat Batesov warf. Etwa 15 Leute, die vor dem Pkw standen, hät­ten ihm die Sicht versper­rt. Als ein Fre­und zu ihm ins Auto stieg, sei er los­ge­fahren und habe sich durch die Menge “geschlän­gelt”. Trotz Lück­en und Lügen kön­nte ein Detail der Aus­sage von L. noch Bedeu­tung erlan­gen. Der 26-Jährige gab an, bere­its vor Beginn “des Geschehens” habe ein Fre­und mit ihm vere­in­bart, einem weit­eren Kumpan ein Ali­bi zu ver­schaf­fen. Sollte dies zutr­e­f­fen, wäre die Ver­mu­tung der Neben­klage-Anwältin­nen bestätigt, der Angriff auf die Aussiedler sei in der Witt­stock­er Disko verabre­det wor­den und nach dem Ende der Tanzver­anstal­tung gezielt erfol­gt. Damit würde ein frem­den­feindlich­es Motiv der Blut­tat wahrschein­lich­er — und eine Ver­schär­fung der auf Totschlag lau­t­en­den Anklage möglich, hin zu gemein­schaftlich began­genem Mord aus niederen Beweg­grün­den.

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