7. Mai 2005 · Quelle: Tagesspiegel

Es gibt eine Germano-Zentriertheit im Gedenken”


Gün­ter Morsch, Leit­er der KZ-Gedenkstätte Sach­sen­hausen, über deutsche
Nabelschau in der Erin­nerung ans Kriegsende und eine ver­passte Chance für
Oranien­burg

Wie erk­lären Sie sich, dass 60 Jahre nach Kriegsende das Inter­esse daran
stärk­er ist als zum 50-jähri­gen Gedenken?

Das stärkere Inter­esse bezieht sich sich­er nicht in erster Lin­ie auf die
Geschichte der Konzen­tra­tionslager, auf die Geschichte der Opfer. Größeres
Inter­esse find­et stattdessen das Schick­sal der Deutschen. Es gibt heute eine
Art Ger­manoZen­tri­ertheit. Das ist ein entschei­den­der Unter­schied zum 50.
Jahrestag. Man schaut weniger auf die Opfer als auf den eige­nen Bauchn­abel.

Das macht Ihnen Sorge?

Zweifel­los. Wir dacht­en, dass Weizsäck­ers Rede von 1985, in der der 8. Mai
unmissver­ständlich ein Tag der Befreiung genan­nt wurde, einen Stand
markiert, hin­ter den man nicht zurück­fall­en kann. Aber dieser Kon­sens
scheint zu bröck­eln. Und er bröck­elt inzwis­chen auch in den intellek­tuellen
Schicht­en. Vor zehn Jahren gab es zwar auch Ver­suche, die Ver­brechen zu
rel­a­tivieren, aber dem ist entsch­ieden ent­ge­genge­treten wor­den. Da sind wir
heute in ein­er anderen Sit­u­a­tion. Das führt auch erkennbar zu Res­ig­na­tion
bei ehe­ma­li­gen KZ-Häftlin­gen. Natür­lich hat diese Stim­mung auch mit dem
Recht­sex­trem­is­mus zu tun, der sei­ther nicht zurück­ge­gan­gen ist. Und dazu
kommt nun die ver­stärk­te Hin­wen­dung der Deutschen zu sich selb­st hinzu. Das
macht den Über­leben­den Sorge.

Wie verän­dert sich das Gedenken, wenn die Zeitzeu­gen tot sind?

Die For­men des Erin­nerns und Gedenkens befind­en sich in einem Prozess des
Wan­dels. Die KZ-Gedenkstät­ten dür­fen nicht nur inter­na­tionale Fried­höfe,
son­dern sie müssen immer stärk­er auch mod­erne zei­this­torische Museen sein.
Außer­dem geht es nicht nur um die Erin­nerung an die konkreten his­torischen
Zusam­men­hänge, son­dern immer mehr auch um prinzip­ielle Fra­gen men­schlichen
Ver­hal­tens, die sich im KZ-Sys­tem offen­barten. Die Gedenkstät­ten müssen sich
auch für Diskus­sio­nen über zukün­ftige gesellschaftliche Entwick­lun­gen
öff­nen, zum Beispiel über die Frage der Wieder­hol­barkeit von Genozi­den. Wir
müssen ver­stärkt wis­senschaftliche Forschung und mod­erne päd­a­gogis­che
Meth­o­d­en inte­gri­eren, und so auf die verän­derten Wahrnehmungsweisen von
Jugendlichen einge­hen.

Wie soll das ausse­hen?

In der alten Bun­desre­pub­lik waren KZ-Gedenkstät­ten Orte, die eher auf
schuld­di­dak­tis­che Meth­o­d­en hin ori­en­tiert waren. Das hat sich verän­dert. Wir
in Sach­sen­hausen sind heute sowohl ein mod­ernes Muse­um als auch eine mod­erne
Bil­dungsstätte, die den Ver­gle­ich mit dem Jüdis­chen Muse­um in Berlin oder
dem Holo­caust-Muse­um in Wash­ing­ton nicht zu scheuen brauchen. Es gibt neue
For­men der Päd­a­gogik, die auf die Selb­st­stu­di­en der Besuch­er set­zen. Den­noch
muss man kon­sta­tieren, dass die Gedenkstät­ten gegenüber ver­gle­ich­baren
Museen per­son­ell und materiell nach wie vor weit unter­priv­i­legiert sind. Da
gibt es eine riesige Kluft, trotz der großen Zahl von Besuch­ern und der
Größe der betreuten Areale und Ausstel­lun­gen. Wir haben zu geringe
Kapaz­itäten, um die Wün­sche und Bedürfnisse der Besuch­er erfüllen zu kön­nen.
In Sach­sen­hausen etwa müssen wir jede zweite Besucher­gruppe zurück­weisen.

Ist diese Unter­priv­i­legierung Ergeb­nis der Gedanken­losigkeit oder ein­er
sys­tem­a­tis­chen Ger­ingschätzung?

Sie ist mehr das Ergeb­nis ein­er west­deutschen Tra­di­tion poli­tis­ch­er
Ger­ingschätzung. Aber seit der deutschen Ein­heit hat sich vieles verbessert,
vor allem in den großen KZ-Gedenkstät­ten. Diese haben sich in den let­zten
Jahren stark gewan­delt. Allerd­ings dro­ht dieser unverzicht­bare Prozess der
Neukonzep­tion und Neugestal­tung in Zeit­en knap­per Haushalte abzubrechen.
Außer­dem gibt es nach wie vor grund­sät­zliche Vor­be­halte.

Was heißt das?

Zum einen haben wir Kon­flik­te mit den­jeni­gen, die immer noch an alten
antifaschis­tis­chen Konzepten ori­en­tiert sind, näm­lich dass diese
authen­tis­chen Orte in erster Lin­ie Betrof­fen­heit erzeu­gen sollen. Das ist
aber nicht mehr aus­re­ichend. Wir haben es mit Gen­er­a­tio­nen zu tun, bei denen
es so gut wie keinen direk­ten biografis­chen Zusam­men­hang zur Zeit des
Nation­al­sozial­is­mus mehr gibt. Da ist jede Schuld­päd­a­gogik völ­lig
unange­bracht. Eine ein­fache Betrof­fen­heit­späd­a­gogik kann auch deshalb nicht
mehr funk­tion­ieren, weil sich die Wahrnehmungsweisen inzwis­chen durch den
Gebrauch mod­ern­er Medi­en, die viel drastis­chere Bilder­wel­ten liefern, völ­lig
verän­dert haben. Schließlich tre­f­fen wir auch auf tradierte Vor­be­halte
ger­ade bei manchen Ost­deutschen. Nicht wenige verbinden mit diesen Orten
neg­a­tive Erfahrun­gen, weil ihnen dort antifaschis­tis­che Erweck­ungser­leb­nisse
abver­langt wur­den.

Haben Sie Sorge, dass mit der Eröff­nung des Holo­caust-Mah­n­mals die
Aufmerk­samkeit für die Gedenkstät­ten in Sach­sen­hausen und Ravens­brück
zurück­ge­ht?

Nein. Der Besucherzus­trom wächst; allerd­ings verän­dert sich die
Zusam­menset­zung der Besuch­er. Sie wer­den deut­lich jünger und sie wer­den
inter­na­tionaler. Wir haben gegen­wär­tig in Ravens­brück und Sach­sen­hausen etwa
eine halbe Mil­lion Besuch­er jährlich. Vor allem Aus­län­der kom­men ver­mehrt zu
den authen­tis­chen Orten, zum einen weil hier die Gräber der Opfer aus den
unter­schiedlichen Län­dern sind, aber auch weil die Über­leben­den, denken Sie
etwa an die Präsi­dentin des €päis­chen Par­la­ments Simone Veill oder den
nor­wegis­chen Min­is­ter­präsi­den­ten Einar Ger­hard­sen, in ihren Heimatlän­dern
oft eine bedeu­tende Rolle in der Nachkriegs­ge­sellschaft gespielt haben.

In Sach­sen­hausen befand sich die zen­trale Leitung aller Konzen­tra­tionslager.
Wird dieser Appa­rat der Ver­nich­tung gebührend the­ma­tisiert?

Sie haben Recht, dass das T‑Gebäude in Oranien­burg das wichtig­ste noch
erhal­tene Täter-Gebäude ist, und es zumal in Berlin zu wenig wahrgenom­men
wird. Das mag an ein­er bes­timmten Berlin­er Prov­inzial­ität liegen: Dinge
außer­halb der Stadt­gren­ze ein­fach nicht in den Blick zu nehmen. Das führt
zum Beispiel auch dazu, dass es uns bis jet­zt nicht gelun­gen ist, die
gle­iche Koop­er­a­tion mit der Berlin­er Schul­be­hörde zu erre­ichen wie mit den
Bran­den­burg­ern, obwohl der größte Teil unser­er Schul­grup­pen
erfreulicher­weise aus Berlin kommt.

Man hat den Ein­druck, dass es noch immer starke Kon­flik­te gibt zwis­chen
Gedenkstätte und Stadt Oranien­burg.

Solche Kon­flik­te sind natür­lich imma­nent: Eine KZ-Gedenkstätte, die sich mit
neg­a­tiv­er Geschichte befasst, und ein Ort, der Lokalpa­tri­o­tismus hat und
braucht, wer­den immer in einem Span­nungsver­hält­nis zueinan­der ste­hen. Das
ken­nen wir auch aus Dachau oder aus Bergen-Belsen. Ein pos­i­tives Beispiel
für den gemein­samen Umgang mit Stadt­geschichte und Konzen­tra­tionslager war
das Oranier-Jahr 1998. Damals wurde das The­ma Oranier und Nieder­län­der in
all seinen Aspek­ten gemein­sam bear­beit­et, also die mit dem Schloss des
Großen Kur­fürsten ver­bun­dene Geschichte war eben­so The­ma wie die Geschichte
der Nieder­län­der im Konzen­tra­tionslager Sach­sen­hausen. Das hat erstaunlich
gut funk­tion­iert und wirk­te sich auf das kul­turelle Kli­ma in Oranien­burg
aus­ge­sprochen pos­i­tiv aus. Die geplante Lan­des­garten­schau 2009 ist lei­der
aus unser­er Sicht das Gegen­beispiel. Das Umgestal­tungskonzept für das
ehe­ma­lige KZ-Außen­lager Klink­er­w­erk zum “Geschichtspark” wurde gemein­sam mit
der Stadt entwick­elt und erar­beit­et. Dann aber müssen wir in der Presse
lesen, dass die Idee ein­er gemein­samen Real­isierung von “Geschichtspark” und
Schloss­park im Rah­men der Lan­des­garten­schau, ohne uns zu informieren,
aufgegeben wurde.

Hal­ten Sie eine Lösung des Kon­flik­ts f&
uuml;r möglich?

Nein, die Sache ist gelaufen, die Chance ver­tan. Die Geschichte des
Konzen­tra­tionslagers ist nicht berück­sichtigt, bis auf ein sym­bol­is­ches Band
aus “Licht und Schat­ten”. Sym­bole gab es in der DDR- Zeit genug. Das
brauchen wir wirk­lich nicht. Ein­er Meta­phern­sym­bo­l­ik der alten
antifaschis­tis­chen Art, der entziehen wir uns ganz mas­siv. Das ist ein
Rückschritt, bei dem wieder das Schöne gegen das andere, die dun­kle
Ver­gan­gen­heit, aufge­wogen wer­den soll. Das bleibt ein hil­flos­er Ver­such. Man
wird zwar eine schöne Garten­schau bekom­men, aber man entkommt der
Prob­lematik so nicht.

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