14. März 2005 · Quelle: MAZ

Es gibt kein Allheilmittel

RATHENOW “Wis­sen sie nicht, was sie tun?” So lautete das The­ma eines
Bürg­er­fo­rums, zu dem die Friedrich- Ebert-Stiftung im März 2000 in die Aula
der Wein­bergschule ein­ge­laden hat­te. Es war jene Zeit, in der Rathenow
auf­grund recht­sex­trem­istis­ch­er Vor­fälle in den Blick­punkt der Öffentlichkeit
gerückt war. Fünf Jahre danach hat­te die Friedrich-Ebert-Stiftung am Sam­stag
nun erneut zu einem Bürg­er­fo­rum ein­ge­laden. “Nachge­fragt”, lautete dieses
Mal das The­ma, und damit war klar, dass es darum ging, zu erkun­den, was sich
in der Zeit seit 2000 getan hat.

Im Mit­telpunkt der Diskus­sion standen Erfahrun­gen, Hin­ter­gründe und
Maß­nah­men in Bezug auf Jugendge­walt und Jugend­krim­i­nal­ität. Vor rund 40
Zuhör­ern hat­te Rein­hard Scheiper, Mod­er­a­tor der Ver­anstal­tung, kom­pe­tente
Gesprächspart­ner an sein­er Seite. Übere­in­stim­mend stell­ten diese fest, dass
es in Rathenow gelun­gen sei, die recht­sex­tremen Erschei­n­un­gen von damals
zurück­zu­drän­gen.

Ins­ge­samt zeige die Jugend­krim­i­nal­ität eine leicht rück­läu­fige Ten­denz,
erk­lärte Wolf­gang Weg­w­erth, Leit­er der Polizei­wache Rathenow. So ist im
Polizei-Schutzbere­ich Havel­land die Anzahl der Delik­te in der Kinder- und
Jugend­krim­i­nal­ität von 5249 im Jahr 2003 auf 5210 im Jahr 2004 gesunken. Im
Wachen­bere­ich Rathenow gab es im ver­gan­genen Jahr 1804 Tatbestände. Wenn
auch die Anzahl ins­ge­samt rück­läu­fig ist, so machte Weg­w­erth darauf
aufmerk­sam, dass es in solchen Bere­ichen wie Roheits­de­lik­ten und
Kör­per­ver­let­zun­gen eine steigende Ten­denz gebe. Im Wachen­bere­ich Rathenow
wur­den 2004 außer­dem 60 Graf­fi­tiss­chmier­ereien ermit­telt.

In der Diskus­sion schlug ein­er vor, dass man die Täter die Schmier­ereien
eigen­händig mit der Zahn­bürste ent­fer­nen lassen müsste. Für Weg­w­erth keine
Lösung. Stattdessen forderte er einen wirk­sameren Täter-Opfer-Aus­gle­ich.

Unter­stützung kam dazu von Staat­san­wältin Pos­selt. Nach ihren Angaben ste­hen
Dieb­stäh­le bei Jugend­de­lik­ten mit 60 Prozent ganz vorne. 20 Prozent aller
Fälle im Kinder- und Jugend­bere­ich, die von der Staat­san­waltschaft
bear­beit­et wür­den, seien Gewalt­tat­en, 15 Prozent Sachbeschädi­gun­gen und zwei
Prozent Raub. Der Rest verteilt sich auf andere Straftat­en. Nach Angaben von
Richter Axel Teck­e­mey­er wur­den im ver­gan­genen Jahr vom Jugend­schöf­fen­gericht
in Rathenow 37 Ver­fahren ver­han­delt. 1999 waren es noch 89 Ver­fahren. Für
den Rück­gang gibt es nach Mei­n­ung des Richters ver­schiedene Ursachen, vor
allem hät­ten diverse Präven­tion­s­maß­nah­men dur­chaus Wirkung gezeigt.

Gewalt spiele auch im Umkreis von Schulen eine Rolle, räumte Schul­rätin
Christa Hilde­brand ein. Delik­te und Vorkomm­nisse, die nach ihrer Auf­fas­sung
auf das Kon­to von fünf Prozent der Schüler gin­gen. 95 Prozent der Schüler
seien nicht krim­inell. Zusät­zliche Freizei­tange­bote an den Schulen seien
wichtig, um Schüler von Dummheit­en abzuhal­ten. Die Zahl von 95 Prozent hielt
Clau­dia Wol­fram, Kinder- und Jugend­beauf­tragte der Stadt Rathenow, für
unre­al­is­tisch. Viel mehr neigten dazu, mitzu­laufen, wenn es einen Lei­tham­mel
gebe. Die Mitläufer gelte es zu gewin­nen und zu aktivieren.

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