18. Mai 2005 · Quelle: PNN

Es zerbröckelt uns unter den Händen”

(Gui­do Berg, PNN) Nauen­er Vorstadt — Als “Einzi­gar­tigkeit” hat Bran­den­burgs Bil­dungsmin­is­ter Hol­ger Rup­precht die Gedenkstätte im ehe­ma­li­gen Gefäng­nis des sow­jetis­chen Geheim­di­en­stes KGB in der Leis­tikow­straße beze­ich­net. Der Min­is­ter stat­tete dem 1945 von einem Wohn­haus in ein Gefäng­nis umge­baut­en Gebäude gestern einen Besuch ab. Sein Faz­it nach der Bege­hung des Haus­es: “Hier muss drin­gend saniert wer­den, um den Ver­fall aufzuhal­ten”. Rup­precht sagte den Mit­gliedern des Fördervere­ins der Gedenk- und Begeg­nungsstätte sowie dem “Evan­ge­lis­chen-Kirch­lichen Hil­fsvere­in” – seit dem Abzug der rus­sis­chen Stre­itkräfte 1994 wieder Eigen­tümer der Immo­bilie in der Nauen­er Vorstadt – seine Hil­fe zu: “Wo ich helfen kann, werde ich helfen.” Dies beziehe sich haupt­säch­lich auf eine Bekan­nt­machung der Gedenkstätte in den Schulen, für eine materielle Unter­stützung ver­wies Rup­precht auf aktuelle Ver­hand­lun­gen mit dem Lan­deskul­tur­min­is­teri­um. Der Min­is­ter warb für eine ver­stärk­te öffentliche Wahrnehmung der Zeit der rus­sis­chen Beset­zung Ost­deutsch­lands nach 1945: “Das ist ein Abschnitt unser­er Geschichte, der in das kollek­tive Gedächt­nis gehört”, sagte Rup­precht.

Die Vil­la in der ehe­ma­li­gen Mir­bach­straße Nr.1 war 1916 fer­tiggestellt wor­den und beherbergte bis 1945 Büroräume der “Frauen­hil­fe” des Evan­ge­lisch-Kirch­lichen Hil­fsvere­ins. Nach der Nieder­schla­gung des Nazi-Regimes durch die Sow­je­tarmee wurde das Haus als Teil des “Mil­itärstädtchens Nr.7” nach der Pots­damer Kon­ferenz enteignet und zum Gefäng­nis umge­baut. Wie Gisela Kurze vom Vere­in “Memo­r­i­al” gestern im Bei­sein des Bil­dungsmin­is­ters erläuterte, sei dieser Umbau an den zuge­mauerten Fen­stern noch heute gut erkennbar. Der rus­sis­che Geheim­di­enst NKWD, später KGB, inhaftierte und ver­hörte dort Per­so­n­en unter unmen­schlichen Bedin­gun­gen. Rup­precht zeigte sich nach Besich­ti­gung der Ausstel­lung “Von Pots­dam nach Worku­ta” tief berührt von den Einzelschick­salen der in der Leis­tikow­straße Inhaftierten. So wurde der 1930 in Pots­dam geborene Her­mann Schlüter der Ausstel­lung zufolge gemein­sam mit drei anderen Schulka­m­er­aden am 23. Dezem­ber 1945 ver­haftet und dort inhaftiert, weil er den Rus­sisch-Unter­richt ver­weigerte. Schlüter, der heute noch in Pots­dam lebt, wurde gerettet, seine inhaftierten Mitschüler erschossen.

Wie Peter Leine­mann vom Evan­ge­lisch-Kirch­lichen Hil­fsvere­in erk­lärte, gibt der Zus­tand des Haus­es Anlass zu größter Sorge: “Es zer­bröck­elt uns unter den Hän­den”. Hil­fe bei der Sub­stanzret­tung erhoffe er sich nicht nur vom Land, son­dern auch von der Bun­desregierung. Anlass für ein Engage­ment des Bun­des sieht Leine­mann aus fol­gen­dem Grund: Recherchen zufolge sei das Haus das einzige im Orig­i­nalzu­s­tand erhal­tene KGB-Gefäng­nis in Deutsch­land und in Ost€pa. Das näch­ste ähn­liche Gebäude finde sich in Est­land. Leine­mann: “Wo gab es nach Ende des kalten Krieges einen direk­ten Besitzer­wech­sel vom KGB zur Kirche, die gesagt hat, das kann man nicht ein­fach abreißen?”

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