13. Mai 2005 · Quelle: LR

Ex-Nazi warnt in Krausnick vor Einfluss rechter Musik

Matthias Adri­an ist ein Ex-Nazi. Heute arbeit­et er mit beim Zen­trum für
demokratis­che Kul­tur in Berlin und bei der Neonazi-Aussteigerinitiative
Exit. 

Am Mittwochabend kam der ehe­ma­lige Insid­er der recht­en Szene nach Krausnick,
um sich den Fra­gen des Gespräch­skreis­es gegen Recht­sex­trem­is­mus und Gewalt
zu stellen. 

Wie denn die Tak­tik ausse­he, junge Men­schen für die NPD zu wer­ben, wollte
Bürg­er­meis­ter Ger­hard Buschick da zum Beispiel wis­sen. 90 Prozent der Leute
hät­ten ihren ersten Kon­takt zur recht­en Szene über Musik, zu der ein breites
Spek­trum von Pro­pa­gan­da geliefert werde, antwortete Matthias Adrian. 

«Das geht weit­er mit der Grup­pen­dy­namik, damit, dass es cool ist, rechts
zu sein.» Im Gegen­zug funk­tion­iere oft auch der Ausstieg über die
Grup­pen­dy­namik. Ziehe der Jugendliche in die Stadt und werde dort als
«rechter Dor­fi» ange­se­hen, so Adri­an, oder finde es seine Fre­undin «uncool»
, mit Recht­en «herumzuhän­gen» , habe sich das oft erledigt. 

«Es ist nicht zu ver­ste­hen» , sagte ein Gast, «warum die Medi­en so ein
The­ater um die NPD machen. Das Ding stirbt von alleine, die haben keine
Ideen» . «Die haben jede Menge Ideen» , wider­sprach Matthias Adri­an und
fragte: «Ist ein Prob­lem schon ein­mal gelöst wor­den, indem man nicht darüber
gesprochen hat?» 

Pfar­rer Ernst-Gün­ter Hei­de gab zu bedenken, dass der Gespräch­skreis sich
zwar seit Jahren mit dem The­ma beschäftigt. Doch gebe es nicht weniger,
son­dern mehr Auf­fäl­ligkeit­en, Straftat­en und Struk­turen­twick­lun­gen des
Recht­sradikalis­mus in der Region. 

Ger­hard Buschick fügte an: «Ger­ade die deutsche Geschichte zeigt ja, was
passiert ist, als man es schon ein­mal abge­tan hat.» Er wies darauf hin, dass
die Angst von Spree­wal­durlaubern vor rechter Gewalt die «zarte Pflanze
Touris­mus» gefährde. 

Was man tun könne, wenn Recht­sex­treme in Jugend­clubs kämen, fragte
Jugen­dar­beit­sko­or­di­na­torin Daniela Schulze. Dass sie mit den Jugendlichen
und dem Mobilen Beratung­steam Regeln für die Clubs entwick­elt habe, wertete
Matthias Adri­an als guten Weg. «Der Jugend­club kann keine Ausstiegshilfe
leis­ten» , warnte er aber gle­ichzeit­ig. «Man muss geschult sein.» 

Das gelte auch für die Diskus­sio­nen mit Recht­sex­tremen, sagte eine Lehrerin.
Und Adri­an erk­lärte, wie verblüf­fend ein­fach geschulte Rechtsextreme
Argu­mente gegen sie entkräften könnten. 

Dass er seine Geschichte auch in Schulk­lassen oder Jugend­clubs erzählt,
gehört zu den Ange­boten, die Adri­an und die Ini­tia­tive «Exit» machen.
Weit­ere kom­men vom Lübben­er Forum gegen Rechtsextremismus,
Frem­den­feindlichkeit und Gewalt sowie vom Mobilen Beratung­steam der
Ini­tia­tive Tol­er­antes Bran­den­burg. Am Ende fol­gerte Pfar­rer Ernst-Günter
Hei­de: «Wir sind dieser Prob­lematik nicht hil­f­los ausgeliefert.» 

Ein Aussteiger erzählt

Matthias Adri­an: «Ich war voll naiv überzeugt»

(LR) Gle­ich zu Beginn will Matthias Adri­an mit ein paar Vorurteilen aufräumen.
Der heute Endzwanziger spricht beim Gespräch­skreis gegen Rechtsextremismus
und Gewalt am Mittwochabend in Kraus­nick über seinen Ein- und Ausstieg in
die rechte Szene, der er Jahre lang ange­hört hatte. 

«Meine Mut­ti hat­te mich lieb, ich war nie arbeit­s­los, sozial voll integriert
und kein Aus­län­der­has­s­er» , sagt er. Im Zeitraf­fer ver­fol­gt das Pub­likum die
Sta­tio­nen ein­er recht­sradikalen Kar­riere. Viele junge, aber auch ältere
Leute sind gekom­men, darunter Bürg­er­meis­ter Ger­hard Buschick, sowie
Funk­tion­sträger der Jugen­dar­beit und Lehrer. Der Raum im Pfar­rhaus reicht
nicht ganz aus, so dass sog­ar einige Stüh­le im Flur stehen. 

Erste Weichen­stel­lung in Rich­tung Recht­sex­trem­is­mus in Adri­ans Leben: Als
Neun­jähriger ist er in der Schule erst­mals mit dem Holo­caust als Folge der
nation­al­sozial­is­tis­chen Ide­olo­gie kon­fron­tiert wor­den, mit der
Ver­nich­tungs­maschiner­ie, mit Massen­ver­haf­tun­gen und Konzentrationslagern. 

Hil­flos­er Lehrer 

Damals ging der Bub nach Hause und befragte seinen Opa, der die NS-Zeit
miter­lebt hat­te. Doch der — aus einem kleinen, erzkatholis­chen Dorf
stam­mend — bestätigte nicht, was der Lehrer erzählt hat­te. Eher habe im
Kreis sein­er Groß­fam­i­lie die Mei­n­ung vorge­herrscht, erzählt Adri­an, «dass es
da schon ein paar Ver­brech­er gab, aber der Rest ging» . Die Kind­heit und
Jugend der Fam­i­lien­mit­glieder im Nation­al­sozial­is­mus sei ver­her­rlicht worden
als schöne, als sichere Zeit. 

Der kleine Matthias marschierte damals also zurück zu seinem Lehrer und
berichtete ihm, was sein Opa gesagt hat­te. «Ach, was dein Opa so sagt, da
brauchst du nicht so genau hinzuhören» , habe der Lehrer darauf reagiert,
sagt Adri­an. Von diesem Moment an «hat­te der Lehrer bei mir verloren» .
Adri­an ist überzeugt: «Wenn man das The­ma Nation­al­sozial­is­mus im Unterricht
behan­delt, dann mit Qual­ität. Das ist nichts, was man so abreißen kann. Die
Schüler müssen den Wahnsinn ver­ste­hen, der da dahin­ter steck­te, auch die
Irrtümer. Für mich gehört das The­ma rechte Szene und Rechtsextremismus
unbe­d­ingt zur Lehrerfortbildung.» 

Er selb­st glitt Stück für Stück hinein in die recht­sex­treme Szene, bis er
mit Anfang 20 zu ein­er «Schu­lung» delegiert wurde. Die einfachen
Argu­men­ta­tions­ket­ten, die dort propagiert wur­den, schienen ihm logisch. «Ich
war voll naiv überzeugt» , sagt Adri­an. Doch das begann zu bröck­eln, «weil
ich gemerkt habe, ich bin der einzige» . 

Er nen­nt Beispiele von Unse­riosität, unpro­fes­sioneller Organisation,
Alko­holis­mus und großer Gewalt­bere­itschaft. Er sei zu dem Schluss gekommen,
«dass diese Szene um die NPD herum auf keinen Fall das ist, was ich möchte»
, sagt er. 

«Das ist ja ein biss­chen dünn» 

Adri­an legte daraufhin deshalb alle Ämter nieder, um eine eigene Partei zu
grün­den. Die Büch­er, die er las, fand er nun nicht mehr überzeu­gend. «Das
ist ja alles ein biss­chen dünn, um darauf eine Ide­olo­gie aufzubauen» , gibt
er seine dama­li­gen Gedanken wieder. Das ganze Kon­strukt stürzte in sich
zusam­men und Matthias Adri­an in eine Depres­sion. Über die Aussteiger-
Ini­tia­tive «Exit» kam er wieder auf die Beine. 

Was denn seine Arbeit heute vor diesem Hin­ter­grund für ihn bedeute, will
eine Zuhörerin wis­sen. «Aktive Wiedergut­machung» , antwortet Matthias
Adri­an. Denn schließlich habe er in dieser Zeit gesellschaftlichen Schaden
angerichtet. Nach wie vor hält Adri­an «das The­ma für ziem­lich beängstigend»
.

Zugle­ich fasziniert ihn, dass diese so unhalt­bare Ide­olo­gie noch immer
Anhänger find­et. Wer solle dem denn ent­ge­gen­wirken, «wenn nicht jemand, der
aus der Szene aus­gestiegen ist?» Und schließlich: «Im Grunde genom­men tun
mir die Leute leid» , sagt Matthias Adri­an. «Die ver­bauen sich so viel. Wenn
die ersten Vorstrafen kom­men und sie völ­lig die Boden­haf­tung verlieren»
werde es immer schw­er­er, zurück zu einem nor­malen Leben zu finden.

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