16. Mai 2008 · Quelle: Opferperspektive

Fallbericht der Opferperspektive

Am diesjähri­gen »Her­rentag« am 1. Mai wur­den Jugendliche in der Pirschhei­de (Pots­dam) von ein­er Gruppe Rechter ange­grif­f­en. Sechs Per­so­n­en wur­den ver­let­zt. Sie wer­den von der Opfer­per­spek­tive betreut. Die Polizei hat­te den Vor­fall zuerst als Auseinan­der­set­zung zwis­chen zwei Jugend­grup­pen eingestuft. Die Ermit­tlun­gen wur­den aus­geweit­et, nach­dem die Betrof­fe­nen von den Ereignis­sen in ein­er Beiratssitzung des Lokalen Aktion­s­plans Pots­dam am 6. Mai berichtet hat­ten. Die Jugendlichen wehren sich gegen das Ver­schweigen des poli­tis­chen Hin­ter­grunds und wollen, dass ihre Per­spek­tive öffentlich bekan­nt wird. Dazu führte der Opfer­ber­ater Tobias Pieper mit mehreren Geschädigten das fol­gende Gespräch.

Was ist am 1. Mai in der Pirschhei­de passiert?

Wir sind eine Gruppe von Jugendlichen, etwa 25–30 Per­so­n­en, und wir haben in Pirschhei­de am See gefeiert. Zwei von uns sind Gril­lkohle holen gegan­gen. Auf ein­mal beka­men wir von ihnen einen Anruf, sie wür­den von sechs bis acht Neon­azis ver­fol­gt und bräucht­en drin­gend Hil­fe. Daraufhin ist ein Teil von uns zu ihnen ger­an­nt. Die Neon­azis waren aber schon weg. Unge­fähr 20 Minuten später kam eine riesen­große Gruppe Neon­azis, etwa 50–60 Mann. Viele von uns haben die Polizei angerufen, weil wir ein­fach unter­legen waren. Sie sind auf uns zu gestürmt und woll­ten uns ver­prügeln. Neben unser­er Feier­stätte war eine Boot­san­legestelle. Als wir alle anger­an­nt kamen, hielt ein Mann uns die Tür zur Anlegestelle auf und ließ uns here­in. Drei Vier­tel unser­er Leute sind reingekom­men, der andere Teil hat es nicht geschafft. Viele der anderen Besitzer woll­ten uns wieder vom Gelände schmeißen. Sie ver­standen unsere Lage nicht. Aber auch, nach­dem wir sie darauf aufmerk­sam gemacht hat­ten, dass vor ihrem Tor Neon­azis standen, beka­men wir nur die Antwort: »Na und? Und jet­zt runter von unserem Grund­stück! Klärt das draußen alleine!« Sechs unser­er Leute draußen wur­den ver­let­zt. Ein Mäd­chen wurde mit zwei Flaschen in den Bauch geschla­gen, die Jungs haben Tritte und Schläge ins Gesicht und auf den Kör­p­er abbekom­men. Ein­er hat­te eine blutige Nase, eine Platzwunde am Kopf und wurde, obwohl er schon am Boden lag, weit­er geschla­gen und getreten. Als das erste Blaulicht erschien, sind alle Neon­azis mit einem Schlag ver­schwun­den. Die Polizei küm­merte sich um alles Weit­ere. Einige Schläger kon­nten festgenom­men wer­den.

Woher wisst ihr, dass die Angreifer Rechte waren?

Die Leute, die uns ange­grif­f­en haben, hat­ten teil­weise Glatzen, Bomber­jack­en und Springer­stiefel an. Bei dem Angriff riefen sie »Zeck­en«, »Scheiß Anti­deutsche« und »Scheiß Punks«. Als die Polizei da war, haben wir mit eini­gen von denen, die nicht weggekom­men waren, gesprochen. Die sagten dann, dass Zyk­lon B über­haupt nicht giftig gewe­sen sei und dass die Juden gar nicht ver­gast wur­den, son­dern frei­willig in die KZ gegan­gen seien. Außer­dem hät­ten die Amis die Juden nach dem Krieg umge­bracht.

Kön­nt ihr sagen, warum die Recht­en euch ange­grif­f­en haben?

Das wür­den wir auch gerne wis­sen. Wir haben nie­man­den provoziert.

Wie erlebt ihr generell die Sit­u­a­tion in Pots­dam und Umge­bung?

In Beelitz, Michen­dorf, Glin­dow oder Werder wird die Gewalt der Recht­en gegen alter­na­tive Jugendliche immer stärk­er und geplanter. Pots­dam ist auch eine Art Tum­melplatz für solche Men­schen. Die Neon­azis wer­den toleriert, die Gesellschaft scheint sie zu respek­tieren. Alle machen die Augen zu anstatt etwas zu unternehmen.

Mehr Infos gibt es hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Am 1. Juni 2020 wird in Pots­dam für die Evakuierung und Schließung von Lagern sowohl in den griechis­chen Hotspots als auch in Bran­den­burg demon­stri­ert.
In ein­er Pressemit­teilung erk­lärt der Land­kreis Pots­dam-Mit­tel­mark, dass sie erst­mals einen Geflüchteten im Aus­reisege­wahrsam am Flughafen Schöne­feld unter Zwangsquar­an­täne gestellt haben.
In Sam­melun­terkün­ften in Bran­den­burg sind Geflüchtete einem hohen Infek­tion­s­ge­fahr in engen Sam­melun­terkün­ften aus­ge­set­zt, während die katas­trophalen Bedin­gun­gen in den Flüchtlingslagern an den EU-Gren­zen auch kein Ende nehmen.

Opferperspektive

Logo de rOpferperspektive Brandenburg

NSUwatch Brandenburg

Polizeikontrollstelle

Logo der Polizeikontollstelle - Initiative zur Stärkung der Grund- und Bürgerrechte gegenüber der Polizei

Netzwerk Selbsthilfe

Termine für Potsdam

Termine für Berlin

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot