22. April 2005 · Quelle: TAZ

Festrede vor rechten Burschenschaften


Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm tritt heute in Ham­burg auf — vor
schla­gen­den Stu­den­ten. Dabei sind die recht­sex­tremen Kon­tak­te etwa der
Ger­ma­nia-Burschen­schaft gut doku­men­tiert. Kri­tik­er fordern eine Absage des
Ter­mins

Vor 60 Jahren kapit­ulierte die Wehrma­cht in Königs­berg. Ein Anlass für den
“Ham­burg­er Waf­fen­ring”, heute Abend zu einem so genan­nten “Fes­tkom­mers” zu
laden, um “750 Jahre Stadt Königs­berg” zu feiern. Einen promi­nen­ten
Gas­tred­ner hat der Zusam­men­schluss aller schla­gen­der Burschen­schaften an der
Elbe auch: Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm soll im Logen­haus des
Waf­fen­rings sprechen. Die recht­sex­tremen Verbindun­gen stören den Min­is­ter
anscheinend wenig, die einige der schla­gen­den Verbindun­gen pfle­gen.

“Der Auftritt von Her­rn Schön­bohm ist beden­klich”, betont Luisa Fiedler,
SPD-Abge­ord­nete in der Ham­burg­er Bürg­er­schaft. “Einem Innen­min­is­ter darf man
unter­stellen, dass ihm die Recht­slastigkeit der Ver­anstal­ter bekan­nt ist.”
Der Min­is­ter solle seine Teil­nahme absagen.

Auch Wolf­gang Gessen­har­ter von der Ham­burg­er Bun­deswehr-Uni­ver­sität hält den
Auftritt für unpassend: “In dem Waf­fen­ring herrscht kein durchge­hend
kon­ser­v­a­tiv-lib­eraler Geist. Viele denken, eher typ­isch neurechts, dass nur
die Würde der Deutschen unan­tast­bar sei.” Es sei unver­ständlich, dass
Schön­bohm ein­er­seits recht­sex­treme Kam­er­ad­schaften ver­bi­ete, ander­er­seits
aber mit sein­er Fes­trede nun “eine Ver­anstal­tung neurechter Art adelt”.

Ham­burgs Innen­be­hörde sagt indes wenig zu den Burschen­schaften. Im
Ver­fas­sungss­chutzbericht taucht diese akademis­che Rechte nicht auf. Auch
eine kleine Anfrage von Fiedler beant­wortet die Behörde nur zurück­hal­tend
und wider­sprüch­lich. “An den Hochschulen” seien bloß in “weni­gen
Burschen­schaften Recht­sex­treme” anzutr­e­f­fen”. Gle­ichzeit­ig führt die Behörde
aber aus: “Der Ver­fas­sungss­chutz (VS) beobachtet Organ­i­sa­tio­nen, bei denen
tat­säch­lich Anhalt­spunk­te für eine recht­sex­treme Betä­ti­gung vor­liegen bzw.
die Mehrheit der Mit­glieder oder der Führungsper­so­n­en Recht­sex­trem­is­ten
sind.” Welche stu­den­tis­chen Verbindun­gen dies sind, gibt der VS jedoch nicht
her.

“Das ist vol­lkom­men unver­ständlich”, sagt Fiedler. Fällt doch ger­ade die
“Burschen­schaft Ger­ma­nia Ham­burg” immer wieder wegen recht­sex­tremer
Ver­net­zun­gen auf. Und sie sei “nur eine der recht­sex­tremen Verbindun­gen, die
sich im Waf­fen­ring sam­meln”, erk­lärt Felix Krebs. Als Koau­tor des Buch­es “.
und er muss deutsch sein” hat er zu Ham­burgs stu­den­tis­chen Verbindun­gen
recher­chiert.

Die Ger­ma­nen selb­st lassen eben­falls keinen Zweifel an ihrer Gesin­nung. Zu
ein­er Par­ty luden sie mit dem Spruch: “Bist du hässlich (.) oder fremd in
diesem Land, bist du von Sor­gen­fal­ten oder linkslib­eraler Gesin­nung
gepeinigt (.) hast den Wehr­di­enst ver­weigert, oder eine Fre­undin mit, die
wed­er schön noch still ist (.) dann bleib lieber zu Hause.” Anfang der
1990er-Jahre, berichtet Krebs, nah­men Ger­ma­nen an Wehrsportübun­gen teil. Als
der Autor im Jahr 2000 die NPD anschrieb, um zu erfahren, an welche
Stu­den­ten­verbindung sich im “roten Ham­burg” ein “Nationaler” wen­den kön­nte -
da antwortete sofort die Ger­ma­nia.

Die Burschen­schaft beherbergte auch szenen­bekan­nte Unter­mi­eter: Bis April
2004 wohnte Sascha Keller bei den schla­gen­den Stu­den­ten. Er betreibt den
neon­azis­tis­chen “Nordic-Ham­mer-Ver­sands” und unter­stützte unter anderem das
Schul­hof­pro­jekt der “Freien Kam­er­ad­schaften”, die Gratis-Recht­srock-CDs an
Jugendliche verteil­ten.

Im Dezem­ber ver­gan­genen Jahres boten die Ger­ma­nen einen Vor­tragsabend zu “60
Jahre Kesselschlacht in Halbe” an. “Der Abend richtete sich auch an die
Kam­er­ad­schaften in Ham­burg”, betont Krebs. Haben diese doch in den let­zten
Jahren in Halbe Heldenge­denkaufmärsche durchge­führt.

Wie eng der “Fes­tkom­mers” mit der rech­tex­tremen Szene ver­woben ist,
offen­bart auch der Ver­anstal­tungsleit­er: Bern­hard Knap­stein ist auch
“Medi­en­beauf­tragter” der “Staats- und Wirtschaft­spoli­tis­chen Gesellschaft”.
Sie sei ein “wichtiges Scharnier zwis­chen Kon­ser­vatismus und
Recht­sex­trem­is­mus”, erläutert Gessen­har­ter. Der Ham­burg­er VS erk­lärte
eben­falls vor Jahren: “Per­son­elle Über­schnei­dun­gen sind bekan­nt.”

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