30. Mai 2005 · Quelle: Spiegel Online

Folter-Prozess

Frank­furt (Oder) Stun­den­lang mal­trätierten drei Män­ner in Frank­furt an der Oder einen 23-Jähri­gen. Das Opfer wird sein Leben lang behin­dert sein. Selb­st erfahrene Prozess­beobachter sind fas­sungs­los angesichts der bes­tialis­chen Tat. Im Juni wird das Ver­fahren fort­ge­set­zt.

Frank­furt an der Oder — Das Opfer ist ein Deutsch­er namens Gun­nar, 1981 geboren, wohn­haft in Frank­furt an der Oder, ein­er Stadt mit immenser Arbeit­slosigkeit, unmit­tel­bar an der Gren­ze zu Polen gele­gen und von den ver­heeren­den Zer­störun­gen durch den Krieg noch immer geze­ich­net. Vieles, was nach der Wende hoff­nungsvoll begonnen wurde, hat sich dort längst zer­schla­gen. Städte­bauliche Fehlin­vesti­tio­nen küm­mern vor sich hin: leere Einkauf­szen­tren, gäh­nende Aus­la­gen, ver­waiste Flanier­meilen. Elend und Res­ig­na­tion spiegeln sich in den Gesichtern der Pas­san­ten. Luxu­s­geschäfte oder teure Restau­rants — Fehlanzeige. Eine Buch­hand­lung wirbt mit einem Kochbuch “Gerichte für einen Euro”.

In den Zeitun­gen, die aus der Gegend bericht­en, find­en sich fast täglich Mel­dun­gen über Opfer wie Gun­nar und Täter wie Ron­ny, Daniel, David, Ramona und Stephanie. Was Gun­nar von Seines­gle­ichen ange­tan wurde, ist in sein­er Grausamkeit und Men­schen­ver­ach­tung genau das, was der foren­sis­che Psy­chi­ater Andreas Marneros in seinem neuesten Buch “Blinde Gewalt” (Scherz Ver­lag, 2005) beschreibt.

Marneros stellt darin einige der Fälle recht­sradikaler Gewalt vor, die er als von ost­deutschen Gericht­en beauf­tragter Sachver­ständi­ger in der let­zten Zeit zu begutacht­en hat­te. Man hört die recht­sex­tremen Beschuldigten sprechen, sieht sie in ihrer hohlen Aufge­blasen­heit vor sich, man erfährt, was sie dem Gutachter auf Fra­gen nach ihren Leben­sum­stän­den, nach Motiv und Tat­ablauf antworten. Marneros, Hochschullehrer an der Uni­ver­sität Halle-Wit­ten­berg, ist auf Zypern geboren. Er bringt mit seinen Fra­gen nach Wut und Hass die zumeist jun­gen Neon­azis nicht sel­ten in Erk­lärungsnöte, wenn sie ihm, dem gebür­ti­gen Griechen, ihre Gedanken­welt beschreiben sollen. Nicht alle schä­men sich ihrer Tat­en. Nicht alle sind bere­it zuzugeben, dass in Wirk­lichkeit sie es sind, die sich ver­ab­scheuungswürdig ver­hal­ten — und nicht die Aus­län­der und die Juden und die son­sti­gen Feind­bilder.

Verge­walti­gen, ver­let­zen, töten

Diese recht­sradikal gesin­nten jun­gen Leute tun genau das, was sie “dem Dreck, der im Klo hin­un­terge­spült wer­den muss”, vor­w­er­fen: Sie verge­walti­gen, ver­let­zen, töten, sie pumpen sich und andere mit Rauschgiften voll, sie sind die Schmarotzer, die der All­ge­mein­heit auf der Tasche liegen.

Marneros kommt noch zu einem weit­eren Schluss: “Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass von der Gewalt der Recht­sex­trem­is­ten auss­chließlich Schwarze, Aus­län­der und Juden betrof­fen sind. Recht­sex­trem­istis­che Gewalt trifft auch die Deutschen.” Recht­sex­trem­istis­che Gewalt, das erfährt er immer wieder, ist nichts als blanke Krim­i­nal­ität, gepaart mit prim­i­tivem, Ekel erre­gen­dem Hass. Jed­er könne heute Zielscheibe dieses oft tödlichen Has­s­es wer­den, warnt Marneros: der Spaziergänger, der Haus­be­wohn­er, der Kneipenbe­such­er am Neben­tisch. Wer Opfer werde, so der Gerichtsgutachter, sei pur­er Zufall.

Auch Gun­nars Schick­sal war Zufall. Er wurde am 5. Juni vorigen Jahres auf dem Weg zum Einkaufen nichts ahnend mit­ten in der Stadt von fünf, ihm flüchtig bekan­nten jun­gen Leuten im Alter zwis­chen 20 und 29 Jahren über­fall­en, ins Auto gez­er­rt und in die Woh­nung eines Bekan­nten geschleppt — weil, ja weil irgend­je­mand behauptet hat­te, er sei ein “Kinder­fick­er”. Ein Gerücht, nichts weit­er, Näheres wusste kein­er. Das Gerücht stimmt nicht. Es ist nichts daran. Gun­nar ist kein “Kinder­fick­er”, er hat nichts gemacht. Doch egal. Die selb­ster­nan­nten Räch­er, die sich kaum noch auf den Beinen hal­ten kon­nten nach exzes­sivem Alko­hol- und Dro­gen­miss­brauch in den Tagen und Nächt­en zuvor, woll­ten ihm “eine Lek­tion” erteilen.

Sie treten die Woh­nungstür ein. Ron­ny, berichtet später der Woh­nungsin­hab­er, habe ihn vom Balkon wer­fen wollen. “Wenn Daniel und die Frauen nicht gewe­sen wären, wäre ich run­terge­flo­gen.” Gun­nar wird beschimpft als “nicht arisch”, er sei “weniger wert als ein Hund”, dann hagelt es Fußtritte und Schläge. Gun­nar muss sich ausziehen. Es kommt zu sex­uellen Über­grif­f­en. Ein Brotmess­er muss er sich selb­st anal ein­führen, es wird nachgestochert. Es fol­gen eine Toi­let­ten­bürste, ein Fleis­chwen­der, ein Kochlöf­fel. Mit ein­er Gabel sticht man in seine Schenkel.

Ron­ny, sagt später ein­er aus der Gruppe, habe die per­vers­es­ten Ein­fälle gehabt, er habe die Gegen­stände mit seinem Schuh weit­er hineinge­drückt. Gun­nar schre­it vor Schmerz. Er muss die Klobürste ableck­en. Daniel ver­bren­nt mit einem heißen Bügeleisen Gun­nars Rück­en, die Arme, die Brust­warzen, das Gesäß. Bren­nende Zigaret­ten wer­den auf Gun­nars Penis aus­ge­drückt. Ein­er nimmt Ron­ny das Mess­er weg, als er sich anschickt, auf das am Boden liegende Opfer auch noch einzustechen. Ron­ny uriniert in Gun­nars Mund.

“Hör auf mit der Scheiße”

Dazwis­chen immer wieder Schläge und Tritte. Gun­nar muss Spülmit­tel trinken. Ron­ny springt dem mit­tler­weile schw­er Ver­let­zen mehrfach auf den Brustko­rb. Gun­nar erbricht. David nimmt eine Spray­dose und macht daraus einen Flam­men­wer­fer, den er gegen Gun­nars wun­den Rück­en richtet. Gun­nar wird minuten­lang mit einem Staub­sauger­rohr trak­tiert. Er blutet. Immer wieder das Mess­er. Dann wird mit ein­er Hun­dekette zugeschla­gen.

Und die Frauen sitzen auf dem Sofa, lachen, und eine brüllt immer wieder “Kinder­fick­er”, so der Woh­nungsin­hab­er als Zeuge vor der 1. Strafkam­mer des Landgerichts Frankfurt/Oder. Die andere schlägt vor aufzuhören, weil sie mit ein­er Fre­undin aus­ge­hen will. “Hör auf mit der Scheiße.”

“Haben Sie mal daran gedacht, die Polizei zu ver­ständi­gen?”, fragt der Vor­sitzende Richter Andreas Dielitz einen Zeu­gen, der bei der Gewal­torgie dabei war. “Ich war zu sehr beschäftigt mit dem Sauber­ma­chen des Tep­pichs”, entschuldigt sich der junge Mann. “Der Gun­nar hat­te einen Dar­m­durch­bruch und alles kam raus. Es sah aus wie Blut und ein Stück vom Darm.” Und hin­ter­her? “Da war ich zu feige.” Ron­ny und David ziehen Gun­nar einen Bet­tbezug über und wer­fen ihn aus der Woh­nung. Dann leg­en sie sich schlafen. Auch die Mäd­chen sind müde.

“Hät­ten die während­dessen gehen kön­nen?”, fragt der Vor­sitzende. “Ja sich­er”, sagt der Zeuge. Die Mäd­chen waren zwis­chen­durch auch mal im Bad. Eine tele­fonierte mit ihrem Fre­und. “Ich habe mich nicht getraut”, sagt der Zeuge.

Der Vertei­di­ger ein­er der angeklagten Frauen trägt eine Erk­lärung vor: Das Lachen sein­er Man­dan­tin habe sich auf Gespräche der Frauen untere­inan­der bezo­gen. Es sei nicht festzustellen, wer “Kinder­fick­er” gebrüllt habe und so weit­er. “Jet­zt haben wir gehört, welche Recht­sauf­fas­sung Sie vertreten”, been­det der Vor­sitzende sarkastisch seine Aus­führun­gen.

Dass Gun­nar jenen Vor­mit­tag über­lebt hat, ist ein Wun­der, er befand sich in akuter Lebens­ge­fahr. Durch die Zer­reißun­gen des Darmes kam es zu lebens­bedrohlichen Blu­tun­gen. Ins Gewebe übertre­tende Bak­te­rien dro­ht­en, eine eitrige Bauch­fel­lentzün­dung her­beizuführen. Die Schmerzen müssen ihm fast den Ver­stand ger­aubt haben. Es wurde sofort operiert. Gun­nar bekam einen kün­stlichen Dar­maus­gang. Heute quälen ihn nicht nur Alp­träume, son­dern auch noch schmerzhafte Verwach­sun­gen. Lebenslang wird er an den Fol­gen des Gewal­texzess­es lei­den müssen.

Wer entset­zt fragt, was für Men­schen das sind, die so etwas tun, erfährt es aus dem Buch von Andreas Marneros. Er beschreibt die Lebensläufe, zitiert die erbärm­lichen Ansicht­en, die best&u
uml;rzende Unken­nt­nis, wenn es um his­torische Fak­ten geht, das allen­falls rudi­men­täre All­ge­mein­wis­sen junger Leute, die zwar in der Min­derzahl sind ins­ge­samt, in bes­timmten Gegen­den Deutsch­lands aber in erschreck­en­dem Aus­maß an Zahl zunehmen. Kaputte Fam­i­lien, Alko­ho­lik­er die Eltern, Rauschgift, Anabo­li­ka, Amphet­a­mine, kein Schu­la­b­schluss, keine Beruf­saus­bil­dung bei den Kindern. Kon­tak­te allen­falls zu Gle­ich­gesin­nten, die recht­sradikale Szene ist schon für Zwölfjährige Fam­i­liener­satz. Arbeit hat kein­er, will kein­er, gibt es ja auch nicht. Es regieren Hass, Wut, Ent­täuschung, Ver­bit­terung — und der Alko­hol. Sta­bile Beziehun­gen zu Part­nern gelin­gen nicht, ein Platz im Leben ist nicht in Sicht. Wer sich der­art zum Boden­satz der Gesellschaft rech­nen muss, der sucht sich dann eben ein Opfer, an dem er wenig­stens seinen bösar­ti­gen Spaß haben kann, indem er es erniedrigt wie den gepeinigten Gun­nar. Zumin­d­est im Ver­gle­ich zu ihm ist man doch stark. Oder?

“Mit­tleres Gewal­trisiko”

Die fünf Angeklagten in Frankfurt/Oder, es geht bei ihnen um gefährliche Kör­per­ver­let­zung, eventuell auch um Bei­hil­fe oder Mit­täter­schaft, sind von der Lei­t­erin der neuen Maßregelk­linik in Eber­swalde, Manuela Stroske, begutachtet wor­den. Mit Aus­nahme von Ron­ny hat sie bei allen volle Schuld­fähigkeit fest­gestellt. Bei ihm diag­nos­tizierte sie eine “kom­binierte Per­sön­lichkeitsstörung mit dis­sozialen Zügen” ver­bun­den mit ein­er Abhängigkeit von mehreren Sub­stanzen, so dass eine Schuld­min­derung geboten erscheint. Auf freien Fuß allerd­ings wird Ron­ny — die Ver­lesung sein­er Vorstrafen ging über einein­halb Stun­den — so schnell nicht kom­men, da die Sachver­ständi­ge eine Unter­bringung in ein­er Entziehungsanstalt nach dem Vol­lzug befür­wortete.

“Sicherungsver­wahrung ist noch nicht ein­deutig zu empfehlen”, sagte sie. Es liege eine “mäßig aus­geprägte Psy­chopathie, ein mit­tleres Gewal­trisiko” vor. Ron­ny, der Älteste, bei dem Alko­hol, Tablet­ten und geistige sowie kör­per­liche Ver­wahrlosung schon tiefe Spuren hin­ter­lassen haben, hat also eine let­zte Chance, eine ziem­lich geringe allerd­ings. Was soll aus dieser Gen­er­a­tion wer­den?

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