20. Juli 2006 · Quelle: TAZ

Fremdenfeindlicher Angriffsfußball

Bei fast jedem Auswärtsspiel hat es der bran­den­bur­gis­che Ver­band­sligist SV Altlüder­s­dorf nicht nur mit dem sportlichen Geg­n­er zu tun. Beina­he jedes Mal, wenn die Lila-Weißen auf des Geg­n­ers Platz antreten, wer­den sie kon­fron­tiert mit aus­län­der­feindlichen Ver­balan­grif­f­en. Ob in Frank­furt (Oder) oder Schwedt — Sprüche wie “lernt doch endlich Deutsch” gehören meis­tens dazu, wie der jugoslaw­is­chstäm­mige Spiel­er Dal­i­bor Sebasti­janovic nüchtern erzählt.

“Was soll man machen?”, fragt sich der Mit­telfeld­spiel­er. “Wir sind doch bloß zum Fußball­spie­len da.” Sebasti­janovic weiß, dass er und sein Vere­in nicht die Einzi­gen sind, die ange­fein­det wer­den. “Ein Fre­und spielt in Rathenow. Dem geht es genau­so.” Auch Train­er Hans Oer­twig beklagt: “So etwas kommt lei­der häu­fig vor.” In einem ähn­lichen Fall antwortete der Nige­ri­an­er Ade­bowale Ogung­bu­re im März diesen Jahres den Beschimp­fun­gen beim Spiel seines Vere­ins Sach­sen Leipzig in Halle mit dem Hit­ler­gruß. Der Vor­fall erregte erst­mals öffentlich­es Inter­esse für die über­mäßi­gen aus­län­der­feindlichen Sprüche im Fußball, speziell in Ost­deutsch­land.

Ein neues Neg­a­tiver­leb­nis dieser Art hat­te der SV Altlüder­s­dorf am Ende der ver­gan­genen Sai­son in Burg. Für die Gäste ging es noch um die Meis­ter­schaft der Ver­band­sli­ga Bran­den­burg und damit den Auf­stieg in die Oberli­ga. Ein “nicht gekan­ntes Maß” an Aggres­sion erlebten die Spiel­er und Ver­ant­wortlichen dort nach eigen­er Aus­sage.

“Das war unter­halb jed­er Gürtellinie”, berichtet ein Akteur der dama­li­gen Gast­mannschaft. Die Fans, Funk­tionäre und Spiel­er der Haush­er­ren hät­ten die Gäste­spiel­er über 90 Minuten beschimpft. Vor allem Sebasti­janovic, der Serbe Marko Lal­ic, der Erstli­ga-erfahrene Dejan Klja­jic, der afrikanis­chstäm­mige Fre­drek Debrah und der damals noch für Altlüder­s­dorf aktive Brasil­ian­er Lima wur­den auf das Übel­ste belei­digt. “Ver­pisst euch, ihr Kanaken” war noch ein­er der harm­loseren Sprüche. Nach neun­zig Minuten waren die Gäste aus Altlüder­s­dorf ent­nervt, hat­ten neun Gelbe und eine Gelb-Rote Karte gese­hen und Burg die Par­tie mit 2:0 gewon­nen. “Durch diese Nieder­lage haben wir alles ver­loren”, meint Debrah, der seit etlichen Jahren in Deutsch­land lebt und deutsch­er Staats­bürg­er ist.

Peter Dur­ing, Vor­sitzen­der der beschuldigten SG Burg, kon­nte nach eigen­er Aus­sage “die Vor­würfe in kein­er Weise bestäti­gen. Klar, da ruft mal jemand ‚Sau´, aber das ist im Fußball lei­der so.” Darüber hin­aus sei nichts vorge­fall­en. Ver­ant­wor­tung für das eigene Pub­likum wies Dur­ing von sich. Auch der Schied­srichter meldete dem Ver­band keine beson­deren Vorkomm­nisse. Da dieser nur aus der Zeitung von den Ereignis­sen erfuhr, sah er “von ein­er län­geren Unter­suchung ab”, wie Staffelleit­er Dieter Jord­ing erk­lärte. Die Altlüder­s­dor­fer ihrer­seits verzichteten auf eine schriftliche Beschw­erde. “Wir hat­ten schon vorher kleinere Prob­leme mit dem Ver­band und haben uns wenig Chan­cen aus­gerech­net”, erk­lärt Fritz Müller, der Vor­sitzende des SVA, das Ver­hal­ten seines Vere­ins.

Der Ver­band sein­er­seits scheint die Augen zu ver­schließen. Solche Vor­fälle wie der in Burg seien nie zuvor passiert, heißt es von Ver­bands­seite ganz lap­i­dar. Für die kom­mende Sai­son ist die Par­tie Altlüder­s­dorf gegen Burg für den ersten Spielt­ag ange­set­zt wor­den. Das sei nun nicht mehr zu ändern, kom­men­tierte Staffelleit­er Jord­ing. Train­er Oer­twig und Vor­sitzen­der Müller hinge­gen sprachen “von wenig Fin­ger­spitzenge­fühl”. Bei den Spiel­ern spuken die Ereignisse der nur rund zwei Monate zuvor aus­ge­tra­ge­nen Par­tie noch in den Köpfen herum. Von den eige­nen Fans erhofft sich Fritz Müller zu dieser Par­tie “eine Aktion, die Sol­i­dar­ität mit den eige­nen Spiel­ern” und Ablehnun­gen der Aus­län­der­feindlichkeit demon­stri­eren soll. Der Ver­band hat immer­hin angekündigt, dass das Spiel “unter beson­der­er Beobach­tung ste­ht und im Wieder­hol­ungs­fall drastis­che Strafen dro­hen”. Das erscheint nicht wirk­lich aus­re­ichend, um den Ras­sis­mus von den Fußballplätzen niederk­las­siger Vere­ine zu vertreiben.

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