20. Juli 2006 · Quelle: Mut gegen rechte Gewalt

… Und bin ich jetzt auch ein Verbrecher?

(Jan Lange und Juri Eber) Rund 50 Demon­stran­ten macht­en am 6. Mai die Bewohn­er des Ortes Wollin bei Bran­den­burg auf ihren 82-jähri­gen Nach­barn Karl Gro­pler aufmerk­sam. Er wurde 2005 in Ital­ien als Kriegsver­brech­er zu lebenslanger Haft verurteilt. 

Am 12.August 1944 fiel die 16. Panz­er­grenadier-Divi­sion “Reichs­führer-SS” über das Dorf St. Anna di Stazze­ma und seine Bewohn­er her. Ange­blich als Reak­tion auf Par­ti­sa­ne­nan­griffe wur­den 560 Zivilis­ten, Män­ner, Frauen und Kinder, durch die Waf­fen-SS bru­tal ermordet. Der Ort wurde danach niedergebrannt. 

Die ital­ienis­che Jus­tiz machte Karl Gro­pler und neun weit­ere Deutsche aus­find­ig, die damals als Ange­hörige der Ein­heit vor Ort gewe­sen sein sollen und verurteilte sie im Som­mer 2005 wegen Mordes zu lebenslan­gen Haftstrafen. 

Ver­schwun­dene Beweise 

Dass die Urteile erst nach mehr als sechzig Jahren gesprochen wer­den kon­nten, hat­te poli­tis­che Gründe. Der Schrank, in dem die Akten zu St. Anna und anderen Ver­brechen der Deutschen in Ital­ien während des zweit­en Weltkrieges lagerten, wurde erst nach dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks geöffnet. Der kalte Krieg ver­hin­derte die juris­tis­che Aufar­beitung der Ver­brechen. Deutsch­land war als Nato-Mit­glied ein Part­ner Italiens. 

Inzwis­chen sind viele der Beteiligten ver­stor­ben und kön­nen nicht mehr zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den. Das Ver­fahren in Ital­ien hat­te daher ohne­hin nur eine sym­bol­is­che Bedeu­tung und wird für die Verurteil­ten vor­erst fol­gen­los bleiben. Gro­pler ist in Revi­sion gegan­gen, was die Voll­streck­ung des Urteils vor­erst aus­set­zt. Als deutsch­er Staats­bürg­er ist er in Deutsch­land zudem vor ein­er Aus­liefer­ung an Ital­ien sich­er. Den Über­leben­den von St. Anna, die auch im Prozess berichteten, ging es vor diesem Hin­ter­grund haupt­säch­lich um eine juris­tis­che Anerken­nung des Verbrechens. 

“Es geht um das Poli­tikum und um die his­torische Anerken­nung des Mas­sak­ers”, machte auch Susanne Schröder klar, die gestern in Wollin mit demon­stri­erte. Sie war mit 50 anderen am Sonnabend, den 6. Mai in den bran­den­bur­gis­chen Ort gekom­men, um die Bewohn­er auf ihren Nach­barn Karl Gro­pler und dessen Ver­gan­gen­heit hinzuweisen. Die Demon­stran­ten zogen bis auf wenige Meter vor das Haus Gro­plers, verteil­ten Flug­blät­ter an die Anwohn­er und hängten eine Liste mit den Namen der 560 Toten von St. Anna di Stazze­ma auf. Auf Trans­par­enten forderten sie eine Anklageer­he­bung gegen die Beteiligten des Mas­sak­ers in Deutsch­land. Ander­er Mei­n­ung waren nicht nur die etwa acht Recht­sex­trem­is­ten, die laut Polizeiangaben mehrmals ver­sucht­en, die Ver­anstal­tung zu stören. Auch die Bewohn­er des Ortes, die die Demon­stra­tion von ihren Häusern und Gärten aus beobachteten, äußerten sich größ­ten­teils ablehnend gegenüber der Aktion. Ein ehe­ma­liger Arbeit­skol­lege Karl Gro­plers meinte zu den Vor­wür­fen und dem Urteil in Ital­ien, er “müsse das nicht glauben” und ver­wies auf den “Ver­rat” der Ital­iener im 2. Weltkrieg, die schließlich “unsere Ver­bün­de­ten” gewe­sen seien. Andere mein­ten, “er wäre doch bes­timmt erschossen wor­den, wenn er das nicht gemacht hätte” und beschränk­ten sich des Weit­eren auf Pöbeleien und Zwis­chen­rufe zu den Redebeiträgen. 

Ver­schleppte Verfahren 

Ob Gro­pler “einen eige­nen Hand­lungsspiel­raum hat­te und nicht nur bloßer Befehlsempfänger war oder ob ihm bewusst war, dass es für andere Tat­beteiligte eine andere Hand­lungsalter­na­tive gegeben hat”, ver­sucht die Staat­san­waltschaft Stuttgart noch her­auszufind­en. Sie führt in Deutsch­land die Ermit­tlun­gen zu St. Anna di Stazze­ma und muss jedem einzel­nen der Beschuldigten Mord nach­weisen. Laut ein­er Pressemit­teilung der Staat­san­waltschaft vom Som­mer let­zten Jahres muss hier­für “eines der in Frage ste­hen­den Mord­merk­male” nachgewiesen wer­den. Als solche gel­ten Grausamkeit oder niedrige Beweg­gründe. Zum voraus­sichtlichen Abschluss der Ermit­tlun­gen wollte die Staat­san­waltschaft “noch keine Prog­nose abgeben”. Im Vor­feld der Demon­stra­tion wollte sich die Staat­san­waltschaft nicht weit­er zu dem laufend­en Ver­fahren äußern. 

Karl Gro­pler selb­st war am Sonnabend für Jour­nal­is­ten nicht zu sprechen. Sein Anwalt Hart­mut Mey­er erk­lärte jedoch, die Vor­würfe seien “soweit nicht halt­bar”. Zwar sei die Demon­stra­tion mit dem Ziel, eine Anklageer­he­bung durchzuset­zen, dur­chaus nachvol­lziehbar. Diese sei aber vor dem Sitz der Staat­san­waltschaft durchzuführen, statt Einzelne “durch Nen­nung von Namen und Adresse im Umfeld zu diskred­i­tieren” und in deren Per­sön­lichkeit­srechte einzu­greifen. Die Aktion komme ein­er “Vorverurteilung” gle­ich und gehe am Ziel der Ver­anstal­ter vorbei. 

Nicht nur in Wollin gab es indes Aktio­nen wegen der Ereignisse in St. Anna. Vor ins­ge­samt sieben Häusern, Woh­nun­gen und Altenheimen von wegen des Mas­sak­ers Verurteil­ten wurde demon­stri­ert. Den Abschluss des Aktion­stages bildete eine Demon­stra­tion am 8. Mai vor der Stuttgarter Staat­san­waltschaft. Diese, so kri­tisieren die Organ­isatoren, ver­schleppe seit 2002 die Ermit­tlun­gen. Auch Andreas Köhn, Sprech­er der AG Recht­sex­trem­is­mus bei Ver.di kri­tisiert: “Der Umgang der deutschen Jus­tiz in diesem Fall ist skan­dalös”. Anscheinend gäbe es ein “man­gel­ndes Inter­esse”, die Täter endlich anzuklagen. 

Laut dem Simon-Wiesen­thal-Cen­ter hat­te die Ver­fol­gung von über­leben­den NS-Kriegsver­brech­ern in Deutsch­land nur einen min­i­malen Erfolg vorzuweisen. Ein Ende April veröf­fentlichter Zwis­chen­bericht der vom Cen­ter ini­ti­ierten “Oper­a­tion last Chance” platziert Deutsch­land daher in der drit­ten von fünf Kat­e­gorien. In Län­dern dieser Kat­e­gorie wur­den im beobachteten Zeitraum wed­er Urteile gefällt, noch Ankla­gen erhoben. Angesichts eröffneter neuer Ver­fahren und fortschre­i­t­en­der Ermit­tlun­gen sieht der Bericht jedoch ern­sthafte Chan­cen für Verurteilun­gen. Ins­ge­samt sei ein weit­eres Engage­ment jedoch “drin­gend erforderlich”. 

Die Demon­stran­ten in Wollin haben ein weit­eres Engage­ment angekündigt. Vom Laut­sprecher­wa­gen hieß es, sie wür­den so lange weit­er machen, “bis Karl Gro­pler im Zug nach Ital­ien sitzt”, um seine Haft­strafe anzutreten.

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