10. Februar 2003 · Quelle: Märkische Allgemeine

Fünf junge Schläger und Neonazis raubten einen Dachdecker aus und brachten ihn um

FRANKFURT (ODER) Matthias hat­te nach dem Mord Hunger bekom­men und wollte zu McDon­alds. Es sei “geil” gewe­sen, einen Men­schen abzustechen, sagte er. Er wirk­te glück­lich. Sein weißes Hemd war blut­be­fleckt, besudelt war die Hose, an seinen Hän­den klebte frisches Blut. Ronald Masch, der nach einem Diskobe­such eine Mit­fahrgele­gen­heit gesucht hat­te, lag tot in einem Raps­feld bei Alt Mahlisch. Der Raps stand schon mannshoch.

 

Matthias R. hat­te auf und neben ihm gekni­et, während er zus­tach. 30mal, 40mal vielle­icht, jedes­mal so tief, dass die acht Zen­time­ter lange Messerklinge im Kör­p­er des Dachdeck­ers ver­schwand, so gezielt jedes­mal, dass er die Nieren und das Herz des Opfers ver­let­zte, das auf dem Rück­en lag. Der 29-Jährige hat­te verge­blich ver­sucht, mit seinen Armen die Stiche abzuwehren. Als er nur noch röchelte, sagte Ste­fan, der daneben stand, zu Matthias: “Jet­zt musst du es richtig machen, wenn der auf­ste­ht, sind wir geliefert.” Die bei­den beri­eten sich noch kurz, dann schlitzte Matthias die Halss­chla­gadern auf.

 

Es war ger­ade hell gewor­den an jen­em Sam­stag, dem 1. Juni 2002, als Syl­vana M. Ste­fans roten Peu­geot vom Tatort weg­s­teuert. Matthias R. schwärmte vom Mord, Ste­fan tele­fonierte im Auto mit Maik W. und Axel T., die in Axels rotem Seat fol­gten. Maik W. befahl: Es geht nach Hangels­dorf, sieben Kilo­me­ter west­lich von Fürsten­walde.

 

Die blutbeschmutzten Klei­dungsstücke wur­den dort ver­bran­nt, Matthias R. wusch sich in der Spree. Wider­willig warf er das Mordmess­er in den Fluss. Es liegt ver­mut­lich immer noch im Schlamm.

 

Sie säßen alle in einem Boot, sagte jemand. Ver­räter wür­den “kalt gemacht”. Matthias R. hätte Syl­vana M. schon zuvor gern umge­bracht, weil er sie für zu ner­ven­schwach hielt. Es war offen­bar nicht ein­fach, ihn zur Besin­nung zu brin­gen. Doch schließlich begriff auch er, dass Syl­vanas Leiche der Polizei die Spur nach Fürsten­walde weisen kön­nte. Von dem Toten im Feld hinge­gen würde kein Ver­dacht auf sie gelenkt. Ronald Masch, das wussten die Täter, stammte aus Dol­gelin, 25 Kilo­me­ter nordöstlich von Fürsten­walde. In der Disko im entle­ge­nen Alt-Zeschdorf bei Frank­furt, wo sie das Opfer zufäl­lig ken­nen­gel­ernt hat­ten, wäh­n­ten sie sich unbekan­nt. Tat­säch­lich gab es auf die Täter lange Zeit keinen Hin­weis. Zufälle wur­den fah­n­dungsentschei­dend.

 

“Es war äußerst schwierig, die Täter zu ermit­teln”, erk­lärt der Frank­furter Ober­staat­san­walt Hart­mut Oeser, der mor­gen im Gerichtssaal die Anklage ver­lesen wird. Sechs Wochen lang gab es nicht ein­mal eine Leiche, nur eine Ver­mis­s­te­nanzeige. Selb­st als am 12. Juli ein Mäh­drescher­fahrer in dem Raps­feld ein Skelett ent­deck­te, half das den Fah­n­dern zunächst wenig. “Es gab im Wesentlichen nur noch Knochen, anhand der Löch­er in der Klei­dung musste die Polizei rekon­stru­ieren, was passiert sein muss.” Gerichtsmedi­zin­er zählten mehr als 30 Ein­stiche. Mit Hil­fe ein­er DNA-Analyse wurde die Leiche als Ronald Masch iden­ti­fiziert.

 

Die Polizei ermit­telte, dass Masch im “Night Live” gewe­sen war. “Ein beson­ders tüchtiger Krim­i­nal­beamter”, sagt Oeser, habe das Überwachungsvideo der Diskothek gesichert, bevor es über­spielt wurde. Es zeigte, wie einem Schlafend­en das Porte­mon­naie gestohlen wurde. Dass der Dieb Maik W. war, der Rädels­führer der Rech­sex­tremen in Fürsten­walde mit Kon­tak­ten zur NPD, war nicht erkennbar. Die Polizei hat­te nur den vagen Ver­dacht, dass der Dieb auf dem Video auch mit Maschs Ver­schwinden zu tun haben kön­nte.

 

Die Ermit­tlun­gen zogen Kreise. Schließlich sah ein Polizist das Video, der den wegen Kör­per­ver­let­zung vorbe­straften Maik W. wegen ein­er anderen Tat festgenom­men hat­te. “Der erin­nerte sich”, sagt Oeser. Es war der Wen­depunkt in den Ermit­tlun­gen. “Aber der Tüchtige hat auch Glück.”

 

Nach der Fes­t­nahme der Verdächti­gen zeigte sich dem Staat­san­walt allmäh­lich ein Bild “von maßlos­er Bru­tal­ität”: Als die jun­gen Leute nach dem Diskobe­such heim­fahren woll­ten, bat Ronald Masch um eine Mit­fahrgele­gen­heit. Maik W. habe zum Schein eingewil­ligt, mit seinen Fre­un­den jedoch verabre­det, Masch unter­wegs auszu­rauben. Nur Syl­vana M. und Daniel J. seien dage­gen gewe­sen, doch sie hät­ten den Plan nicht ver­hin­dert. Per Handy hät­ten sie die Polizei rufen kön­nen, meint Oeser. Oder Masch war­nen müssen.

 

Gegen 5.45 Uhr bog der Peu­geot mit dem Opfer auf der Rück­bank bei Alt Mahlisch in einen Feld­weg ab. Axel T. und Maik W. im Seat fol­gten. Masch wurde aus dem Auto gez­er­rt und mit einem Axtstiel geschla­gen. Daniel J. blieb unbeteiligt im Peu­geot sitzen, Syl­vana M. bat verge­blich, mit dem Schla­gen aufzuhören. Masch fle­hte um sein Leben. Während die Räu­ber seine Geld­börse durch­sucht­en, gelang ihm die Flucht. “Eure Gesichter habe ich mir sowieso gemerkt!” rief er zurück.

 

“Der kön­nte sich unsere Kennze­ichen gemerkt haben”, hat nach Überzeu­gung des Staat­san­walts Maik W. darauf gesagt, was dessen Vertei­di­ger Matthias Schöneb­urg anzweifelt.

 

Wer immer den Satz sagte — Matthias R. hat ihn offen­bar als Auf­forderung zum Mord ver­standen. “Der darf nicht am Leben bleiben!” rief er, als er Masch ver­fol­gte. Ste­fan K. ran­nte hin­ter­her. Als Matthias R. und Ste­fan K. etliche Minuten später zu den Wagen zurück­kehrten, soll Maik W. gefragt haben: “Ist der tot?” Matthias R. antwortete: “Dem hab ich die Kehle durchgeschnit­ten.” Ste­fan K. meinte: “Ich weiß nicht, ob der noch lebt.” Kurz darauf schnau­zte Maik W. seinen Kumpel Matthias mit den Worten an “Idiot! Spinnst du!” und gab ihm eine Ohrfeige — weil Maik W. den Mord nicht wollte, meint sein Anwalt. Weil W. befürchtete, Matthias R. würde mit dem Blut des Toten das Auto ver­schmutzen, glaubt hinge­gen der Staat­san­walt.

 

In Ronald Maschs Porte­mon­naie fan­den die Täter nicht einen Cent.

 

Vier Täter aus der recht­sex­tremen Szene
Vor dem Landgericht Frank­furt (Oder) wird mor­gen und an neun weit­eren Prozessta­gen eines der abscheulich­sten Ver­brechen des Jahres 2002 in Bran­den­burg ver­han­delt.

 

Fünf junge Män­ner — vier aus der recht­sex­tremen Szene — ste­hen wegen des Mordes an dem 29-jähri­gen Dachdeck­er Ronald Masch aus Dol­gelin vor Gericht. Die Tat geschah am 1. Juni 2002 nach dem Besuch der Disko “Night Life” in Alt Zeschdorf.

 

Wegen Mordes angeklagt sind der 22-jährige Matthias R. sowie der 25-jährige Ste­fan K. Dem zur Tatzeit 20-jähri­gen Maik W. wirft die Staat­san­waltschaft Ans­tiftung zum Mord vor, dem damals 18-jähri­gen Axel T. Bei­hil­fe zum Mord. Der 25-jährige Daniel J. sitzt wegen des Vor­wurfs unter­lassen­er Hil­feleis­tung bei dem Mord auf der Anklage­bank.

 

Die 22-jährige Syl­vana M. ist nicht im Zusam­men­hang mit dem Mord angeklagt. Ihr wird unter­lassene Hil­feleis­tung bei einem Raub­de­likt vorge­wor­fen. Sie habe gewusst, dass die Mitangeklagten das Opfer berauben woll­ten, es jedoch nicht gewarnt.

 

Der heute 21-jährige Maik W. gilt als Rädels­führer der recht­sex­tremen Szene in Fürsten­walde. Dazu wer­den auch die Angeklagten Matthias R., Axel T. und Daniel J. gezählt.

 

Ober­staat­san­walt Hart­mut Oeser sieht bei dem Ver­brechen kein poli­tis­ches Motiv. “Aber”, sagt er, “dass diese men­schen­ver­ach­t­ende Tat began­gen wurde, liegt an der men­schen­ver­ach­t­en­den Ein­stel­lung der Täter.”

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