28. März 2004 · Quelle: MAZ

Fußfessel nur für Kriminelle

(MAZ, 26.03.) HERMANNSWERDER Fast eine Stunde lang hat­ten die Kids den Innen­min­is­ter “vor der Flinte”. Das The­ma der notorischen Schulschwänz­er vom Oase-Pro­jekt
Her­mannswerder war ein ern­stes, ein prob­lema­tis­ches, ein emo­tionales: Fußfes­seln. Die find­en sie völ­lig daneben und woll­ten von Jörg Schön­bohm wis­sen, was das soll; der hat­te das ja vorgeschla­gen. Der Min­is­ter kam mit seinen Body­guards, über­pünk­tlich und extrem in Eile, weil der Land­tag tagte. Die Videoaufze­ich­nung der Diskus­sion hin­ter ver­schlosse­nen Türen ließ er sich gefall­en und blieb länger als er wollte.

“Sie kön­nen wiederkom­men, wenn Sie wollen”, sagte Schü­lerin Sil­via Eck­ert
dem Min­is­ter zum Abschied. “Mit dem kann man ja richtig gut quatschen”,
sagte sie der Presse, mit der sie schon Erfahrung hat: Die Junge Seite der
MAZ hat­te aus dem Brief zitiert, den Sil­via an Schön­bohm schick­te; der
Besuch war die Antwort. “Wir wis­sen ja oft nicht, was im Land passiert”, gab
Schön­bohm zu: “Das Pro­jekt hier kan­nte ich gar nicht.” Aber es sei wichtig,
weil es Defizite der Gesellschaft repari­eren hil­ft, ein Beitrag zu
Sozial­i­sa­tion der Jugendlichen: “Es kommt uns bil­liger als spätere
Strafver­fol­gung.” Das mit den Fußfes­seln betr­e­ffe ja gar nicht solche
Schulschwänz­er, erk­lärte Schön­bohm seinen Vorstoß, son­dern Schw­erkrim­inelle.

Sil­via ist 16 und in der Acht­en aus­gestiegen, weil sie zu oft geschwänzt und
zu viele Aus­set­zer hat­te, und die anderen fand sie dann alle irgend­wann
kindisch. In Mathe stand sie fünf bis sechs und “has­ste Deutsch wie die
Sünde”. Inzwis­chen rap­pelte sie sich in ein­er Zwölfer­k­lasse mit zwei Lehrern
und zwei Sozialar­beit­ern — weil sie es sel­ber wollte — auf eins bis zwei in
Mathe und einen Brief an den Min­is­ter. Ler­nen macht wieder Spaß; die 9.
Klasse schafft sie sich­er, vielle­icht die 10., “aber das wird eng”.

Auch Bian­ca hat den Abschluss 10. im Blick und weiß, dass sie die neunte
schafft. Sie war oft krank an ihrer Schule und wurde flugs als Schwänz­erin
geschnit­ten. Man hack­te auf ihr rum und machte alles nur noch schlim­mer.
Über die Gesamtschule “Rosa Lux­em­burg” schließlich kam sie zur “Oase”, wohin
man kommt, wenn “nichts mehr geht”.

Aber etwa die Hälfte dort schafft den Abschluss 10. Klasse, die meis­ten den
der Klasse 9, einen Hauptschu­la­b­schluss nen­nt Pro­jek­tleit­er Johannes Egger
das. Sel­ten, dass ein­er nicht­mal das erre­icht.

Bis zu zwei Jahre bleiben die Zöglinge; es gilt, die Schulpflicht zu
erfüllen, nicht unbe­d­ingt ein Lehrziel zu erre­ichen, sagt Gemein­de­päd­a­goge
Bodo Ströber, der das heutige Schul­sys­tem viel zu steif, zu frontal, zu
unflex­i­bel und zu the­o­retisch find­et. “Fürs Leben ler­nen”, der Slo­gan ärg­ert
ihn. “Wer weiß denn schon, ob er ein Beruf­sleben hat?!” Für den morgi­gen Tag
ler­nen müsse man und ler­nen, wie man Prob­leme lösen kann.

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