20. Mai 2005 · Quelle: MOZ

Garnison, Lazarett — und Glück im Untergang

Bad Saarow (ib/MOZ) Bad Saarow vor 60 Jahren. Wie der mit SS- und Wehrma­cht­strup­pen sowie zahlre­ichen Lazaret­ten vollgestopfte Ort das Kriegsende erlebt hat — darüber hat Saarows Heimat­forsch­er Rein­hard Kiesewet­ter am Dien­stagabend vor rund 150 Zuhör­ern im großen Saal des Hotels Esplanade auf Ein­ladung des Kurort­fördervere­ins referiert.

“Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen die Wahrheit über das Kriegsende in Bad Saarow erzäh­le”, koket­tierte der Ehren­bürg­er der Gemeinde. Schließlich habe er schon acht Monate vorher seinen Kara­bin­er entsorgt und sich mit Zivil­sachen in sow­jetis­che Kriegs­ge­fan­gen­schaft begeben. Alles was er wisse, kenne er nur vom Hören­sagen. Und die Wahrheit? “Fünf Bürg­er erleben ein und das­selbe Ereig­nis. Alle schreiben es auf — und erzählen fünf ver­schiedene Geschicht­en. Jed­er sieht es anders”, sagte Kiesewet­ter. Doch er hat nicht nur mit vie­len Sol­dat­en, die das Kriegsende in Saarow erlebten, und anderen Zeitzeu­gen gesprochen, son­dern auch in Archiv­en unnd Schriften recher­chiert. Seine Fak­ten:

Am 25. Mai 1937 wurde Saarow zur Gar­ni­son mit den bere­ichen Aus­bil­dung, Ver­suche und Heeresab­nahme der Luft­waf­fen-Sper­rbal­lon­abteilung. Auf dem Annen­hof ent­standen zudem drei große Ango­ra-Kan­inchen­ställe, damit die Luft­waffe ihren Beitrag zur Wirtschaft leis­ten kon­nte.

1943 zog das SS-Führung­shaup­tamt nach Saarow, da sich die Führung in Berlin nicht mehr sich­er fühlte. Die Kinder­garten­baracke auf dem Dor­fanger Pieskow war SS-Offiziers-Casi­no; Alte Eichen SS-Stützpunkt 3, wohin die Post für die KZler in Ketschen­dorf ging.

Als 1944/45 Heimatwehren aufgestellt wur­den, blieb Saarow wegen der großen Mil­itär­präsenz davon ver­schont.

Dafür bilde­ten SS-Leute auf dem Sport­platz 15-jährige Hitler­jun­gen des Kreis­es Beeskow-Storkow an der Waffe aus — als “Wehrwölfe”, die hin­ter den Lin­ien agieren soll­ten.

Seit Sep­tem­ber 1939 ist Saarow Lazarett-Ort — zunächst mit dem dama­li­gen Hotel Esplanade (140 Bet­ten). Es fol­gten viele weit­ere Häuser. Die schlimm­sten Ver­let­zten lagen im Park­ho­tel — Arm- und Beinam­putierte, Leute mit Erfrierun­gen. Die SS ver­lagerte ihr Feld­lazarett (seit Jan­u­ar 1945 im Esplanade) am 20. April Rich­tung Halbe.

Die Son­der­an­la­gen von Hitlers Leibarzt Prof. Dr. Karl Brandt auf dem jet­zi­gen Humaine-Gelände dien­ten dazu, kranke Men­schen auszu­sortieren. Dazu ist es in Saarow offen­bar nicht mehr gekom­men.

Vom 9. März bis 21. April 1945 bezog der Stab der 9. Armee unter Gen­er­al Theodor Busse auf dem Saarow­er Eiben­hof Quarti­er: Dr. Paul Grab­ley musste sein Kranken­haus räu­men. Busse entkam später aus dem Hal­ber Kessel-Chaos in einem Panz­er, der auch über Zivilis­ten und eigene Sol­dat­en rollte. Er flüchtete in amerikanis­che Gefan­gen­schaft.

Saarow selb­st erlebte das direk­te Kriegs­geschehen vom 16. bis 25. April. Jagdbomber flo­gen kreuz und quer über den Ort. Bei Marien­höhe wurde ein sow­jetis­ches Flugzeug abgeschossen. Ein Insasse, in anderen Bericht­en ist von dreien die Rede, wurde zum Eiben­hof gebracht, erschossen und ver­schar­rt.

Am 20. April wur­den die Ein­wohn­er aufge­fordert, den Ort zu ver­lassen. Viele fol­gten dem nicht. Andere, die Rich­tung Wendisch Rietz gin­gen, kamen auf der völ­lig ver­stopften Straße dort nicht weit­er und kehrten zurück, einige geri­eten aber auch in den Kessel von Halbe.

Die Rotarmis­ten kamen am 25. April über eine Not­brücke auf der Auto­bahn bei Berken­brück und west­lich von Fürsten­walde über die Spree sowie über Neu Golm und Neure­ichen­walde nach Saarow. Gekämpft wurde vor allem in der Sil­ber­berg­er Straße.

Am 27. April forderten die Befreier über Laut­sprech­er (“Wir geben euch zu Essen”) die Leute zum Arbeite nauf: Sie mussten in den Wäldern nach Toten suchen. Tote Sow­jet­sol­dat­en wur­den in der Kolpin­er Straße beige­set­zt und später nach Beeskow umge­bet­tet.

Die unheim­liche Het­zkam­pagne der Nazis hat ihre Wirkung nicht ver­fehlt: Auch in Saarow gab es viele Suizide — etwa 40 Zivilis­ten.

In Saarow gab es etwa 100 tote Sol­dat­en; die meis­ten star­ben in den Lazaret­ten.

“Bei allem, was hier an Ein­heit­en war”, könne Saarow glück­lich sein, dass rel­a­tiv wenig passiert sei, sagt Dr. Peter Grab­ley, Vor­standsmit­glied im Kurort­fördervere­in.

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