10. November 2006 · Quelle: AALP

Gedenkkundgebung in Potsdam

Heute ver­sam­melten sich etwa 20 junge AntifaschistIn­nen am „Platz der Ein­heit“ in
Pots­dam, um der Progrome gegen die jüdis­che Bevölkerung im Jahr 1938 zu gedenken,
aber auch, um an die Novem­ber­rev­o­lu­tion 1918 zu erin­nern. Im Anschluß an das
Ver­lesen der Rede wur­den am Mah­n­mal und am Ort der alten Syn­a­goge Blumen
niedergelegt. Anschließend wur­den einige Flug­blät­ter mit dem fol­gen­den Inhalt in der
Pots­damer Innen­stadt verteilt:

Reich­skristall­nacht – ein beschöni­gen­der Begriff für die Geschehnisse, die sich vor
exakt 68 Jahren in der Nacht vom 9. zum 10. Novem­ber in ganz Deutsch­land und
Öster­re­ich ereigneten 

“’Kristall­nacht’! Das funkelt, blitzt und glitzert wie bei einem Fest! Es wäre
längst Zeit, daß diese böswillig-ver­harm­losende Beze­ich­nung zumin­d­est aus der
Geschichtss­chrei­bung ver­schwände.” schrieb Avra­ham Barkai 

Doch genau so ste­ht die gewalt­same Zer­störung von Leben und Eigen­tum der Anhänger
des jüdis­chen Glauben­beken­nt­niss­es noch heute in vie­len Geschichtsbüchern.
In dieser Nacht wur­den über 400 Men­schen ermordet und in den Tod getrieben,
sämtliche 1400 Syn­a­gogen im soge­nan­nten ´Deutschen Reich´ ver­bran­nten und mehr als
8000 Geschäfte wur­den zer­stört. Min­destens 30´000 JüdIn­nen wur­den in
Konzen­tra­tionslager deportiert. Wie viele von ihnen über­lebten ist unsich­er — Der
Tod war Sinn und Zweck dieser indus­triellen Men­schen­ver­nich­tung. In grenzenlosem
Zynis­mus ord­nete das Naziregime die „Wiedergut­machung der öffentlichen Schäden“
durch die Opfer selb­st an. Eine Mil­liarde Reichsmark. 

Die Novem­ber­pogrome markierten den Über­gang von der Diskri­m­inierung der deutschen
JüdIn­nen zur sys­tem­a­tis­chen Ver­fol­gung. Die von der Regierung organisierten
Ver­brechen wur­den durch alle Teile des Regierungsap­pa­rates und bre­iteste Teile der
Bevölkerung mit­ge­tra­gen und bejubelt. So ist in ein­er geheimen Dien­stan­weisung der
Geheimen Staat­spolizei zu lesen: 

1. Es wer­den in kürzester Frist in ganz Deutsch­land Aktio­nen gegen Juden
stat­tfind­en. Sie sind nicht zu stören.
2. Es ist vorzu­bere­it­en die Fes­t­nahme von etwa 20´000 bis 30´000 Juden im Reiche. Es
sind auszuwählen vor allem ver­mö­gende Juden. 

Die Medi­en titel­ten „Der gerechte Volk­szorn hat gesprochen“. 

Das alles kommt uns in unser­er demokratis­chen Über­legen­heit so weit ent­fer­nt vor,
dass für zahlre­iche Men­schen eine Wieder­hol­ung solch­er oder ähn­lich­er Verhältnisse
unmöglich scheint. Indes verkommt der notwendi­ge Erin­nerung­sprozess zu einem Ritual.
Er wird jedes Jahr pünk­tlich zu denkwürdi­gen Jahresta­gen in Form von politischer
Heuchelei abgeleistet. 

Reden zu stark­er Demokratie als Waffe gegen den Faschis­mus und Rechtsextremismus
wer­den geschwun­gen. Mehr zivilge­sellschaftlich­es Engage­ment wird einge­fordert, wobei
gle­ichzeit­ig eine Krim­i­nal­isierung der ern­sthaften Auseinan­der­set­zung mit dieser
The­matik stattfindet. 

Antifaschis­mus ist notwendig! 

All diese Reden über Ver­ant­wor­tung und Anteil­nahme sind nur Lippenbekenntnisse.
Nicht anders kön­nen wir uns zum Beispiel den seit über 2 Jahren andauern­den Konflikt
um die Ausstel­lung zu den NS-Kinderde­por­ta­tio­nen erk­lären. In dem Kon­flikt zwischen
der Ini­tia­tive „Elf­tausend Kinder“ und der Deutschen Bahn AG geht es um die
Erlaub­nis, eben diese Form des Gedenkens an die Todeszüge der Reichs­bahn auf
deutschen Bahn­höfen sicht­bar zu machen.
Wir sehen die DB AG als Nach­fol­ge­un­ternehmen in der Pflicht zur Unter­stützung dieses
Anliegens. 

Das Gegen­teil ist jedoch der Fall: Seit Jahren wird die Ausstel­lung von der DB unter
Hin­weisen auf die sicher­heit­stech­nis­che Gefährdung der Bahn­höfe sabotiert. Die
eben­so in Frankre­ich stat­tfind­ende Ausstel­lung kon­nte auf die Zusam­me­nar­beit mit den
dor­ti­gen Bahn­hofs­be­treiberIn­nen zählen und ihr Anliegen ohne Hin­dernisse in den
All­t­ag der Men­schen tragen.
Bis zum heuti­gen Tage bleiben die deutschen Bahn­höfe für eine Erin­nerung an das
Lei­den der Mil­lio­nen Jüdin­nen und Juden versper­rt. Sollte ein Ein­satz von Polizei
gegen die Demon­stran­ten dieser Ausstel­lung nicht nach­den­klich stim­men? (Dies geschah
bere­its in Weimar.) 

Was bringt eine Kul­tur der Erin­nerung, wenn die Erin­nerung selb­st dabei zum
heuch­lerischen Rit­u­al verkommt? 

Tat­en statt Worte! Das ist das min­deste, was wir von unseren Mit­men­schen fordern. 

Ein stetiges Ler­nen aus den Fehlern der Ver­gan­gen­heit ist die Vor­raus­set­zung für das
Ver­mei­den eben dieser in Gegen­wart und Zukun­ft. In der derzeit gelebten sog.
„Erin­nerungskul­tur“ suchen wir verge­blich nach Gewis­sen und kri­tis­chem Bewusstsein. 

Solange unternehmerischen Inter­essen größere Gel­tung beigemessen wird als der
Geschichte und Ver­ant­wor­tung, sehen wir keinen angemesse­nen Umgang mit der
Ver­gan­gen­heit in der Bun­desre­pub­lik Deutschland. 

Um an diesem Tage nicht nur mah­nend den Zeigefin­ger zu heben, möcht­en wir auch auf
dur­chaus pos­i­tive Errun­gen­schaften aufmerk­sam machen. So sehen wir die
Novem­ber­rev­o­lu­tion aus dem Jahre 1918 in ein­er Tra­di­tion der politischen
Emanzi­pa­tion. Verknüpft mit dem heuti­gen Datum sind die Matrose­nauf­stände in Kiel,
welche in ihrer Kon­se­quenz das ganze Kaiser­re­ich erfassten und schließlich den
Kaiser zur Abdankung zwangen. 

Die alten vorkap­i­tal­is­tis­chen Eliten trieben bei bre­it­em Anklang in der Bevölkerung
auf den ersten Großen Krieg der Welt­geschichte hin. Der mit 9 Mil­lio­nen Toten nur
vom II. Weltkrieg übertrof­fene I. Weltkrieg brachte das „Deutsche Kaiser­re­ich“ bis
an den Rand sein­er Leistungsfähigkeit.
Der bedin­gungslose Gehor­sam gegenüber der monar­chis­chen Führung versagte
let­z­tendlich und es kam zur Erhebung.
Zweifel­sohne: hätte diese Erhe­bung schon früher stattge­fun­den, so hät­ten viele
Men­schen­leben gerettet werden. 

In der Folge der rev­o­lu­tionären Ereignisse kam es zu ein­er enor­men Umgestal­tung der
Machtver­hält­nisse im Innern des noch immer auf Hier­ar­chien basieren­den Reich­es. Die
Mehrheitlichen Sozialdemokrat­en standen von nun an der Spitze des Staates. Sie
schworen nun auch ihren let­zten Ide­alen ab und set­zten die reak­tionären Freikorps
gegen ihre ehe­ma­li­gen Mit­stre­i­t­erIn­nen ein. Arbei­t­erIn­nen gegen ArbeiterInnen.
Den­noch set­zte sich zum Beispiel am 7. April 1919 die Münch­en­er Rätere­pub­lik gegen
die par­la­men­tarische Demokratie durch. Und trotz ihres kurzen Bestandes bis zum
2.Mai des­sel­ben Jahres fassen wir diese Entwick­lung noch in der heuti­gen Wer­tung als
fortschrit­tlich auf. 

Die gewalt­täti­gen Nieder­schla­gun­gen neu ent­standen­er Zen­tren politischer
Selb­stver­wal­tung und Eigen­ver­ant­wortlichkeit stellen den großen Ver­rat der
Sozialdemokratie an sich selb­st dar.
Dieser Selb­stver­rat zeit­igt noch bis zum heuti­gen Tage seine Wirkung – hat doch die
unter dem Namen SPD fir­mierende Partei kein­er­lei Anspruch auf den Inhalt ihres
Titels. 

Den­jeni­gen GenossIn­nen, denen der Absprung noch vor dem Ver­rat der
Arbei­t­erIn­nen­in­ter­essen gelang, gilt unser Respekt. 

Den­jeni­gen, die auch unter den erschw­erten Bedin­gun­gen weit­er in den Rei­hen des
Spar­takus­bun­des, der USPD oder anderen pro­gres­siv­en Bewe­gun­gen für die gerechte
Sache der Arbei­t­erIn­nen kämpften, gilt unsere aufrichtige Zuneigung. 

Für den Antifaschismus! 

Für eine freie, klassen­lose Gesellschaft! 

Der Kampf geht weiter!

[A] ALP

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