13. Februar 2006 · Quelle: TAZ

Gefangen im Monsterkäfig”

taz: Zwei junge Män­ner haben 2002 in Pot­zlow in Bran­den­burg schein­bar grund­los einen Bekan­nten bes­tialisch umge­bracht. “Der Kick” ist der Ver­such, die Motive zu erforschen. Hat sich Ihr Bild der Tat im Laufe der Recherche verän­dert?

Andres Veiel: Ja. Anfangs schien mir die Tat so mon­strös, dass jed­er Blick dahin­ter versper­rt war. Das lag an der Tat selb­st und daran, dass in den ersten zwei, drei Stun­den der Quälerei Zeu­gen dabei waren, die nicht ein­schrit­ten und später schwiegen.

Ein deutsches Motiv: eine ter­ror­is­tis­che Tat und Zuschauer, die mitschuldig wer­den.

Ja. Die Staat­san­waltschaft meinte, dass dem Dorf der zivil­isatorische Stan­dard fehlt. Das war auch meine Aus­gangs­these. Aber das stimmt so nicht. Der Ort Pot­zlow ist kein ein­heitlich­er Chor, son­dern ein viel­stim­miger.

Warum?

Viele Pot­zlow­er sagen, dass Täter- und Opfer­fam­i­lien Zuge­zo­gene waren und man deshalb damit nichts zu tun habe. Aber es gibt auch andere, die sagen: Nein, es ist bei uns passiert. Wir müssen uns damit befassen. Ich wollte in dem Chor die Einzel­stim­men wieder hör­bar machen.

Hat sich auch Ihr Blick auf die Motive verän­dert?

Es gibt bei solchen Tat­en oft auch Gewalt in den Fam­i­lien, Miss­brauch, Alko­holis­mus, Demü­ti­gun­gen. Doch bei den Eltern der Täter Mar­cel und Marko trifft das nicht zu. Eine Spur zu Trau­ma­tisierun­gen gibt es über den Groß­vater, der anse­hen musste, wie seine Eltern im Krieg stran­guliert wur­den, und das erst am Toten­bett dem Vater erzählen kon­nte. Das ist keine Kette von Ursache und Wirkung, aber ger­ade Ver­schwiegenes arbeit­et in Fam­i­lien ja weit­er.

Die Täter zwin­gen ihr Opfer, sich Jude zu nen­nen. Ist Neon­azis­mus der Schlüs­sel zur Tat?

Eher nicht. Das sind Ver­satzstücke. Jude war das Syn­onym für: Das sind keine Men­schen, das sind Tiere, auf die man drauf­pinkeln kann. Das war die zweite Eskala­tion­sstufe. Die erste war: Der Auss­chluss von Mar­i­nus aus der Män­nerkaste, weil er keinen Schnaps verträgt.

Die doku­men­tarischen Texte der bei­den Schaus­piel­er in “Der Kick” leg­en ver­schiedene Motivstränge frei: eine fast all­ge­meine Frem­den­feindlichkeit im Ort. Und die Gewal­ter­fahrung der Täter dort. Das Stück schafft aber keine Hier­ar­chie dieser Motive. Es läuft nicht auf ein Zen­tral­mo­tiv, eine Erk­lärung zu. Warum nicht?

Ich glaube, es gibt keinen Schlüs­sel. Die Tat war auch nicht zwin­gend. Nach­dem sie Mar­i­nus zwei Stun­den gequält hat­ten, waren die Täter schon auf dem Weg nach Hause. Dann kehren sie um, und ein­er von ihnen tötet ihn. Da ist Zufall im Spiel. Wenn es ein Kern­mo­tiv gibt, dann ist es der Mach­trausch, jeman­den zu demüti­gen. Und wie Mar­cel selb­st gesagt hat, der Kick, jeman­den den Schädel zu zertrüm­mern.

Jörg Schön­bohm hat ver­sucht, Gewalt im Osten mit der Ent­bürg­er­lichung und Entchristlichung in der DDR zu erk­lären. Funk­tion­iert das?

Nein, so pauschale Ansätze retuschieren immer mehr weg, als sie erk­lären. Schön­bohm zielte auf den Fall ein­er Frau in Frank­furt (Oder), die ihre neun Babys getötet hat. Aber diese Frau kam aus einem christlichen Eltern­haus. Außer­dem gab es in der DDR-Gesellschaft, bei aller Ent­bürg­er­lichung, den heute oft nos­tal­gisch verk­lärten Zusam­men­hang der Man­gelge­sellschaft. Weil immer allen etwas fehlte, war man aufeinan­der angewiesen — gle­ichzeit­ig gab es die Konkur­renz nicht, die im West­en so mächtig ist. Lässt man die poli­tis­che Repres­sion mal bei­seite, gab es viel Sicher­heit und Zusam­men­halt …

… der 1990 zer­bricht.

Ja. Das bet­rifft vor allem die Gen­er­a­tion, die damals zwis­chen 30 und 45 ist und nicht mehr gebraucht wird. Die Kinder spüren diese Verun­sicherung und wis­sen nicht, wie sie sich iden­ti­fizieren sollen.

Als Hin­ter­grund­mo­tiv spielt die Post-Wende-Unsicher­heit also eine größere Rolle als leere Kirchen?

Ja. Einen Sin­nver­lust gibt es eher für die Zeit nach 1990. Ich habe bei vie­len in Pot­zlow eine typ­is­che Trotzhal­tung gegen den West­en gespürt. Ein­er hat mal gesagt: “Wenn jemand zusam­mengeschla­gen wird, greife ich nicht ein.” Das hieß über­set­zt: Die kläglichen Wert­er­este von Zivil­courage, die ihr uns neben eur­er gnaden­losen Konkur­renz verord­nen wollt, kön­nt ihr behal­ten.

Die Texte sind nicht nur Ver­suche, Motive zu beschrieben. Sie zeigen die Fig­uren auch als lei­dende Krea­tur: nicht nur die Mut­ter der Opfers, auch die Täter selb­st. Sie zeigen sog­ar die Per­spek­tive der Fre­undin eines Täters, die ihn liebt. Warum?

Weil viele dazu neigen, die Täter in den Mon­sterkä­fig zu sper­ren. Wenn man hört, wie fast bedin­gungs­los San­dra Marko liebt, wird das schwieriger.

Warum haben Sie Ihr The­ater­stück auch noch ver­filmt?

Banale Antwort: Weil nicht so viele Leute ins The­ater gehen.

Und die kom­plizierte?

Im The­ater insze­niert man nur Total­en. Man schafft eine Span­nung über die Dis­tanz der Schaus­piel­er. Mit der Kam­era kann ich Nuan­cen der Mimik zeigen. Was ich gar nicht wollte, war the­atrale Gestal­tung. Ich wollte die Konzen­tra­tion auf den Text. Viele Szenen im Film sind um vier Uhr mor­gens ent­standen. Da waren die Schaus­piel­er zu müde, um noch zu spie­len. Dieses Zurückgenommene wollte ich.

Dem Film fehlt aber die unmit­tel­bare Präsenz des The­aters. Was fügt das Medi­um Film dem Stück hinzu?

Einen anderen Rhyth­mus. Wir haben Texte viel mehr gegeneinan­der mon­tiert. Und es wird mehr geschwiegen. Das Schweigen funk­tion­iert im The­ater nicht, zumin­d­est nicht bei einem Stück ohne Psy­cholo­gie. Im Film schon. Weil man näher an die Gesichter rück­en kann.

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