5. November 2003 · Quelle: Antifa Erkner

Gegen Antisemitismus, deutschen Großmachtwahn und Opfermythos

Aufruf zur Kundge­bung in Erkn­er am 65. Jahrestag der Reich­s­pogrom­nacht

Son­ntag, 9.11., ab 11 Uhr

Denkmal gegenüber dem Gym­na­si­um (Erkn­er)

Am 9. Novem­ber 1938 wur­den in Erkn­er und Umge­bung, wie im gesamten Deutschen Reich jüdis­che Ein­rich­tun­gen wie Syn­a­gogen, Woh­nun­gen und Geschäfte von SS, SA, Schutzpolizei und „nor­malen“ Deutschen ange­grif­f­en, ver­wüstet und zum Teil niederge­bran­nt. Fast 100 Jüdin­nen und Juden star­ben in der Reich­s­pogrom­nacht, 30.000 wur­den ver­haftet und in KZs ver­schleppt, in denen die meis­ten von ihnen star­ben.

Dieses Pogrom war ein Wen­depunkt ein­er Poli­tik, an deren Ende sechs Mil­lio­nen €päis­che Juden ver­nichtet waren. Mil­lio­nen von Deutschen ließen es geschehen oder beteiligten sich daran. Nach der Reich­s­pogrom­nacht kon­nte nie­mand mehr behaupten von nichts gewusst zu haben.
Nach der Befreiung vom Nation­al­sozial­is­mus durch die Alli­ierten, die von den meis­ten Deutschen als Nieder­lage emp­fun­den wurde, erk­lärten sie sich in DDR und BRD zu Opfern Hitlers und sein­er Hand­langer, von denen sie ange­blich ver­führt wor­den seien. Sie ver­weigerten sich kollek­tiv der Reflex­ion der eige­nen Mit­täter­schaft und gin­gen zum All­t­ag über.

Keine Rede mehr von Mil­lio­nen begeis­tert­er Deutschen die lau­thals „Ja“ zum total­en Krieg und zur total­en Ver­nich­tung schrieen und von denen nur ein lächer­lich geringer Teil Wider­stand leis­tete. Wer hielt denn die Mord­maschiner­ie am Laufen? Es waren eben nicht die hohen Funk­tionäre in Partei und Staat, son­dern die soge­nan­nten „kleinen Leute“, die ohne ein Wort des Wider­spruchs die Züge voller Men­schen in die Ver­nich­tungslager fuhren, an Massen­er­schießun­gen teil­nah­men, die Woh­nun­gen von deportierten Juden aus­räumten oder die For­mu­la­re über den kor­rek­ten Abtrans­port bear­beit­eten.

Die (Nicht-)Wahrnehmung bzw. Ver­leug­nung der eige­nen Schuld drück­te sich in den weit ver­bre­it­eten Floskeln „man kon­nte ja nichts machen“ und „Wir haben von nichts gewusst“ aus. Mit diesen und ähn­lichen Sätzen legte sich die Täter­gen­er­a­tion die indi­vidu­elle Lebenslüge zurecht und sprach sich von eigen­er Ver­ant­wor­tung frei oder bekan­nte sich dazu. Nach­dem die eigene Biogra­phie zurecht­ge­bo­gen und –gel­o­gen war, kon­nte sich der Blick von nun an auf das selb­st erlit­tene „Leid“ richt­en.

Dieses Leid, z.B. die soge­nan­nte „Vertrei­bung“ (in Wahrheit Umsied­lung), wurde mit dem eige­nen Ver­brechen — dem organ­isierten Massen­mord an den €päis­chen Juden — gle­ichge­set­zt und damit ver­harm­lost. Nach der Eigen­wahrnehmung viel­er Deutsch­er sind sie die wahren Opfer des von ihnen begonnenen Krieges und so bauen sie Denkmäler für die (deutschen) Gefal­l­enen des Zweit­en Weltkrieges, wie z.B. in Mark­graf­pieske bei Fürsten­walde. Die Selb­st­stil­isierung als Opfer kann nur als zynisch beze­ich­net wer­den, wenn man bedenkt, das die wirk­lichen Opfer wie z.B. ehe­ma­lige Zwangsar­bei­t­erIn­nen bis heute noch nicht in vollem Umfang entschädigt wor­den sind. Stattdessen nimmt das Selb­st­mitleid immer größere Aus­maße an. So wird vom „Bund der Ver­triebe­nen“ (BdV) gefordert in Berlin für 80 Mil­lio­nen Euro ein „Zen­trum gegen Vertrei­bun­gen“ (ZgV) zu erricht­en, um der Welt die Lei­den der Deutschen vor Augen zu führen. Dies ist pure Ide­olo­gie, denn für die größten Vertrei­bun­gen während des Zweit­en Weltkrieges sind immer noch die Deutschen ver­ant­wortlich, die Mil­lio­nen Men­schen in Polen, Tschechien, Sow­je­tu­nion, etc. ver­trieben, ver­sklavten und ermorde­ten. Die Umsied­lung von mehren Mil­lio­nen Deutschen aus dem Osten Europas war lediglich die Reak­tion auf deren Kol­lab­o­ra­tion mit dem NS. Umge­siedelt wur­den alle Deutschen, die sich dem NS nicht wider­set­zten — Wider­stand­skämpferIn­nen und AntifaschistIn­nen waren, bis auf Aus­nah­men, hier­von nicht betrof­fen. Der Mythos von den Deutschen als „wahre“ Opfer des NS dient nur der Revi­sion der Ergeb­nisse des Zweit­en Weltkrieges und damit dem neuer­stark­enden deutschen Groß­macht­wahn.

Auch der Anti­semitismus ist wieder da, nicht so offen, aber genau­so weit ver­bre­it­et. So stim­men wieder 40% der Deutschen der Aus­sage zu „Die Juden hät­ten zu viel Ein­fluss auf das Welt­geschehen“ (Die Tageszeitung vom 26.09.2003). Auch die Zahl anti­semi­tis­ch­er Gewalt­tat­en ver­dop­pelte sich nach Angaben des Ver­fas­sungss­chutzes in der let­zten Zeit. 65 Jahren nach der Reich­s­pogrom­nacht erdreis­tet sich der ehe­ma­lige FDP-Spitzen­poli­tik­er Jür­gen W. Mölle­mann zu behaupten, die Juden seien am Anti­semitismus selb­st schuld und find­et damit große Zus­tim­mung in Deutsch­land.

Diesem Denken gilt es ent­ge­gen­zutreten.

Wir fordern euch auf zur Kundge­bung am 9. Novem­ber zu kom­men und mit uns zusam­men gegen Anti­semitismus, deutschen Groß­macht­wahn und Opfermythos zu demon­stri­eren!

Antifa Erkn­er // Okto­ber 2003

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